Seine Stimme fehlt schon heute

Der Philosoph Jürgen Habermas wird 90 Jahre alt. Er äussert sich öffentlich nur noch selten. Leider.

Zuerst zuhören, dann reden: Jürgen Habermas, geboren am 18. Juni 1929. Foto: Getty Images

Zuerst zuhören, dann reden: Jürgen Habermas, geboren am 18. Juni 1929. Foto: Getty Images

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An Jürgen Habermas fallen zwei Eigenschaften besonders auf. Er hört anderen stets aufmerksam und interessiert zu. Als er vor einigen Jahren an einer Tagung der Universität Luzern teilnahm, bei der die Referenten nicht zu glänzen wussten, sass der Philosoph stoisch in der Bankreihe und lauschte den Vorträgen wie ein neugieriger Student.

Habermas lebt und praktiziert seine «Theorie des kommunikativen Handelns». Er will zu einem Thema alle Meinungen und Argumente, und seien sie noch so bescheiden, zur Kenntnis nehmen, bevor er selbst Stellung bezieht.

Damit ist die zweite Eigenheit des berühmtesten zeitgenössischen Philosophen und Soziologen benannt. Seine ungemein schnelle Auffassungsgabe und sein scharfer Blick fürs Wesentliche machen ihn zu einem gefürchteten Debattierer. Während andere vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen, bewahrt er, mitunter als Einziger, den Überblick. Wenn er das Wort ergreift, klart der diskursive Himmel auf und werden die Dinge einer verständlichen Ordnung zugeführt. Als legitimer Erbe Immanuel Kants verficht er einen Rationalismus, der so messerscharf ist, dass es mitunter wehtut.

Da sich der Mensch die soziale Welt hauptsächlich über die Sprache erschliesst, muss er notgedrungen in Kommunikation mit anderen treten. Nach Jürgen Habermas zeichnet sich ein ideales Gespräch unter Gleichberechtigten durch den «zwanglosen Zwang des besseren Arguments» aus. Um soziale und politische Probleme lösen zu können, gebe es keine Alternative zum stärkeren Argument. Wahrheiten bedürften der nachvollziehbaren Begründung.

Kultur der Lüge

Jürgen Habermas äussert sich nur noch selten öffentlich. Seine Stimme vermisst man gerade in unseren Tagen schmerzlich, in denen sich zahlreiche führende Politiker unverschämt der Lüge bedienen. Während sie sich vor wenigen Jahren noch entschuldigt haben, wenn sie dabei ertappt wurden, sehen sie heute selbst von diesem (letztlich ebenfalls verlogenen) Ritual ab. Dieser gegenwärtige Zynismus wird mittlerweile selbst von Teilen der Öffentlichkeit in Kauf genommen, ja sogar gefördert: Einige Politiker, die sich den Fake News verschrieben haben, werden bei der nächstbesten Gelegenheit wiedergewählt.

Mit dem feinen Besteck der Vernunft überführten Habermas’ Interventionen die «falschen Tatsachen». Heute fehlt diese sprachliche Klärung eines Sachverhaltes, so wie er sie beispielhaft beherrschte, weitgehend.

Als die USA 2003 den Irak-Krieg anzettelten, stellte Habermas die drei zentralen Fragen in einer ideologisch aufgeladenen Debatte:

  1. Stimmt es, dass der Irak Massenvernichtungswaffen produziert?
  2. Gibt uns dies das Recht, dort einzumarschieren?
  3. Und geht es wirklich um Massenvernichtungswaffen und Menschenrechte – oder um geostrategische Interessen?

Hallräume der Demokratie

«Jürgen Habermas glaubt an die Rationalität, das ist einfach schön in einer Welt, die von irrationalen Instinkten beherrscht wird», sagt die ungarische Philosophin Agnes Heller in einem «Zeit»-Interview. Wollen wir den Prozess der Zivilisation weitertreiben, haben wir keine andere Wahl, als uns der kühlen Vernunft zu bedienen. Auch wenn die israelische Philosophin Eva Illouz zu Recht moniert, dass Habermas den Emotionen in seinem sperrigen Theoriegebäude zu wenig Platz einräume, können und dürfen diese in grundlegenden Fragen der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nicht die erste Geige spielen.

Die Rolle des öffentlichen Intellektuellen darf dabei nicht unterschätzt werden – seine bevorzugten Wirkungsstätten sind die Universitäten und die Medien. Um weiterhin Stimmen wie die von Jürgen Habermas vernehmen zu können, müssen die demokratischen Staaten diese Hallräume schützen.

Erstellt: 18.06.2019, 07:40 Uhr

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