Sie macht den Missbrauch an Nonnen öffentlich

Von den Bischöfen gefürchtet, von der Basis gefeiert: Doris Wagner ist die Galionsfigur des katholischen Aufbruchs.

Doris Wagner ist überzeugt, dass sich die Verhältnisse in der katholischen Kirche verbessern. Foto: Sabina Bobst

Doris Wagner ist überzeugt, dass sich die Verhältnisse in der katholischen Kirche verbessern. Foto: Sabina Bobst

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Die deutsche Theologin und Philosophin Doris Wagner, die einst von Klerikern missbraucht wurde, ist zur Galionsfigur im Kampf gegen Ausbeutung in der katholischen Kirche geworden. Die aufgewühlte Stimmung komme ihr vor wie zu Beginn einer Revolution und lasse sie an das Ende des Kaiserreichs, den Sturz der Monarchie denken, sagt sie im Gespräch. «Das Kirchenvolk nimmt nicht mehr hin, was die Bischöfe aus der Kirche machen. Dass wir die Mehrheit sind und auf der richtigen Seite stehen, gibt uns das Gefühl, stärker zu sein als die Bischöfe und das System kippen zu können.»

Die Missbrauchskrise ist zum Motor der Bewegung geworden. Die heute 36-jährige Mutter freut sich darüber, wie das Gefühl der Ohnmacht, der Verzweiflung, des Vertrauensverlusts in eine Aufbruchstimmung umschlägt. Früher habe man Fragen rund um den Zölibat und die Gleichberechtigung der Frauen als nur für Insider relevant abgetan. «Heute wird vielen Menschen bewusst, etwas machen zu müssen gegen den Machtmissbrauch in der Kirche, der buchstäblich Menschenleben kostet.»

Zeichen des Aufbruchs

Frauenkirchenstreiks, Kundgebungen, Märsche, Manifeste, Netzwerke, Priesterkreise und Treffen wie damals in den Katakomben sind für Wagner starke Zeichen des Aufbruchs. Und überall ist sie eingeladen. Ihre Missbrauchsgeschichte, 2014 unter dem Titel «Nicht mehr ich» erschienen, sei zum Selbstläufer geworden: «Man erwartet etwas von mir.»

Hierzulande ist Wagner als eine der fünf Protagonistinnen im Film «#Female Pleasure» bekannt geworden. Am 29. Juni kommt sie wieder in die Schweiz. Ein Aktionsbündnis von Zürcher Theologinnen und Theologen hat sie als Hauptrednerin an die Kundgebung «Zeichen gegen Missbrauch» auf den Helvetiaplatz Bern eingeladen.

Zuvor war sie an der Buch-Vernissage des Moraltheologen Daniel Bogner («Ihr macht uns die Kirche kaputt») in Köln aufgetreten. Ihr eigenes neues Buch «Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche» ist im Januar erschienen. Grosse Resonanz hatte später ihr dreiviertelstündiges Gespräch im «Bayerischen Rundfunk» mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der zu ihr sagte: «Ja, ich glaube Ihnen.»

In der Hierarchie allerdings wollen ihr nicht alle glauben. Man sieht sie als Nestbeschmutzerin. Zumal seit Arte am 15. März die Dokumentation «Gottes missbrauchte Dienerinnen» ausgestrahlt hat. 2,5 Millionen Menschen sahen den Film über Geistliche, die Ordensfrauen missbrauchen, schwangere Nonnen zur Abtreibung oder zum Verlassen des Ordens nötigen – und straflos davonkommen.

Wagner erzählt im Film, wie sie einst in Rom von einem Priester der geistlichen Gemeinschaft «Das Werk» vergewaltigt wurde. Für viele brachte die Doku das Fass zum Überlaufen, auch für das Aktionsbündnis, das jetzt zur Kundgebung nach Bern einlädt. Wagner: «Mir hat es gutgetan, dass dieses Thema, von dem die wenigsten wussten, endlich öffentlich wurde.»

Doch vorläufig darf der Film nicht mehr gezeigt werden. Ein Priester von «Werk» hat beim Landgericht Hamburg eine einstweilige richterliche Verfügung erwirken können gegen Arte und weitere Medien. Offenbar hat das Argument gestochen, dass gegen den Beschuldigten in der Sache kein Urteil erreicht werden konnte.

Wagner ist nie angehört worden. Kirchenrechtler sprechen von einem «Skandal-Urteil».

Ungemach erlebt Wagner an einer weiteren Front. Einem anderen Priester der Gemeinschaft, ihrem früheren Beichtvater, hatte sie vorgeworfen, sie bei der Beichte sexuell bedrängt zu haben. Bis vor kurzem war der Geistliche als Abteilungsleiter in der Glaubenskongregation tätig, ausgerechnet bei jener römischen Behörde, die zuständig ist für Übergriffe von Priestern weltweit. Ende Januar gab er seinen Posten auf, «um weiteren Schaden von der Glaubenskongregation und seiner Gemeinschaft abzuwenden». Drei Monate später, am 15. Mai, sprach ihn das oberste vatikanische Gericht, die Apostolische Signatur, vom Vorwurf frei.

Doris Wagner indes, die bereits 2012 Klage beim vatikanischen Gericht eingereicht hatte, ist nie angehört worden. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller spricht von einem «Skandal-Urteil». Es habe grundlegende Prinzipien der Rechtsprechung verletzt. Wagner meint, eigentlich müsse man sich fast freuen über das entlarvende Geschehen. Es sei einfach nur peinlich, wie selbstgerecht «Das Werk» das Urteil als Sieg feiere und nicht verstehen wolle, etwas falsch gemacht zu haben.

Tatsächlich aber ist das Urteil laut Wagner ein beschämendes Zeugnis für die mangelnde Rechtskultur der Kirche. Dem aus dem Mittelalter stammenden kirchlichen Recht gehe es nur um den Schutz der Institution. Rechtstaatliche Normen zum Schutz des einzelnen Menschen seien ihm fremd.

Noch schlimmer: Unter dem staatlichen Schutz der Religionsfreiheit dürfe die Kirche Menschenrechte aushebeln. Spätestens seit der Missbrauchskrise sei auch der Staat zum Handeln verpflichtet. «Wenn in kirchlichen Organisationen und Schulen, denen Bürger ihre Kinder anvertrauen, Missbrauch und kriminelle Akte geschehen, muss der Staat zwingend eingreifen.» Dafür geht Wagner an die Öffentlichkeit.

Erstellt: 26.06.2019, 20:08 Uhr

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