Zur Opulenz verdammt – Muse im Hallenstadion

Ist das noch Rock, oder ist es schon Musical? Die Gruppe Muse hat in Zürich über die Stränge geschlagen.

Wille zum Bombast: Muse beim Konzert im Zürcher Hallenstadion. Foto: Urs Jaudas

Wille zum Bombast: Muse beim Konzert im Zürcher Hallenstadion. Foto: Urs Jaudas

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Der Stadionrock ist eine ganz eigene Disziplin im Popzirkus. Hier geht es um weit mehr als um das schiere Musikschaffen. Es geht um eine Demonstration von Macht. Der Wert einer Band wird in der Anzahl Tonnen an Licht- und Beschallungmaterial gemessen, die sie um die Welt schleppt. Es gab Zeiten, da gehörte die Gruppe Muse zu den Spitzenathleten des Genres, zeitweise lag sie mit ihren 49 Sattelschleppern nur noch 11 Stück hinter den Rolling Stones zurück.

Und offenbar haben die Betriebswirte der Band für die laufende «Simulation Theory»-Tour am Budgetposten «Live-Gadgets» nur geringfügig den Rotstift angelegt. Im ausverkauften Hallenstadion ist jedenfalls eine ziemlich geräumige und eindrücklich funkelnde Bühne aufgebaut worden; gleich zu Beginn tanzt ein unter dringendem Playback-Verdacht stehender Bläsersatz in futuristisch blinkender Kostümierung über die Bühne, ständig werden irgendwelche Tänzer vom Hallendach abgeseilt, es verteilen sich Roboterdamen im weiten Hallenstadion-Oval und werden dort von Lichtblitzen getroffen, und irgendwann wird ein bühnenfüllendes Monster geboren und beginnt beängstigend mit den Zähnen zu fletschen.

Muse sind die Queen der Neuzeit

Kürzlich hat ein Schweizer Grossveranstalter die Beobachtung artikuliert, dass die Gruppe Rammstein mittlerweile im selben Masse Musical- wie Rockfans anspreche. Eine Einschätzung, die auf die Gruppe Muse schon seit längerem zutrifft. Ihre Show ist nichts mehr für den lichtscheuen Subkultur-Nostalgiker. Muse sind die Queen der Neuzeit – Starlight Express für den Stromgitarrenfreund.

Da gibts ordentlich Theater, Pathos und leicht in die Jahre gekommene Bombast-Rock-Fantasien. Da gibts einen Sänger, dem ein Faible für eine fast schon operettenartige Klangdramatik eigen ist und der seinen Gesangsvortrag gerne in Höhen hinaufschraubt, in die sich eine männliche Stimme selten vorwagt. Die Trommeln, auf die da gehauen wird, sind so gross wie Kinder-Swimmingpools, und irgendwie würde es in dieser ganzen theatralischen Überzeichnung gewiss niemanden verwundern, wenn da auf einmal auch noch tanzende Katzen oder menschgewordene Expresszüge ins Geschehen eingreifen würden.

Es geht um mehr Wucht – sowohl klanglich als auch showtechnisch.

Der Wille zum Bombast und zur grossen Geste ist im Falle von Muse einem livemusikalischen Trauma geschuldet, wie der Bassist Christopher Wolstenholme kürzlich erklärt hat. Muse durften in ihrer Anfangsphase die Gruppe Red Hot Chili Peppers auf einer Tournee begleiten. Und irgendwann fiel dem Trio auf, dass man im schmächtigen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Format auf den Grossbühnen der Welt bestenfalls bis in die dritte Reihe des Auditoriums Ekstase auszulösen vermochte.

Damit wollte man sich bei Muse nicht zufriedengeben, und so wurden Strategien ausgeheckt, wie sich sowohl klanglich als auch showtechnisch mehr Wucht erzeugen liesse. Dermassen weit trieben sie dieses Spiel in der Folge, dass es zeitweise schien, als wollten Muse den Gestus des Rock zur Karikatur überzeichnen und als würden sie in einem Gemenge aus Wut, Kitsch, Schönheit und Grössenwahn implodieren.

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Für die laufende Tour haben die Engländer dieses musikalische Overacting etwas gedrosselt. Auch wenn da natürlich immer noch jede Bassdrum mit cineastischem Subtongewummer aufgeblasen ist, auch wenn da noch immer ein schlecht beleuchteter Keyboarder im Bühnenhintergrund wütet und grelle Synthesizerwände auftürmt.

Zwischen Verletzlichkeit und Anmassung

Doch es gibt – zugegebenermassen sehr kurze – Momente während dieses Hallenstadionkonzerts, in welchen Muse anmuten wie eine ganz ordinäre Rockband, die bloss ihre Licht- und Videotechniker dazu angehalten hat, ihr Tun mit möglichst viel Geblinke und visuellem Effekthaschertum zu umspielen. Es sind dies nicht die stärksten Augenblicke des Konzerts, ganz besonders nicht der intim gemeinte Akustik-Plausch («Dig Down») auf dem Bühnenlaufsteg.

Es scheint, als seien Muse tatsächlich zur Opulenz verdammt. Lieder wie «Starlight» oder «Uprising» würden ohne ein gerüttelt Mass an Überspitzung wohl nicht tausendfach mitgesungen. In ihnen zeigt sich denn auch die grösste Qualität der Band: dieses Changieren zwischen Verletzlichkeit und irrsinniger Anmassung – zwischen Weltschmerz und Welttheater.

Zwischen Weltschmerz und Welttheater spielt sich auch die Zukunftsparanoia ab, unter welcher der Sänger Matthew Bellamy dauerleidet (seine Texte drehen sich grossmehrheitlich um Technologieskepsis, Überwachung und Massenmanipulation seitens dunkler Mächte). Und so lockern während der elektronischen Kitschballade «Algorithm», in welcher Bellamy die Hinfälligkeit des Menschlichen in Aussicht stellt, zwei elastische Vier-Arm-Riesenroboter und eine mit Leuchtstäben bewaffnete Ausdruckstanztruppe ein bisschen die Verkrampfung.

Nicht ganz alles ist wunderbar an diesem letztlich doch sehr kurzweiligen Konzertabend. Der balladeske Zwiegesang mit einem glänzenden Totenkopf? Na ja. Der zeitweilig aufblitzende 90er-Jahre-Retro-Spleen des Hausgrafikers, der dazu führt, dass auf der Grossleinwand immer wieder digitalisierte Prismen auf irgendwelchen digitalisierten Böden zersplittern? Ach ja.

Man könnte auch beklagen, dass das Geheimnisvolle, Zersetzende und Sinnliche mit den Jahren aus der Musik von Muse fast gänzlich verschwunden ist. Zumal es ausgerechnet dem gewichen ist, wovor sich Herr Bellamy doch so fürchtet: einem fast schon maschinell anmutenden Perfektionismus. Egal. Wer derart lustvoll über die Stränge haut, dem kann niemand böse sein.

Erstellt: 04.07.2019, 03:53 Uhr

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