Pop-Briefing: Bademeister, die zu Grufties werden

Die neue Popmusik-Kolumne: Heute mit Avantgarde im Schweizer Fernsehen und David Hasselhoff, der sich der kulturellen Aneignung schuldig macht.

David Hasselhoff covert auf seinem Ritt durch den Goth-Rock The Jesus and Mary Jane.

David Hasselhoff covert auf seinem Ritt durch den Goth-Rock The Jesus and Mary Jane.

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Das muss man hören


2015 wuchtete das Album «Sound & Color» der Gruppe Alabama Shakes halb Amerika um. Beim ersten Hinhören war nicht ganz klar, ob diese umwerfende Schmachtstimme aus einem männlichen oder einem weiblichen Geschöpf dringt, doch um Nachforschungen anzustellen war man zu erschlagen.

Die Stimme gehörte einer Dame namens Brittany Howard. Und die hat gerade ihr erstes Solo-Album veröffentlicht. Es ist erstaunlich experimentell und streckenweise recht avantgardistisch ausgefallen. Doch wundertoll ist auch das. Das Album dreht sich um die Themenkreise Sexualität und Rassismus.

Um Heimat, Emigration, Sehnsucht und ebenfalls um Rassismus drehte sich die Karriere des Charismatikers Rahid Taha. Der von Algerien nach Frankreich eingewanderte Sänger spielte (anfänglich mit seiner Band Carte de Séjour) Gratiskonzerte in den Banlieues und war bald als Sprachrohr der jungen arabischen Immigranten Frankreichs akzeptiert. Die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen schlug sich auch in seiner Musik nieder. Taha raute den arabischen Chaabi und den Raï mit Rock und Elektro auf und veröffentlichte 1998 mit «Diwan» eines der aufregendsten Alben, das die arabische Popmusik hervorgebracht hat.

Im September letzten Jahres erlag Taha in Paris, nur wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag, einem Herzinfarkt. Bis zuletzt soll er fieberhaft an seinem Album «Je suis africaine» gearbeitet haben, das nun posthum erschienen ist. Es ist nicht das beste Werk seiner Karriere, doch ein Comeback seiner wegen Alkoholsucht aus dem Tritt geratenen Karriere wäre ihm damit wohl vergönnt gewesen.

Darüber wird gesprochen


Im Moment geistern gerade sehr sonderbare Coverversionen durch die Musikwelt. Dass die Toten Hosen Rammsteins «Ohne Dich» covern, ist bedauerlich (weil schlecht) aber rein Dunstkreis-technisch noch einigermassen nachvollziehbar.

Viel merkwürdiger mutet dafür die Song-Auswahl des neuen Albums von David Hasselhoff an. Es beginnt mit dem Goth-Rock-Evergreen «Open Your Eyes» von den Lords of the New Church und geht gleich über ins Jesus-And-Mary-Jane-Cover «Head On». Doch damit noch nicht genug der kulturellen Aneignungen: Etwas später folgt noch «Lips Like Sugar» von Echo and the Bunnymen.

David Hasselhoff singt das alles ein bisschen weniger rotzig und leidend als die Originalinterpreten, ja, und unter seiner Fuchtel klingen die alten Untergrund-Hymnen irgendwie nach munterem Achtzigerjahre-Rock. Doch lustig ist das allemal.

Hier ist das Original der Lords of the New Church aus dem Jahr 1982:

Und hier die Version der berühmtesten Strand-Aufsicht der Welt:

Es gibt nun zwei Deutungen des Sachverhalts: Entweder war David Hasselhoff seit jeher ein verkappter musikalischer Schwarzmaler, oder die von uns damals so dunkel geträumten Hymnen des Unfrohen waren in Wirklichkeit nichts anderes als ziemlich ordinäre Pop-Songs (vermutlich war Letzteres der Fall).

