Zu funky für den Index

«Blurred Lines» von Pharrell Williams und Robin Thicke ist geklaut, die Musiker wurden bestraft. Muss der Megahit nun am Radio verboten werden?

Abgekupfert: Pharrell Williams' Song «Blurred Lines» für Robin Thicke. (Video: Youtube/RobinThickeVEVO)


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«Wir spielen ‹Blurred Lines› weiterhin», sagt Saskia Wegmann, Mediensprecherin von Radio SRF. «Ein Song fällt bei uns nicht aus der Playlist, wenn er als Plagiat verurteilt wird. Was auf den ersten Blick überrascht, hat einen handfesten juristischen Hintergrund: Ist ein Song ein Plagiat, wird er dadurch nicht illegal. Nur seine Urheberschaft ändert sich, sollte sich herausstellen, dass er tatsächlich abgekupfert wurde. Das heisst, als Urheber des Songs «Blurred Lines» gelten ab sofort nicht mehr Pharrell Williams und Robin Thicke, sondern Marvin Gaye.

Dies bestätigt auch der Anwalt und Geschäftsführer von Ifpi Schweiz, Lorenz Haas. «Bei einer gerichtlichen Verurteilung als Plagiat wird zunächst nur die Autorschaft richtiggestellt. Daraus leiten sich dann Schadenersatzansprüche und ähnliche Geldforderungen ab.» «Blurred Lines» ähnelt Marvin Gayes Song «Got to Give It Up» von 1977 so stark, dass ein Gericht in Los Angeles es als erwiesen betrachtet, dass Williams und Thicke ihren Sommerhit 2013 bei Marvin Gaye abgeschrieben haben. Sie müssen nun 7,4 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen.

Künftig gehen die urheberrechtlichen Einnahmen von «Blurred Lines» direkt an die Erben von Marvin Gaye. Sie werden also mitverdienen und haben eigentlich kein Interesse daran, den Verkauf des Songs zu verhindern. Trotzdem hat der Anwalt der Gaye-Erben angekündigt, die weitere Verbreitung des Hits «Blurred Lines» gerichtlich verbieten zu lassen.

«Got to Give It Up» von Marvin Gaye. (Video: Youtube/kriptking)

Das wäre auch möglich, sagt Giorgio Tebaldi von der schweizerischen Urheberrechtsgesellschaft Suisa. «Das Lied wurde nie mit Erlaubnis des Originalurhebers in Umlauf gebracht. Es fand also – streng genommen – noch gar keine (genehmigte) Veröffentlichung statt. Theoretisch können somit sämtliche öffentlichen Nutzungen der illegalen Bearbeitung verboten werden.»

Das Problem dabei ist, dass der Song allein im Jahr 2013 6,5 Millionen Mal heruntergeladen wurde und mehrere Millionen Tonträger verkauft wurden. Das Verbot müsste sich also faktisch auf die zukünftige Verbreitung beschränken. Und gälte lediglich für den US-Markt. Für alle anderen Länder würde es entsprechende Verhandlungen in den Ländern bedingen.

Doch auch wenn es so weit kommen sollte, dass der Song in den USA nicht mehr verkauft und gesendet werden darf, dürfte der Hit in der Schweiz weiterhin am Radio zu hören sein. «Eine solche Verfügung könnte in der Schweiz kaum vollstreckt werden», sagt Lorenz Haas. Und unter Schweizer Recht wäre es gar nicht möglich, den Song verbieten zu lassen. Anders ist es bei Büchern. Der Roman «Bergsteigen im Flachland» des Schweizer Schriftstellers Urs Mannhart etwa, der unter Plagiatsverdacht steht, darf bis zum Abschluss des Verfahrens nicht mehr vertrieben werden.

DJ Bobos Klau

Songs, die unter Plagiatsverdacht stehen, gibt es zuhauf. Von Sam Smiths «Stay with Me» bis zu Shakiras «Loca» haben die meisten Stars schon entsprechende Vorwürfe über sich ergehen lassen müssen. Meistens kommt es aber zu aussergerichtlichen Einigungen, da ein Prozess langwierig und aufwendig ist. Und letztlich nicht mehr bringt als ein Vergleich. DJ Bobo etwa einigte sich mit Rockwell auf eine Zahlung, weil er für seinen ersten Hit «Somebody Dance with Me» ganz offensichtlich bei dessen «Somebody's Watching Me» von 1984 abgekupfert hatte.

Dass Radio SRF Songs aus dem Programm nimmt, kommt kaum je vor. Zwar werden rassistische Songs nicht gespielt, sagt Saskia Wegmann, und auch Musik, die gegen die publizistischen Leitlinien von Radio SFR verstösst, ist nicht zu hören. Doch einen Index gibt es nicht. Im Gegensatz zu Deutschland. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat immer ungefähr rund 1000 Tonträger auf dem Index, Titel also, die Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Sie dürfen weder in Geschäften noch im Internetversandhandel an unter 18-Jährige verkauft werden, nicht im Radio gespielt oder auf Youtube veröffentlicht werden. Auch eine öffentliche Bewerbung ist verboten. In der Schweiz will der Bundesrat keine Stelle für Jugendschutz einrichten, weil «die Veröffentlichung von Listen mit indizierten Medien den unerwünschten Effekt haben (könnte), dass die Popularität solcher Medien sprunghaft ansteigt».

Erstellt: 11.03.2015, 16:54 Uhr

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