Schlechte Zeiten für Journalisten

Unsere Branche muss sich gemeinsam gegen zunehmende Angriffe wappnen.

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Die Schweiz hat 2018 in der internationalen Rangliste von Reporter ohne Grenzen im Vergleich zum Vorjahr einen Platz eingebüsst. Zwar belegt sie noch immer den guten sechsten Platz. Gewiss ist ihr dieser Rang nicht, denn allein in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Sicherheitslage für uns Journalistinnen und Journalisten hierzulande weiter verschlechtert.

Just zwei Tage vor dem Internationalen Tag der Pressefreiheit wurde «Weltwoche»-Journalist Alex Baur beim 1.-Mai-Fest auf dem Zürcher Kasernen-Areal verbal und physisch attackiert, die Redaktion wurde kurz darauf mit dem Satz «Gegen rechte Hetze» versprayt. Letzten November sah sich Fabian Eberhard vom «SonntagsBlick» einer so wuchtigen Online-Hasskampagne aus mutmasslich rechtsradikalen Kreisen ausgesetzt, dass er sich für kurze Zeit von den sozialen Medien zurückzog. «Wir sollten uns alle fragen», schrieb er auf Facebook, «in was für einer Zeit leben wir? Eine Zeit, in der Menschen dermassen angegriffen werden, weil sie Fakten beschreiben.»

Morddrohungen ohne Folgen

In einer neuen, noch unveröffentlichten Studie des Soziologischen Instituts der Universität Zürich gab gut die Hälfte von 637 Journalistinnen und Journalisten an, 2017 mindestens einmal verbal angegriffen worden zu sein. Besonders aggressiv angegriffen werden einflussreiche Journalistinnen und Journalisten in News-Ressorts und solche, die über Themen wie Migration, Asyl, Islam, Religion oder die SVP berichten. Die allermeisten Angriffe kommen allerdings nie an die Öffentlichkeit.

Wenn wir Medienschaffenden die Strafverfolgungsbehörden einschalten, hilft das meist wenig. Einen Straftatbestand, der diese Einschränkung der Pressefreiheit ahndet, gibt es nicht. In solchen Fällen werden meist Straftatbestände wie Ehrverletzung, Drohung oder Nötigung verfolgt – leichtere Delikte also, bei denen der Fahndungsdruck gering bleibt.

Medienschaffende können sich nicht auf die Strafverfolgung verlassen. Sie müssen sich selber organisieren.

In meinem Fall – nach Berichten über die Gewalt zwischen Anhängern der Zürcher Fussballclubs wurden an meinem Wohnort namentliche Drohungen gesprayt und die Glas-Haustür mit einem Stein eingeworfen – wurde die Strafuntersuchung nicht eingeleitet, wegen fehlender Hinweise auf die Täterschaft. Im Fall des Newsportals «Watson», dessen Redaktion von einem GC-Anhänger per E-Mail Gewalt angedroht wurde, wurde das Verfahren eingestellt – Microsoft wollte keine Angaben zur Mail-Adresse machen. Auch im Fall von «Tages-Anzeiger»-Reporter Kurt Pelda, der in islamistischen Kreisen recherchiert, lief eine Strafanzeige nach Morddrohungen gegen ihn und seine Familie auf Twitter ins Leere.

Im Fall von Alex Baur klärt die Polizei momentan noch ab, ob eine Anzeige gemacht werden muss oder ob ein Straftatbestand vorliege, der von Amtes wegen verfolgt werden müsste. Glück hatte «Arena»-Moderator Jonas Projer. Die Morddrohung gegen ihn und seine Familie auf Twitter endete in einer Vergleichsverhandlung bei der Staatsanwaltschaft.

Massnahmen zum Schutz der Medienschaffenden

Sei es eine Frage der Priorität oder eine Frage der Bürokratie: Medienschaffende können sich bei der zunehmenden Gewalt nicht auf die Strafverfolgung verlassen. Sie müssen sich selber organisieren.

Die USA sind da einen Schritt weiter. Die Columbia Journalism School in New York führt seit 2009 das Dart Center for Journalism and Trauma. Eine Stiftung und private Gönner investierten in den vergangenen 10 Jahren 11 Millionen Dollar in die Programme. Nebst Selbsthilfegruppen und Traumatherapien für Kriegsreporter gibt es Toolkits für Journalisten, um mit Hasskampagnen umzugehen. Es werden Kurse im Umgang mit Internethass und Trollen angeboten. Und es können Module zum Umgang mit traumatischen Bildern, die bei gewaltsamen Ereignissen in die Redaktionen fliessen, belegt werden.

Es ist traurig, aber wir werden in der Schweiz je länger, desto weniger darum herumkommen, über solche Angebote und Massnahmen nachzudenken – zum Schutz der Medienschaffenden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2019, 20:04 Uhr

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