So ganz konsequent zieht The Hoff seinen Exkurs in den New Wave der Achtzigerjahre dann doch nicht durch. Auf der Song-Liste seines Cover-Albums folgen im weiteren Verlauf Evergreens von Whitesnake, C. C. Catch – und Udo Jürgens.

Das Schweizer Fenster


Weil es so schön ist, gehört es auch ins Schweizer Fenster: «Prisonnière» vom Neuen Album ist das grossartigste was Stephan Eicher seit «Ce soir (je bois)» gelungen ist.

Ebenfalls viel Freude hat uns Pony del Sol (das Projekt der Freiburger Musikerin Gael Kyriakidis) mit dem Song «Caresse» bereitet.

Was blüht


Im August 1998 ist in einem Studio im englischen Surrey etwas vorgefallen, was womöglich einmal als der grösste Sündenfall der Popmusik in die Geschichte eingehen könnte. Die Schauspielerin und Sängerin Cher war während der Aufnahmen des Songs «Believe» mit ihrem Produzenten Mark Taylor in Streit geraten. Er befand, Chers Gesang sei unzureichend, sie befand nach wiederholtem Einsingen, er solle sich zum Teufel scheren. Wenn es ihm nicht passe, solle er sich eine andere Sängerin suchen.

Leider tat Mark Taylor das nicht. Nachdem Cher das Studio laut schimpfend verlassen hatte, versuchte Mark Taylor verzweifelt, das gesangliche Schlamassel zu retten. Er drehte die Regler des Auto-Tune-Effekt, mit dem sich schief gesungene Gesangsspuren elektronisch in gerade gesungene Gesangsspuren verwandeln liessen, bis zum Anschlag auf, was die Stimme von Cher derart roboterartig verfremdete, dass sie kaum mehr wiederzuerkennen war. Der Erfinder des Geräts, Andy Hildebrand, hatte seinen Effekt so programmiert, dass diese Art der Tonkorrektur möglich war, doch er war überzeugt, dass niemand so verrückt sein würde, ihn auch so einzusetzen, wie er später in einem Interview erklärte. Cher gefiel das Ergebnis jedoch dermassen gut, dass sie der zweifelnden Plattenfirma ausrichtete, sie dürfe den Robotereffekt auf ihrer Stimme nur über ihre Leiche eliminieren.

«Believe» wurde zum ersten Welthit mit forciertem Auto-Tune-Einsatz. Nächste Woche gastiert die Urheberin des Schlamassels im Zürcher Hallenstadion.

Das Fundstück


Relativ selten geschah es in den Achtzigerjahren, dass im Schweizer Fernsehen die Avantgarde zu Besuch war. Am 10. Januar 1985 hielt sie in Form der Neuenburger Gruppe Debile Menthol in die Vorabendsendung «Karussell» Einzug. Bemerkenswert ist die fast schon entschuldigende Anmoderation von Kurt Schaad.

Debile Menthol war auch sonst eine ganz formidable Band. Sie verquickte Post-Punk mit Dadaismus und Musik, für deren Bewerkstelligung man einen Abschluss am Konservatorium benötigte.

Die Band veröffentlichte zwei Alben auf dem Zürcher Label Recommended Records. Band und Label existieren längst nicht mehr. Aber der RecRec-Laden feiert gerade seinen 40. Und am 23. November wird dort zur Feier der Debile-Menthol-Gitarrist Jean-Vincent Huguenin auftreten. Er spielt Solo-Gitarre. Und zwar auf eine Art, für deren Bewerkstelligung man einen Abschluss am Konservatorium benötigt.

Die Wochen-Tonspur


In der heutigen Tonspur gibts unter anderem schwedischen Blues von Bror Gunnar Jansson, Eiszapfen-Pop von Automatic, Goldkanten-Afrobeat von Kaleta & Super Yamba Band, Alleinunterhalter-Rock-‚n‘-Roll von John Moods und elektronischen Soul von A. Billi Free.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

Erstellt: 01.10.2019, 06:28 Uhr

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