Schluss mit «Schätzchen»: Frauen aus Film und Theater wehren sich

Diese Schweizer Schauspielerinnen lassen sich nicht mehr zu #MeToo-Opfern machen. Sie wehren sich mit einem neuen Verein.

Tun im neuen Verein mit: Franka Basoli (links vorne), Beren Tuna (dahinter), Oriana Schrage, Wanda Wylowa, Magdalena Neuhaus, Barbara Terpoorten, Anna-Katharina Müller. Foto: Andrea Zahler

Tun im neuen Verein mit: Franka Basoli (links vorne), Beren Tuna (dahinter), Oriana Schrage, Wanda Wylowa, Magdalena Neuhaus, Barbara Terpoorten, Anna-Katharina Müller. Foto: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Diskriminierung, Sexismus und zu wenig Repräsentation an den Schaltstellen der Macht sind auch in Film- und Theaterproduktionen in der Schweiz Alltag; etwa Männer, welche die Busengrösse ihrer Kolleginnen kommentieren oder zur gemeinsamen Schnürbodenvisite einladen.

Im letzten August gründeten hiesige Schauspielerinnen daher den Verein Female Act, der gegen verkrustete Strukturen und #MeToo-Verhaltensweisen angeht. Und der Schweizerische Bühnenkünstlerverband veröffentlichte im Herbst einen zehnseitigen Verhaltenskodex. Zudem rüttelte ein Buch über den Machtmissbrauch an Bühnen die Szene auf (zum Interview mit dem Buchautor gehts hier).

Im Rahmen der Solothurner Filmtage präsentiert sich der Verein Female Act – der dezidiert auch Männer zum Beitritt einlädt – nun erstmals in der Öffentlichkeit. Die Antworten auf unsere Fragen formulierten die Vorstandsmitglieder Wanda Wylowa, Oriana Schrage, Magdalena Neuhaus, Corinne Soland, Beren Tuna, Barbara Terpoorten, Anna-Katharina Müller und Anja Schärer gemeinsam.


Wenn der Boss seine Macht ausspielt

Welchen Übergriffigkeiten sind Schauspielerinnen in der Schweiz ausgesetzt? Uns ist wichtig: Übergriffigkeiten betreffen alle Geschlechter, nicht nur Frauen. In stark hierarchisch aufgebauten Arbeitswelten wie Film und Theater ist das Machtgefälle sehr gross. Macht kann man übersetzen mit Verantwortung. Wenn nicht äusserst sensibel mit dieser Verantwortung umgegangen wird, entsteht schnell Machtmissbrauch. Und darstellende Künstlerinnen und Künstler sind in einer besonders sensiblen Situation, da wir mit unserem Körper arbeiten – und auf der Bühne und im Film auch Gewalt oder Sexualität dargestellt werden können.

Können Sie den Machtmissbrauch konkretisieren? Da sagte etwa ein sehr bekannter Schauspieler: «Schätzchen, komm, ich zeig dir mal den Schnürboden», und niemand reagierte. Hintenrum wird man dann als biedere Langweilerin belacht, wenn man da dankend anlehnt. Einer der Schauspiel-Cracks meinte auch, dozieren zu müssen: «Mit diesem Busen kannst du schon Schauspielerin werden. Aber der Höhepunkt bei Frauen ist mit 16, danach gehts bergab.» Heikle Situationen sind das Vorsprechen oder Gagenverhandlungen: Da ist man dieser Macht der anderen Person ausgeliefert. Wenn man sich wehrt, Dinge infrage stellt, kann es sehr schnell passieren, dass man belächelt, als prüde oder kompliziert abgestempelt wird. Weniger repräsentierte Minderheiten sind zudem nicht nur Sexismus ausgesetzt, sondern müssen sich unter Umständen rassistische oder identitätsfeindliche Sprüche anhören. Stichwort Gewalt gegen Homosexuelle und Lesben. Hier könnte die erweiterte Strafnorm greifen.

Das sind Sprüche wie: Frau solle ihren «Luxuskörper zur Verfügung stellen».Verein Female Act

Gibts solche Erlebnisse in Ihren Reihen? Jede Schauspielerin, die wir kennen – wir eingeschlossen! –, war schon einmal mit jemandem, der oder die über die Jobvergabe bestimmen konnte, allein in einem Raum bei einer Verhandlung, einem Vorsprechen. Bereits durch dieses Gefüge wird dann die Macht des Gegenübers spürbar, mit oder ohne direkte Anspielungen auf ihren Körper. Und die Aufzählung von Sprüchen wie «deinen Luxuskörper zur Verfügung stellen» oder von Aufforderungen wie «Mach mich mal an, um zu sehen, wie du das machen würdest» – sie würde Seiten füllen. Dass Regisseure bei Sexszenen die Decke wegreissen, ist auch schon vorgekommen. Wichtig: Diese klar patriarchalen Muster werden von Männern wie auch Frauen ausgeübt – aber ganz oben in dieser ungesunden Hackordnung sitzt meist ein Mann.

