Pop-Briefing: Musik zum Abkühlen

Die neue Popmusik-Kolumne: Heute ausschliesslich mit Musik zur Bewältigung der Hitzewelle. Und die Geschichte eines Berners, der Afrika zu erobern trachtet.

Billie Marten beherrscht die Kunst der wohltemperierten Balladen. Foto: PD

Billie Marten beherrscht die Kunst der wohltemperierten Balladen. Foto: PD

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Das muss man hören


Die Musik ist ja ein wunderbar multifunktionales Ding: Sie taugt nicht nur zur wie auch immer gearteten Aufwallung, sie eignet sich auch bestens zur Abkühlung und Erfrischung. Eine, die diese Kunst bestens beherrscht, ist die erst 20-jährige Engländerin Billie Marten, die Ende April ihr Debütalbum «Feeding Seahorses by Hand» veröffentlicht hat. Hier gibts wohltemperierte Singer/Songwriter-Balladen, eingesungen mit – wichtig in diesen hitzigen Tagen – einem Mindestmass an körperlicher Anstrengung.

Wahre Spezialisten im musikalischen Umgang mit Hitze und Gluttemperaturen sind die Brasilianer. Eine der neckischsten Entdeckungen des Landes trägt ausgerechnet einen Schweizer Namen: Ana Müller aus Ibatiba hat gerade ihren ersten Longplayer veröffentlicht und schafft es auf diesem, schattige Balladen aneinanderzureihen, die schon jetzt das Zeug zum Klassiker haben.

Darüber wird gesprochen


Apropos Hitze: Wie Kollege Sartorius bereits letzte Woche angeschnitten hat, ächzt die Musikwelt noch immer unter dem Desaster, das sich in den Morgenstunden des 1. Juni 2008 abspielte, als gegen 4 Uhr morgens ein Feuer in den Universal Studios an der New England Street in Hollywood ausbrach. Die Feuersbrunst breitete sich schnell aus und erreichte bald die grosse Lagerhalle von Universal, in welcher die Firma ein grosses Videolager betrieb. Was erst jetzt im ganzen Ausmass bekannt geworden ist: In dieser Halle lagerte der grösste Musikmulti der Welt auch bedeutende Teile seines Musikarchivs. Und so verbrannten in dieser Nacht zahlreiche Aufnahmen, die bisher noch nicht kommerziell verwertet worden sind, unter anderem von Sub-Labels wie Decca, Chess, Impulse oder Interscope. 118'230 Bänder wurden in dieser Nacht zerstört. Darunter sämtliche Aufnahmen von Billie Holidays Decca-Katalog, Aufnahmen von Ella Fitzgerald, Louis Armstrong, Duke Ellington, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Bo Diddley, Etta James, John Lee Hooker, bisher Unveröffentlichtes von Aretha Franklin, John Coltrane, Charles Mingus, Sun Ra, Pharoah Sanders und vieles mehr. Eine riesige Katastrophe also, deren finanzielles Ausmass auf 33 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Und so mutet es fast schon ein bisschen unfair an, dass nun andere Labels sich damit hervortun, die Archive ihrer grossen Stars zu öffnen. Das «neue» Prince-Album versammelt Demoaufnahmen von Liedern, die dieser generös an andere Künstler abtrat und die so noch niemand zu Ohren bekommen hat. Besonders aufgefallen ist uns der Titel «Make-Up» aus dem Jahr 1981. Prince hatte diesen Track für eine Girlband geschrieben, in der unter anderem seine damalige Freundin und seine persönliche Assistentin einsassen. Mit seinen Sequenzer-Bässen klingt das Ganze fast ein bisschen nach Electronic Body Music. Nicht reizlos jedenfalls.

Das Konkurrenz-Label Warner veröffentlicht unter dem Titel «Warner Archives» laufend unveröffentlichtes Material seiner Künstler – diese Woche beispielsweise ein nur in Japan erschienener Bonus-Track der Gruppe The Cult.

Und kürzlich wurde publik, dass im September ein bisher verschollenes Album von Miles Davis aus den Achtzigerjahren erscheinen soll.

Das Schweizer Fenster


Zwei Jahre ist der Berner Tobi Jundt – besser bekannt als Bonaparte – zwischen Berlin und Abidjan gependelt, hat mit ghanaischen Produzenten und mit Musikern und Musikerinnen wie Sophie Hunger, Farin Urlaub oder der malischen Sängerin Fatoumata Diawara zusammengespannt. Entstanden ist ein ziemlich abenteuerliches, eklektisches Album namens «Was mir passiert». Seine alten, eher punkig veranlagten Fans dürfte er damit vergrämen. Dafür hat er einen kulturellen Mischmasch-Sound kreiert, den man in dieser Form bestimmt noch nie gehört hat.

Was blüht


Mit dem Open Air St. Gallen geht dieses Wochenende das erste der traditionellen Freiluftfestivals der Schweiz über die Bühne. Und das Programm offenbart, woran die Veranstalter solcher Grossveranstaltungen derzeit leiden: ein leichter Orientierungstaumel. Letztes Jahr, als in St. Gallen Bands wie Nine Inch Nails, Depeche Mode oder die einstige Open-Air-Allzweckwaffe Beatsteaks aufspielten, wurde reklamiert, dass man Musik für den alten, grauen Mann programmiert habe, jedenfalls nicht für das hippe Jungvolk, welches der Veranstaltung denn auch weitgehend fernblieb. 2019 finden sich Bands wie K.I.Z., Yung Hurn, Dendeman oder Diplo im Line-up, ausverkauft ist das Festival trotzdem nicht. Ja, die Jugend ist für die Veranstalter eine höchst unberechenbare Grösse.

Es könnte den Festivals heuer ohnehin ein harziger Sommer bevorstehen. Viele der grossen Bands – Kiss, Tool, Metallica, Muse, Rammstein und viele mehr – bevorzugen das Format des Stadionkonzerts, obwohl hier das Risiko, aber eben auch die Aufmerksamkeit grösser ist. Und die Budgets der Musikfreunde dürften auch heuer nicht unerschöpflich sein.

Das Fundstück


Vor 25 Jahren veröffentlichte die Gruppe Fugees ihr Debütalbum «Blunted on Reality». Es war kein grosser Erfolg. Erst mit dem Nachfolger «The Score» avancierte das Trio zu einer der bestverkaufenden Hip-Hop-Bands der späten Neunzigerjahre. Auf ihrem Erstling fand sich ein Lied, das noch heute zum Luftigsten und Hübschesten gehört, was das Genre hervorgebracht hat: «Vocab» ist Hip-Hop, einzig von einer Pfadfindergitarre begleitet.

Ms Lauryn Hill, die Sängerin der Fugees, wird diesen Sommer in Montreux und am Gurtenfestival zu bewundern sein.

Die Wochen-Tonspur


Die aktuelle Playlist ist der Hitze gewidmet – oder besser dem Schatten: Neue Musik für das Fussbad am Pool, für den Drink unter der Sonnenstore oder das unbelüftete Grossraumbüro. Nichts Anstrengendes, nichts, was den Energiehaushalt in Wallung bringt. Das Spektrum reicht vom Bossa Nova eines Celso Fonseca über Eiszapfen-Elektro von Toro y Moi bis zum Kühl-Jazz eines Paolo Fresu.

Erstellt: 25.06.2019, 15:42 Uhr

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