Pop-Briefing: Kummer- und Katzenvideos

Seelenmusik, News zu Tina Turner und die Antwort auf die Frage, wie man Jazz singen und gleichzeitig mit einer Katze kämpfen kann.

Sie geht einem sehr besonderen musikalischen Hobby nach: Camille Bertault.

Sie geht einem sehr besonderen musikalischen Hobby nach: Camille Bertault. Bild: zvg

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Das muss man hören


Wie könnte die gute alte Soulmusik im Jahr 2019 klingen? Über diese Frage haben sich schon so einige den Kopf zerbrochen. Die beste Antwort liefert wieder einmal der amerikanische Soul-Halbgott Son Little, der völlig unbegreiflicherweise noch immer bloss ein Geheimtipp ist. Sein neuestes Meisterwerk heisst «I’m a Builder».

Einer der meistgebuchten Acts der französischen Musikszene ist das Duo Acid Arab, das gerade mit seinem zweiten Longplayer aufwartet. Krankte das Debütalbum daran, dass die Kreuzung aus Club-Sounds und arabischen Tonalitäten bald erhebliche Abnützungserscheinungen zeitigte, ist auf dem Album «Jdid» nun etwas mehr Abwechslung geboten – was auch an den diversen Gastarbeitern liegt, die da zum Einsatz kommen. Die Musikfibel «Pitchfork» spricht immerhin von der «üppigsten, lärmigsten und enthusiastischsten Tanzmusik», die in letzter Zeit in die Welt gedrungen sei.

Der Kraftklub-Vorsteher Felix Kummer wendet sich mit seinem Soloprojekt (das er sinnigerweise Kummer nennt) dem Hip-Hop mit deutschem Mundwerk zu. Im Opener des Albums wird einem gewahr, dass dies eine sehr gute Idee ist.

Und wieder zurück zum Soul: Der Londoner Michael Kiwanuka hat ein neues Album eingespielt. Es ist ziemlich hippiesk ausgefallen und vor allem in seinen unaufgeregtesten Momenten besonders aufregend.

Eine etwas sonderbare Veröffentlichungspraxis legt der Belgier Tamino an den Tag. Zuerst erschienen 2017 erste – umwerfende – Demos. Die wurden kurz darauf wieder von allen Digitalplattformen eliminiert und von überarbeiteten Versionen und einem Debütalbum abgelöst. Nun gibts auf der Deluxeversion seines Erstlings erneut betörende Demoversionen bereits veröffentlichter Songs. Egal: Der Sänger mit ägyptischem Stammbaum und dunkler Seele erfreut das Herz in sämtlichen Posituren.

Darüber wird gesprochen


Wer gedacht hat, die liebe Tina Turner ruhe in weissen Stoff gewandet in ihrer Zürcher Villa, fröne einzig und allein der Meditation und dem Erzeugen stiller Lebensweisheit, der hat sich geirrt. Tina Turner befindet sich in einem Rechtsstreit. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, hat sie den Ausrichter der Show «Simply The Best – Die Tina Turner Story» verklagt – weil die auf dem Tourplakat abgebildete Darstellerin Dorothea Coco Fletcher ihr «zu ähnlich» sehe. Man könne denken, die 79-Jährige trete selber auf.

Es wird vermutet, dass sie damit das Musical «Tina – Das Tina Turner Musical» vor Verwechslungsgefahr schützen will, das seit März 2019 gezeigt wird und mit dem Slogan «Das einzige von Tina Turner autorisierte Musical» für sich wirbt. Nicht überliefert ist, ob sich das erheblich jüngere Tina-Turner-Double Coco Fletscher ob des ganzen Trubels nun geehrt oder beleidigt fühlt.

Das Schweizer Fenster


Aus Genf erreicht uns eine Lady namens Concrete Jane. Sie ist die neueste Erfindung des Musikers Julien Zumkehr, der das ganze Album in Eigenregie eingespielt und produziert hat. Besonders ins Ohr gestochen in diesem leicht psychedelischen Rock-Opus ist mir das einzige Lied auf Französisch.

Was blüht


Es ist wieder Reunion-Zeit: Eben wurden gerade Gang Starr wieder zum Leben erweckt und haben ein neues Album eingespielt (ohne den längst verstorbenen Frontmikrofon-Hengst Guru). Und nun will es also eine zweite Sprechgesangs-Institution der Neunzigerjahre noch einmal wissen: Die Wutrocker Rage Against The Machine planen die eigene Wiederbelebung.

Nach dem etwas unbefriedigenden Vorgeplänkel namens Prophets of Rage, bei welchem sich die Rhythm-Section der verblichenen Agitations-Combo mit dem Public-Enemy-Frontmann Chuck D und dem Cypress-Hill-Tunichtgut B-Real zusammengetan hatte, soll nun der Original-Schreihals Zack de la Rocha wieder im Aufgebot sein. Aus dem Tod erweckt hat die Band offenbar ein Zitat von Martin Luther King, wonach der heisseste Platz in der Hölle für jene reserviert sei, die sich in Zeiten grosser moralischer Konflikte neutral verhalten würden. Neutralität wirds von diesen Mannen garantiert nicht geben. Zu erwarten ist Polit-Crossover – ähnlich graustufenlos wie ein Che-Guevara-Poster. Ob es auch neue Musik gibt, bleibt abzuwarten. Bisher sind für 2020 nur einige Tourdaten in den USA bestätigt.

Das Fundstück


Eine neue musikalische Spezialdisziplin hat die französische Sängerin Camille Bertault erfunden. Sie singt Jazz-Soli nach. Und sie hat darin eine kleine Meisterschaft entwickelt. Hier besingt sie einen Einzelvorstoss des französischen Trompeters Eric Le Lann und kämpft dazu mit einer Katze.

Hier nimmt sie sich ein Bass-Solo von Jaco Pastorius vor:

Die Wochen-Tonspur


In der heutigen Tonspur gibts 30 neue Songs. Das Spektrum reicht von Düster-Gospel der Gruppe Algiers über Knusper-Dub des Bilderbuch-Produzenten Marco Kleebauer, bis zur neuesten Schwelgballade von Tindersicks.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Herbstspaziergänge.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

Erstellt: 05.11.2019, 11:17 Uhr

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