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RAF-Fantasien im Nahen Osten

Sherko Fatahs dokumentarischer Roman «Schwarzer September» führt zurück in den Terror der 1970er-Jahre.

Schwarzer September: Ein Terrorist auf dem Balkon eines Appartements im Olympischen Dorf, wo die Terrororganisation 1972 israelische Sportler als Geiseln genommen hatte. Foto: Getty Images
Schwarzer September: Ein Terrorist auf dem Balkon eines Appartements im Olympischen Dorf, wo die Terrororganisation 1972 israelische Sportler als Geiseln genommen hatte. Foto: Getty Images

Alles ist anders jetzt im Nahen Osten. Und alles beim Alten. Junge Erwachsene aus dem Westen kommen dorthin, um die Menschen mit dem Weltverbesserungswahn zu beglücken, den sie sich in der spiessigen Heimat zusammengeträumt haben. Radikale aus der Region reisen unterdessen in die Gegenrichtung, um im Schutz der offenen Gesellschaften Europas Attentate zu planen – manchmal ohne zu wissen, welchen Herren sie dabei letztlich dienen. Und dazwischen sitzen, einen etwas zu frühen Drink in der Hand, die Mitarbeiter westlicher Sicherheitsbehörden. Sie lauschen und manipulieren, bestechen und lassen auch mal foltern, wenn es unbedingt sein muss. Im Hintergrund zieht gerade mal wieder ein neuer Bürgerkrieg auf.

Die Grundmuster von Sherko Fatahs Roman «Schwarzer September» würden ganz hervorragend auf die jüngste Vergangenheit passen, auf die Jahre nach 2011, als junge Erwachsene aus Dinslaken-Lohberg oder der sächsischen Provinz nach Syrien zogen, um dort das Handwerk des Tötens zu lernen oder schnellstmöglich zur Witwe eines Märtyrers zu werden. Als IS-Terroristen unbehelligt einen ganzen Kontinent durchquerten, bevor sie von Paris Schockwellen des Terrors in die Welt schickten. Als Geheimdienste über all diese Vorgänge entweder mehr wussten, als sie zugeben konnten, oder weniger, als sie zugeben wollten.

Vor vier Jahrzehnten begann der palästinensische Terror

«Schwarzer September» spielt aber – der Titel deutet es an – vier Dekaden früher. In der Zeit, als die Menschen in Europa durch Anschläge palästinensischer Terroristen zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht wurden, dass Globalisierung nicht nur bedeutet, immer neue exotische Waren im Kaufhaus zu finden; als junge deutsche Linke aus dem Holocaust die krudeste aller Lehren zogen und ihr «Nie wieder!» ausgerechnet gegen Israel richteten. Der Weg zu einer gerechten Welt führte für sie nicht in ein Kalifat mit angeblich gottgegebenen Gesetzen, sondern in Flüchtlingslager im Libanon oder Terrortrainingscamps in der Wüste des Jemen. Dort mussten sie jeweils feststellen, dass die «Ästhetik der Tat» mit recht viel Langweile und Entbehrung einhergeht.

Sherko Fatah, 1964 in Ostberlin als Sohn einer DDR-Bürgerin und eines irakischen Kurden geboren, hat es seit langem zu seiner Spezialität gemacht, fiktionale Charaktere in faktenreich recherchierte Kontexte zu setzen, mal historische, mal aktuellere. Seine Geschichten oszillieren meist zwischen Orient und Okzident.

In «Ein weisses Land» aus dem Jahr 2012 verschlug es etwa den jungen Iraker Anwar aus Bagdad ins Weltkriegs-Berlin und schliesslich in eine SS-Division, Fatah schilderte so die nur wenig bekannten Verquickungen zwischen deutschen Nationalsozialisten und frühen Islamisten.

Einer der Mörder geht nach den Schüssen auf die Knie, leckt das Blut auf, das aus den Schusswunden der Leiche über den Marmorboden rinnt.

In «Der letzte Ort», 2014 erschienen, wird ein Archäologe mit DDR-Vergangenheit von Islamisten im Nordirak entführt. Mitunter wirkt es, als hätte Fatah hier den Aufstieg der Terrormiliz IS und ihre grausamen Geiselnahmen von Ausländern bereits vorausgeahnt – das Video mit dem Mord an dem vom IS entführten US-Journalisten James Foley tauchte exakt eine Woche nach dem Erscheinen des Buches im Netz auf.