Wie greift Female Act hier ein? Female Act ist eine Stimme von vielen. Strukturelle Veränderung kann nur ein ganzes System, eine ganze Gesellschaft vollbringen. Female Act ist da, damit dieser Wunsch nach struktureller Veränderung überhaupt geäussert wird. Konkret bedeutet dies, dass wir Schauspiel-Schaffenden uns untereinander vernetzen; mit anderen Verbänden, Vereinen und Organisationen in Austausch treten. Dass wir Interviews wie dieses geben, um auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen. Ebenso erarbeiten wir eine Checkliste – nach schwedischem Vorbild –, die Kulturschaffenden als Leitbild dienen soll.

Female Act will mehr Bewusstsein schaffen für die Unterrepräsentation von Frauen und Minderheiten.

Was empfehlen Sie? Wir weisen etwa darauf hin, dass es für Liebesszenen sogenannte Intimaticy Coordinators gibt. Sie choreografieren ähnlich wie bei Kampfszenen eine Liebesszene und stehen mit den Spielerinnen im Austausch. Oder kürzlich war, auf einem englischen Set, eine Ombudsfrau permanent anwesend: Jede und jeder konnte sich jederzeit an sie wenden. In schwedischen Theatern gibt es das auch. Die Ombudsleute können bei Proben von schwierigen Szenen auch beigezogen werden, damit sich alle wohlfühlen. Dies verbessert nicht nur den Arbeitsplatz für die Spielerin, sondern auch denjenigen des männlichen Kollegen. Zudem wollen wir vermehrt Workshops veranstalten in Zusammenarbeit mit Ausbildern, Fachstellen, Institutionen und Verbänden, um mehr Bewusstsein zu schaffen für die Unterrepräsentation von Frauen und Minderheiten.

Haben Sie schon etwas erreicht? Wir stehen am Anfang; es braucht einen langen Atem. Aber wir sind auf dem Weg, erreichen in der Branche viele Leute. Und es gibt viele tolle Initiativen wie «Time’s Up» oder auch den Frauenstreik am 14. Juni 2019. Dieser Tag brachte Themen wie Gleichstellung und Diversität in die Mitte der Gesellschaft. Nun gilt es, weiter daran zu arbeiten, damit alle Menschen – egal, welcher Hautfarbe, Klasse, sexuellen Orientierung, welchen Geschlechts oder Alters – gleichgestellt und repräsentiert sind. Wir erhalten grossen Zuspruch, auch aus anderen Berufsfeldern in unserer Branche. Regie, Produktion und Casting fragen sich vermehrt: Könnte diese Rolle auch von einer Frau gespielt werden? Es gibt ganz tolle Vorbilder, was Serien betrifft, die etwa aus Skandinavien kommen.

In der dänischen Serie «Borgen – Gefährliche Seilschaften» steht eine Frau an der Spitze der Politik – und der Spannung.

Was für eine Wirkung haben mehr weibliche Mitwirkende? Wenn die Sets vermehrt weiblich werden, wird der überwiegend männliche Blick im Film – der etwa durch die Überzahl der Regie-, Produktions-, Kamera- und Drehbuch-Männer entsteht –, abgelöst. Andere, weibliche Perspektiven erhalten Platz. Das Entscheidende für uns ist – und das wird durchs direkte Feedback auch am spürbarsten: Durch unseren Austausch, beim Stammtisch oder auch in den regelmässigen Sitzungen, fühlen sich Frauen gestärkt, sich zu wehren, wenn sie sich unwohl fühlen. Beispielsweise in gewissen Kostümen, zu denen sie sich überredet fühlen. Oder wenn Schwangerschaft oder Kinderbetreuung in einer Produktion zu einem Problem gemacht werden – was leider durchaus geschieht.

Was raten Sie jungen Frauen, die in den Beruf einsteigen wollen? Was raten Sie Ihrer Tochter, wenn sie eine Tischlerlehre machen will? Schau dich um, dass du nicht in einen Betrieb kommst, in dem klassisch hierarchische Strukturen herrschen. Such dir einen Betrieb, in dem bereits ein Bewusstsein dafür herrscht, Gleichstellung umzusetzen. Und arbeite weiter mit uns und auf der Strasse daran, diese Strukturen in der gesamten Gesellschaft umzukrempeln, damit alle Menschen gleichgestellt und überall vertreten sind.

Informationen zu Female Act gibt es hier.

Am 26.1. ist der Verein Female Act vor der Preisverleihung von Swiss Perform in Solothurn präsent.
Am 28.1. stellt der Vereinsvorstand zudem, im Rahmen des Solothurner Film-Brunchs im Barock Café & Bar, in einem moderierten Podium die Vereinsarbeit vor.

Erstellt: 26.01.2020, 16:29 Uhr

Artikel zum Thema

Er forderte sie auf, mehr zu zeigen

Machtmissbrauch im Job erleben auch junge Schauspielerinnen hierzulande. Ein Opfer erzählt. Mehr...

«Er hat auch mir mal an den Arsch gelangt»

Ex-Schauspielhaus-Chef Matthias Hartmann soll ein Theater-Diktator sein. Nun spricht Katharina von Bock über ihre Erfahrungen mit ihm. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...