Zwei Mormonen in Uganda

Das Kult-Musical «The Book of Mormon» besticht auch in Zürich mit schwarzem Humor und intelligenter Gesellschaftskritik.

Zwei Rollkoffer-Missionare und ein Objekt ihres Eifers: Szene aus dem Musical «Book of Mormon» im Zürcher Theater 11. Foto: Paul Coltas

Zwei Rollkoffer-Missionare und ein Objekt ihres Eifers: Szene aus dem Musical «Book of Mormon» im Zürcher Theater 11. Foto: Paul Coltas

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Voller Elan üben sie in der Eröffnungsnummer das Klingeln an Türen, die properen jungen Herren in weissen Kurzarmhemden und schwarzen Krawatten. Schliesslich soll es bald auf Mission in die weite Welt hinaus gehen, und das will geübt werden im Trainingszentrum in Salt Lake City, Utah. Unter den angehenden Missionaren ist auch Elder Price, ein Streber, der sich zu Höherem berufen sieht und sehnlichst wünscht, nach Orlando, Florida, entsandt zu werden.

Stattdessen muss er nach Uganda, wobei ihm zu allem Überfluss auch noch der tollpatschige Elder Cunningham an die Seite gestellt wird. Als die beiden bleichen Helden mit Rollköfferchen und «Star Wars»-Rucksack am Ziel ankommen, stellt Elder Price erschüttert fest: «Afrika ist ja überhaupt rein gar nicht wie in Lion King!»

Seit die Geschichte rund um die beiden ungleichen Mormonen-Missionare Elder Price und Elder Cunningham 2011 in New York Weltpremiere feierte, haben sich weltweit rund 17 Millionen «The Book of Mormon» angeschaut. Wo auch immer es gezeigt wird, erntet das Musical aus der Feder der beiden «South-Park»-Macher Trey Parker und Matt Stone Applaus und Auszeichnungen. Die Glaubensgemeinschaft der Mormonen ist in erster Linie US-zentriert, es stellt sich also die Frage, warum die Thematik auch in Europa funktioniert.

Tempo, Tanznummern und Ohrwürmer

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist «The Book of Mormon» einfach ein richtig gutes Musical, das mit viel Tempo, energetischen Tanznummern, Ohrwurm-Melodien und musikalischer Vielfalt aufwartet: Jive, Swing, Stepptanz, Kitsch-Balladen, Ode an die Disco-Ära, afrikanische Polyrhythmen, Slapstick, alles da.

Zum anderen werden hier die Grenzen der heilen Musical-Welt gesprengt, mit viel schwarzem, absurdem und pubertärem Humor, politischen Unkorrektheiten und derben Kraftausdrücken. Davon verschont bleibt keiner – weder die grenzenlos naiven Missionare noch die ugandische Dorfbevölkerung.

Coming-of-Age-Story

«The Book of Mormon» ist als klassische Coming-of-Age-Story konzipiert. Elder Price und Elder Cunningham versuchen, dem missionarischen Unterfangen in Uganda Sinn abzugewinnen, sind aber mit der Realität vor Ort komplett überfordert.

Das Stück unterläuft konsequent den weissen (Hollywood-)Blick auf den afrikanischen Kontinent – nicht die heile Welt von Lion King und Hakuna Matata wird hier zelebriert. Was die Missionarsbuben vorfinden, sind Armut, Krankheit und Bandenkriege. Gleichzeitig bricht das Musical aber auch diese Perspektive immer wieder mit Ironie und subversivem Witz, womit es der Gefahr entgeht, in rassistischen Stereotypen zu verharren.

Trotz politischem und gesellschaftskritischem Subtext ist «The Book of Mormon» eine satirische Komödie, die einen beschwingt entlässt. Das hängt damit zusammen, dass die Figuren mit sehr viel Liebe angelegt sind und es den Machern offensichtlich nicht darum geht, einfach eine Glaubensgemeinschaft in die Pfanne zu hauen. Auch wenn das Musical stellenweise bitterböse daherkommt, so ist es doch vor allem eines: eine wunderbar lustige Ode an die Freundschaft, Fantasie und Selbstermächtigung.

«The Book of Mormon» Theater 11, bis 5.1.2020

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Erstellt: 12.12.2019, 11:56 Uhr

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