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«Sklavenhalter verstehen sich als Beschützer»

Der US-Soziologe Austin Choi-Fitzpatrick beschreibt, wie Zwangsarbeit heute funktioniert. Recherchiert hat er in Indien – doch Sklaverei betrifft auch den Westen.

Kinder in Neu-Delhi fesseln sich selbst anlässlich einer Demonstration gegen Sklaverei. Bild: Keystone
Kinder in Neu-Delhi fesseln sich selbst anlässlich einer Demonstration gegen Sklaverei. Bild: Keystone

Wie war es für Sie, mit Sklavenhaltern zu sprechen?

Für mich war das Überraschendste, wie einfach es war, mit ihnen zu reden. Es war manchmal einfacher, mit den Tätern zu sprechen als mit den Opfern. In einigen Fällen hatten sich die Opfer noch nie zu ihren Erlebnissen geäussert. Sie wussten nicht, wie sie ihre eigene Geschichte erzählen sollten. Die Täter waren erfahrener. Sie wussten mehr von der Welt. Wir teilten etwas. Es war sehr ernüchternd für mich, zu realisieren, dass ich so viel mit den Tätern gemeinsam hatte – Status, Vokabular, die Sichtweise auf die Welt: Dinge, die mich von den Opfern trennten, denen meine politische Sympathie galt.

Gibt es einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung blieb?

Ich sprach mit 25 Menschen, die als Zwangsarbeiter in einer Ziegelfabrik gearbeitet hatten. Ich fragte sie: Wie seid ihr entkommen? Ein Mann zeigte mir wortlos, dass er in seinen Kleidern ein sehr altes Nokia-Handy versteckt hatte. Er benutzte es, um eine Organisation anzurufen, die ihnen helfen konnte.

Sie schreiben, dass Sklavenhalter denken, wir lebten in einem Zeitalter des Niedergangs.

Ich realisierte zwei Dinge: dass die Täter klug sind und dass ihre Opfer auch klüger werden. Die Freiheit kommt durch neue Strassen, neue Schulen. Die Organisationen braucht es, um das Bewusstsein der Zwangsarbeiter für ihre Situation zu steigern, und sie haben hier jemanden, den sie anrufen können. Wenn es neue Informationen gibt, beginnt ihr Verstand sich zu bewegen. Die Arbeiter gehen zu den Tätern und sagen: Warum bezahlst du mich nicht? Warum können meine Kinder nicht in die Schule gehen? Der Täter sagt dann: Du arbeitest, weil ich es dir sage. Das Nokia war wichtig. Aber es könnte auch ein Busticket sein. Oder einfach zu sehen: Da entsteht eine neue Strasse. Wohin führt sie? All diese Dinge sind für die Täter ein Problem. Sie halten sie für einen Rückschritt.

Sind sich die Täter des Unrechts bewusst, das sie begehen?

Es gab ein paar, die wussten, dass sie das Gesetz brachen. Die meisten glauben aber, dass sie das Einzige sind, was zwischen ihren Arbeitern und der absoluten Armut und Verzweiflung steht. Weil niemand sonst sich um die Arbeiter kümmern würde. Sklavenhalter verstehen sich als Vaterfiguren, als Beschützer. Sie sehen sich als die, die einen Job machen, den niemand sonst übernehmen möchte. Sie beschweren sich, dass sich niemand bei ihnen bedankt.

Sie achten auch darauf, dass es ihren Arbeitern nicht zu gut geht – damit sie sich nicht auflehnen.

Sie tun etwas sehr Interessantes: Sie planen viel. Bei Sklaverei geht es nicht mehr um Besitz. Es gibt keine Quittung für Menschen. Es geht nur um Kontrolle und darum, wie man sie ausübt. Überwachung funktioniert am besten, wenn man in einer Beziehung zum Opfer steht. Wenn man weiss, wann die Person Geld braucht. Die Sklavenhalter sagten mir: «Ich warte auf die Momente, in denen die Arbeiter schwach sind. Dann helfe ich ihnen. Dann schulden sie mir was.» Sie achten darauf, dass ihre Arbeiter nicht zu viel Geld haben. Oder zu viel Zeit, zu viele Ideen. Irgendwas, das den Wunsch nach Freiheit wecken könnte.

Es ist also ein bestimmtes Schema, nach dem sie vorgehen?

Ja. Schritt eins ist: Schwächen finden, um Kontrolle zu übernehmen. Schritt zwei: Diese Schwäche aufrechterhalten, um die Kontrolle zu bewahren.

Sie beschreiben den Fall von Goral, eines Sklavenhalters, der seinem Arbeiter 20 Franken für zwei Jahre zahlte, um ihn dann drei weitere Jahre unbezahlt zu beschäftigen.

Oft sind die Opfer von Beginn an verletzlich, weil sie keine andere ökonomische Option haben. Es gibt für sie keine andere Methode, an diese 20 Euro heranzukommen, als sie zu leihen. Sobald sie verschuldet sind, haben sie keine andere Möglichkeit als die Sklaverei, um das Geld zurückzuzahlen. Sie haben nichts. In Indien gibt es so viele Menschen in absoluter Armut, sie haben diese 20 Franken einfach nicht. Zudem wissen sie nicht, was ihre Arbeit wert ist.

Die Sklaven werden durch eine Verschuldung in ihrer Situation gehalten, die eigentlich längst abgedient sein müsste.

Ich habe viele Arbeiter getroffen, die mir gesagt haben: «Ich schulde meinem Besitzer so und so viel Geld.» Und ich fragte: «Woher weisst du das?» Und sie: «Es steht in dem Buch.» Und ich: «Wo ist das Buch?» Und sie: «Im Haus.» Ich: «Hast du es je gesehen? Kannst du lesen?» Sie: «Nein.» Zehn Minuten später frage ich noch mal: «Hast du das Buch je gesehen?» Und sie: «Nein. Nie.» Wenn dann einer sieht, dass eine Strasse gebaut wird, oder wenn er von seinem Nachbarn hört, dass es in der Stadt Arbeit gibt: Dann geht er.

In einem grösseren Zusammenhang könnte man auch sagen, dass diese Mechanismen uns alle im Westen ebenfalls betreffen.

Es geht um die Kompromisse, die wir alle eingehen. In dem Buch geht es um Indien. Aber in Wirklichkeit geht es um uns alle, die direkt oder indirekt von diesen Umständen profitieren. Das gilt zum Beispiel auch für mein Hemd. Ich mag es, aber weiss ich, wie es hergestellt wurde? Nein. Dafür habe ich keine Zeit. Warum? Weil ich mit Ihnen rede. Ich habe keine Kriminellen interviewt. Ich habe normale Menschen interviewt. Und was diese normalen Menschen, die Täter sind, mir erzählt haben, lehrt mich, was es bedeutet, in einer sich verändernden Welt ein ethisches Leben zu führen: in Indien, in Amerika, in der Schweiz. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren plötzlich verantwortlich – weil sie neue Dinge über ein altes Verhalten erfuhren. Es geht nicht um Indien. Es geht um mich und darum, wer ich heute bin.

Wie können Sklaverei und Zwangsarbeit beendet werden?

Vor zwanzig Jahren wussten wir nichts über Sklaverei. Vor zehn Jahren wussten wir nichts über die Opfer und Überlebenden. Heute beginnen wir gerade erst, die Täter zu verstehen. Aber die Täter zu verstehen, ist wichtig, wenn wir die Sklaverei beenden wollen. Ich denke, dass es möglich ist – und dass es nur möglich ist, wenn wir die soziale Natur der Ausbeutung verstehen.

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