Ruft es mit mir: «Hitzefrei!»

Bei dieser Hitze arbeiten – eine Qual. Ein flammendes Plädoyer für einen hitzefreien Freitagnachmittag.

Hart: Kein Hitzefrei für Maturanden. Aber für uns! (Archiv: 17.06.2002)

Hart: Kein Hitzefrei für Maturanden. Aber für uns! (Archiv: 17.06.2002) Bild: Markus Stücklin

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Wir haben es alle erlebt: Durch das Flimmern der Sommerluft hörte man es in der Kindheit, vielleicht im Geschichtsunterricht im obersten Stock des stickigen Schulhauses, raunen: Hitzefrei. Ein fast magisches Wort. Ein Wort, an das wir alle Erinnerungen haben, Anekdoten, Geschichten, die längst Teil unseres persönlichen Mythos geworden sind, ganz gleichgültig, wie viele Teilchen Wahrheit noch darin stecken.

Freunde und Freundinnen der Sonne! Möge heute wieder so ein Tag sein! Ein Tag, an dem dieses Raunen – flüstert es beschwörend gegen euren Bildschirm, gegen euer Handy, während ihr diesen Text lest – «Hitzefrei» durch die Flure der Teppichetagen anschwillt wie ein Chor aus arbeitenden Stimmen, die um Gnade, um Gerechtigkeit ersuchen.

Denn wir sitzen, gezwungen durch Kleidungsdiktate, in grässlichen büroblauen Hemden, am Körper klebend wie Kleister, in schweissbefleckten Blusen, in schwitzhüttenartigen schwarzen Anzugshosen und ähnlich niederträchtigen Textilien an unseren Schreibtischen, während die brüllende Sonne uns, durch die Scheiben gleissend, die Häupter versengt. Wir, die wir durch das Glühen unserer Rechner beharkt werden – wir, die wir von stinkender, stehender Luft auf unsere Tischplatten niedergedrückt werden, als ob wir bleierne Hüte trügen, statt Strohhüte am Strand – wir müssen uns erheben und emporrecken. Wir, die Gepeinigten des Sommers, wir Schreibtischflagellanten.

Dass wir an diesem jenem Freitagnachmittag vor den Bildschirmen sitzen und Excel-Befehle ausführen, Mails abarbeiten und Kreditoren-Rechnungen verbuchen – nein, das ergibt keinen Sinn! Die Produktivität an einem solchen Nachmittag ist tiefer, als wenn die Schweiz im Fussball-WM-Finale stehen würde. Und wozu sind wir Arbeitnehmenden da, wenn nicht für Produktivität? Wir haben ein Recht auf Hitzefrei!

Das Gedenken an diesen Hitzetag wird nie vergehen. Vom heutigen Tag an bis zum Ende dieser Welt! Wir vielen. Wir glücklichen vielen. Wir, diese Schar von Geschwistern. Denn wer heute an meiner Seite Schweiss vergiesst, soll mein Bruder oder meine Schwester sein. Und die Menschen, denen es bereits vergönnt ist, freizuhaben, diejenigen, die jetzt in ihren klimatisierten Räumen oder in ihrem Penthouse-Pool entspannen, verfluchen werden sie, dass sie nicht hier gewesen sind an diesem Tag, und sie werden schamesrot, wenn jemand kommt, der mit uns focht, sich mit uns schlug an diesem Hitzetag!

Chefs dieser Welt, möget ihr Gnade walten lassen, möget ihr Müssigkeit jenes längst verlorenen Unterfangens einsehen – an diesem jenem Freitagnachmittag werden wir ohnehin nichts tun, ausser die Zeit totzuschlagen und «Früener heiga» auf unsere Pendenzenliste zu kritzeln. Lasst uns nicht die schönste Zeit unseres Lebens unter künstlichem Sonnenlicht verbringen. Lasst uns hinausströmen auf die Strassen, an die Flussufer, an den See, unter die Pergolas, auf die Terrassen! Lasst uns Hitzefrei feiern und bis tief in die Nacht hinein trinken und tanzen! Chefs dieser Welt, sprecht es aus, dieses magische Wort, das auch ihr aus eurer Kindheit kennt: Hitzefrei! Bestätigt dieses sehnsuchtsvolle Raunen! Sprecht es mit uns zusammen aus, ruft es gen Himmel, befreit euch von euren würgenden Krawatten! Hitzefrei!

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Erstellt: 23.06.2017, 12:14 Uhr

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