«Schwarzer September» startet brutal im Jahr 1971 und in Kairo – dort ermordete die neu gegründete Terrorgruppe gleichen Namens in einem Hotelfoyer bei ihrem ersten Anschlag den jordanischen Premierminister, der im Jahr zuvor die palästinensische Befreiungsorganisation PLO aus seinem Land vertrieben hatte. Einer der Mörder geht nach den Schüssen auf die Knie, leckt das Blut auf, das aus den Schusswunden der Leiche über den Marmorboden rinnt. Die anderen Morde, die in diesem Roman folgen werden, sind nicht weniger drastisch beschrieben.

Die bekannteste Tat des «Schwarzen September», das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Spielen 1972, taucht dagegen eigentlich nur in dem Bild auf dem Umschlag des Buches auf, wo sich dunkle Wolken über dem Münchner Olympiagelände zusammenziehen. In seiner Geschichte interessiert Fatah vor allem, was vor und nach dieser Tat geschah: Der grösste Teil des Romans ist im Beirut der Siebzigerjahre angesiedelt, das schon nicht mehr jener Ort des unbeschwerten Müssiggangs ist, als der er einst berüchtigt war.

Zwar besuchen die dort stationierten CIA-Agenten Victor und Amos noch die mondänen Strandclubs und die verrauchten Bars, in deren Hinterzimmern alles zu bekommen ist, was nicht korankonform ist. Doch die immer häufiger werdenden Morde und Attentate kündigen bereits den Bürgerkrieg an, der den Libanon 15 Jahre lang zerstören sollte.

In der Stadt bekriegen sich Clans, politische und ganz normale Kriminelle, Milizen verschiedener Volks- und Glaubensgruppen. Hier landet irgendwann auch Ziad, der einem jordanischen Flüchtlingslager entstammt und nach Frankreich gegangen war, um der Armut zu entkommen. Ohne genau zu wissen, für wen er da arbeitet, wird er eine Art Laufbursche für führende Mitglieder des «Schwarzen September», die sich nach der Tat von München in Europa vor Rachekommandos der Israelis zu verstecken versuchen. Wie etwa der legendäre «Rote Prinz» Ali Hassan Salameh, der als Playboy und Lebemann fast ebenso berüchtigt war wie als Terrorist.

Nach seiner Rückkehr in den Nahen Osten wird Ziad auch Informant der CIA. Victor und Amos, den Agenten aus Amerika, geht es jedoch ähnlich wie ihrem Spitzel – und letztendlich auch dem Leser von Sherko Fatahs Roman: Wirklich überblicken, welche Macht gerade im Hintergrund die Fäden zieht, welche Ziele sie hat und welcher Moral sie folgt, kann niemand.

Die Welt ist verwirrend, und dieser Roman manchmal auch. Gerade dadurch ist er wahrhaftiger als die Formeln von Nahost-Experten.

Während die meisten Autoren von Spionage- und Terrorismusthrillern irgendwann einen Erzbösewicht samt teuflischem Plan aus dem Dickicht von Tarnung, Täuschung und falschen Fährten herausschälen, ist die Sache bei Fatah komplizierter: Konflikte sind nie monokausal, und auch die mächtigsten Akteure kontrollieren die Agenda letztlich nicht selbst, sondern sind Getriebene des Geschehens. Und die Kreaturen, die sie erschaffen, wenden sich später nicht selten gegen sie. Die Welt ist verwirrend, der Nahe Osten erst recht – und Sherko Fatahs Roman manchmal auch. Doch gerade dadurch ist er wahrhaftiger. Denn die Formeln, mit denen manche Nahost-Experten komplizierteste Zusammenhänge erklären, sind oft simplifizierend.

Wie ahnungslos jene sind, die meinen, als Einzige das grosse Ganze durchschauen zu können, zeigt Fatah auch an den drei deutschen Studenten, die er durch das brodelnde Beirut stolpern lässt. Theresa, Jakob und Alexander haben ihre Kommunen in Frankfurt-Bockenheim und Kreuzberg verlassen, um als Teil des erweiterten RAF-Dunstkreises die palästinensische Sache zu unterstützen.

Diese «Kinder des Olymp» träumen vom revolutionären Kampf und müssen dann überrascht feststellen, dass man in diesem auch sterben kann: Alexander, dessen Fantasien der einen Tat galten, die die Welt von Grund auf verändern wird, explodiert seine Bombe schon beim Transport. Er stirbt kläglich und sinnlos, anstatt als Held in die Geschichte einzugehen, bleibt er ein Niemand – genau wie viele der jungen Menschen, die vierzig Jahre nach ihm in den Nahen Osten ziehen sollten, um für eine vermeintlich höhere Mission zu kämpfen. Alles mag nun anders sein im Nahen Osten. Aber alles ist beim Alten.

Sherko Fatah: Schwarzer September. Roman. Luchterhand, München 2019. 384 S., ca. 33 Fr.

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