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Zwischen Grössenwahn, Übermut und Selbstzweifeln

Wie der Rapper Tyler, The Creator mit der Wut von Teenagern und dem Hunger von Wölfen die Musikwelt erobert.

Hinter der Maske verbirgt sich das aktuelle Wunderkind der Rap-Szene: Tyler, The Creator.
Hinter der Maske verbirgt sich das aktuelle Wunderkind der Rap-Szene: Tyler, The Creator.
PD

Es scheint keine Regeln zu geben für Tyler, The Creator. Höchstens die, cool zu sein. Allerdings definiert der Rapper auch die Coolness selber. Im ersten Stück seines neuen Albums «Goblin» lässt sich der 20-Jährige fast sieben Minuten Zeit, um über einem dürren Gerüst aus tröpfelnden und scharrenden Geräuschen zu erklären, was ihn umtreibt.

Es ist eine kleine, clevere Hasstirade gegen Kritiker, gegen den Vater, den er nie hatte, und vor allem auch gegen sich selbst. Da bezeichnet er das Leben als süsse, mit Medikamenten vollgepumpte Schlampe und spricht von Selbstmordgedanken. Er äussert sich zornig und düster, aber eben auch kindisch und überdreht. Seine Raps sind wie die eines gelangweilten, frustrierten Teenagers. Und genau das war Tyler Okonma, aufgewachsen in Sacramento und Los Angeles, ausgebildet in zwölf Schulen, kürzlich noch. Und es scheint, also ob er noch eine Weile dieser Teenager bleiben wolle. Odd Future oder OFWGKTA (Odd Future Wolf Gang Kill Them All): Diese Namen stehen für Tylers Truppe, ein im Kern aus neun Rappern, Produzenten und Skatern bestehendes Kollektiv, das mit seiner neuartigen Form von Hip-Hop erst die Musikblogs auf dem Internet für sich einnahm und nun mit Nachdruck an die Tür zum Mainstream klopft. Vor wenigen Wochen hörte man am grossen kalifornischen Musikfestival Coachella, wie Tausende von Leuten den Namen «Wolf Gang» knurrten und die Zeilen von «Sandwitches» mitrappten, der ersten Single aus dem Album. Zuvor lief der junge Mann mit der tiefen, herrischen Stimme noch mit der Wasserpistole über das Gelände und spritzte Besucher ab.

Wirrwarr aus Stimmen

Um das Phänomen um das blutrünstige Kollektiv und seinen Kopf zu erklären, sind zu Recht schon Parallelen ins Jahr 1993 gezogen worden. Damals eroberte der Wu-tang Clan die Musikwelt, eine ebenfalls neunköpfige Formation aus dem New Yorker Stadtteil Staten Island. Auch ihr Sound war damals neu und nonkonformistisch. Führte dieser Clan damals eine mythologisch aufgedonnerte Mischung aus Kung-Fu-Filmen, dumpfen Beats und exzentrischen Rap-Versen auf, fallen bei Tyler, The Creator und seiner Wolf Gang andere Dinge auf: ein Wirrwarr aus Stimmen, tonale Schärfe, unverschämte Unverblümtheit und ein Sound, der simpler kaum sein könnte.

Sie sind sie, wir sind wir

«Sandwitches» etwa beginnt mit einem Loop von vier Tönen aus einem Billigsynthesizer und einer deutlichen Abgrenzung: «They are them, we are us.» Dann setzt ein quasi über sich selbst stolpernder Drumbeat ein, und Tyler fragt: «Who the fuck invited Mister I-don’t-give-a-fuck?», eher er sich selber als weinerlichen Halbwaisen peitscht und der Damenwelt den Stinkefinger zeigt.

Diese ist überhaupt immer wieder der Ausgangspunkt zu bizarren Geschichten: Etwa in «She», wo sich zu verbastelter Elektronik eine blutrünstige Schlafzimmergeschichte samt goldenem Kondom im Refrain plötzlich in eine zuckersüsse Rhythm-’n’-Blues-Persiflage verwandelt. «Radicals» ist dagegen fast ein Hardcore-Stück, das in der Losung «Kill people, buy shit, fuck school – I’m fuckin’ radical, I’m mutherfuckin’ radical» gipfelt. Nicht aber, ohne dass sich ein besonnener Tyler zwischendurch für die freie Entfaltung des Menschen ausspricht. Wer sich von der Direktheit und Infantilität gewisser Raps nicht abschrecken lässt, erlebt auf «Goblin» viele Überraschungen. Vielleicht so viele, dass es noch für Jahre reicht.

Tyler, The Creator: Goblin (XL Recordings/Musikvertrieb)

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