Pop-Briefing: Verschenkte Musik

Diese Woche in der Pop-Kolumne: ein Sommerpräsent, Neuigkeiten zu den Swiss Music Awards und die Geschichte hinter einem sehr sonderbaren Plattencover.

Vor 50 Jahren erschien ein Album von Howlin’ Wolf, das den knorrigen Blues-Mann merklich verstimmte.

Vor 50 Jahren erschien ein Album von Howlin’ Wolf, das den knorrigen Blues-Mann merklich verstimmte.

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Das muss man hören


Im zweitletzten Pop-Briefing vor der Sommerpause warten wir mit einem kleinen Geschenk auf: Vielfach wurde der Wunsch an mich herangetragen, eine etwas ausführlichere Sommer-Playlist zusammenzustellen. Diesem Wunsch sei hiermit nachgekommen: Auf der hauseigenen «Chill Soul»-Playlist finden sich über 750 Songs, die alle das Potenzial haben, den Sommer zu verschönern. Grob umschrieben, gibts hier schattigen Soul aus der ganzen Welt – wobei der Soul-Begriff von Siouxsie and the Banshees über Fink bis zu Fela Kuti, Seu Jorge oder Nick Cave reicht. Seelenmusik eben.

Darüber wird gesprochen


Ein bisschen zu reden gibt gerade der Rücktritt des Chefs der Swiss Music Awards: Oliver Rosa hat den Anlass im letzten Jahr vom (eher zurückhaltend besuchten) Hallenstadion-Event zur Gala im KKL Luzern gesundgeschrumpft – trotzdem werden die SMA in der Szene noch immer mit Skepsis beäugt: Weil hier nicht unbedingt die Exzellenz, sondern blosse Verkaufserfolge gefeiert werden. Ausserdem war Rosas Doppelmandat als Veranstalter der SMA und Vertreter der Musikindustrie (früher Universal Music, heute Gadget), vielen ein Dorn im Auge. Es wurde ihm vorgeworfen, er habe Bands aus dem eigenen Stall bevorzugt.

Tritt ab: Oliver Rosa. Foto: Samuel Schalch

Nun gehen die SMA in die Hände zweier in der Szene kaum verankerter Eventagenturen über: Aroma und FS Parker/Activation haben bisher für Firmen wie Swisscom, Swiss, Swiss Re oder Mövenpick Kundenbindungsmassnahmen ergriffen.

Dabei steht noch in den Sternen, ob die Swiss Music Awards im nächsten Jahr überhaupt stattfinden werden. Zwar wird von den Veranstaltern ein «voraussichtlicher» Termin am 29. Februar 2020 genannt. Ob dieser eingehalten wird, hängt offenbar davon ab, ob das Schweizer Fernsehen die Sendung auch künftig übertragen will. Die letzten SMA wollten nur noch 113’000 Fernsehzuschauer sehen – was einem Marktanteil von dürftigen 6,8 Prozent entsprach. In den besten Zeiten kam die Sendung auf 223’000 Zuschauer und hatte einen Marktanteil von 14,3 Prozent.

Schnitt: Wie erfindet man einen neuen Musikstil? Ein Mann, der das wusste, ist am Samstag in Rio de Janeiro gestorben. João Gilberto hat Ende der Fünfzigerjahre auf einem WC irgendwo in der brasilianischen Provinz den Bossa nova ausgeheckt. Es war keine leichte Geburt.

João Gilberto war 23-jährig, als er nach anhaltender Erfolglosigkeit, finanziellen und psychischen Problemen beschloss, zu seiner Schwester aufs Land zu ziehen. Dort benahm er sich höchst eigenartig und wurde schnell zum Dorfgespräch, obwohl er mit niemandem auch nur ein Wort sprach. Auch seiner Schwester fiel auf, dass mit João Gilberto etwas nicht stimmte.

Er spielte wie besessen Gitarre. Immer den gleichen Akkord. Manchmal 20 Stunden lang, ohne Pause. Dabei schloss er sich in der Toilette ein, weil dort die Akustik besser war. Manchmal brach er in Tobsuchtsanfälle aus, wenn ihm offenbar ein Fehler unterlaufen war. Er begann, rhythmische Variationen am Akkord vorzunehmen, und er versuchte, seine Stimme so neben den Gitarrenklang zu platzieren, dass sich die beiden Quellen in Melodie und Phrasierung ergänzten. Die Schwester beschloss, mit ihm zu den Eltern zurückzukehren, welche ihn umgehend beim örtlichen Psychiater einwiesen. (Den Nachruf gibts hier)

Was aus dieser manischen Phase entstand, hat Gilbertos Lieblingspoet und Texter Vinicius de Moraes einmal folgendermassen beschrieben: «Der Bossa nova, das ist eher ein Blick als ein Kuss. Eher Zärtlichkeit als Leidenschaft. Eher eine Note als eine Aussage.» Und so hat das geklungen:

Das Schweizer Fenster


Es gibt zwei Schweizer Bands, die gerade im Begriff sind, das helvetische Open-Air-Publikum zu verzücken. Es sind dies Faber und Black Sea Dahu aus Zürich. Überall, wo man hinsieht oder hinhört, verbreitet unser staatlicher Sender Bild und Klang von ihren Freiluftkonzerten, mitsamt entspannt tänzelndem und/oder schockverliebtem Publikum. Black Sea Dahu haben gerade ein neues Lied herausgebracht. Es heisst «How You Swallowed Your Anger». Man ist sofort mit ihm per Du – auch wenn es an einem vorbeiweht wie ein laues Sommerlüftchen.

Was blüht


Ein sehr zorniger junger Mann schickt sich an, die Schweiz zu besuchen. Er heisst Scarlxrd, wurde im Pop-Briefing auch schon als Vertreter des Schreihals-Rap vorgestellt – und er hat gerade einen ziemlich umwerfenden neuen Track veröffentlicht, der uns entfernt an die fuchtigste Phase der Beastie Boys erinnert. Nur dass der Spass hier konsequent ausgeknipst bleibt.

Am Mittwoch, 10. Juli, zetert er am Montreux Jazz Festival, am 12. Juli geht er am Open Air Frauenfeld zu Werke.

Das Fundstück


Wir hatten es schon im Fall von João Gilberto von etwas beschwerlichen Musikkarrieren. Eine solche hatte Howlin’ Wolf, der grossartigste aller Blues-Männer, eigentlich nicht. Der Erfolg war ihm früh hold, die Rolling Stones, später auch Jim Morrison oder Tom Waits nannten ihn als ihr grösstes Vorbild. Doch Ende der Sechzigerjahre wurde es ein bisschen kompliziert: Die Hippies kamen auf, und sein Plattenlabel Chess war der Meinung, man müsse dem knorrigen Mann ein bisschen Zeitgeist einhauchen.

Die Idee: Man wollte ältere Songs des Blues-Meisters mit psychedelischem Rock verquicken. Dafür wurde ein Produzent engagiert, dem alle Freiheiten gewährt wurden. Und der tat, was damals halt so hip war – Schlagzeug auf den rechten Kanal, Wah-Wah-Gitarre in den Vordergrund gemischt, und vermutlich waren bei der Produktion auch die damals handelsüblichen bewusstseinserweiternden Drogen im Spiel. Howlin’ Wolf hasste das Ergebnis – er nannte es «Hundescheisse» und wollte damit nichts zu tun haben.

Und so erschien vor genau 50 Jahren ein Album, auf dem mit grossen Lettern Folgendes geschrieben stand: «This is Howlin’ Wolf’s new album. He doesn’t like it. He didn’t like his electric guitar at first either.» (Auf Deutsch: «Das ist Howlin’ Wolfs neues Album. Er mag es nicht. Er mochte auch seine E-Gitarre zunächst nicht.») Das Album wurde kein Verkaufsrenner. Die Plattenfirma war später – leicht reumütig – der Meinung, dass die «experimentelle Vermarktung» wohl daran schuld gewesen sei.

Zum Vergleich: So klang Howlin’ Wolf, wenn man ihn machen liess.

Und so, wenn er zum Zeitgeist verdonnert wurde.

Die Wochen-Tonspur


Wir haben 31 neue Songs gefunden. Das Spektrum reicht von sonnigem Hip-Hop von Tank and the Bangas über knackigen Afrobeat von The Blassics bis zum Post-Punk von Black Midi oder norwegischem Brumm-Rap von Sirkel Sag. Und Mike Patton, der einstige Sänger von Faith No More, singt neuerdings chansons d’amour.

Erstellt: 09.07.2019, 15:48 Uhr

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