«Schaut nach oben!»

David Lindo beobachtet Vögel in der Grossstadt. Heute erklärte der Brite in Zürich, wie dieses «Urban Birding» funktioniert.

David Lindo will in Grossstädtern den «urban birder» wecken – Vögel beobachten tue jedem gut. Bild: Darren Crain

David Lindo will in Grossstädtern den «urban birder» wecken – Vögel beobachten tue jedem gut. Bild: Darren Crain

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Wie erleben Sie denn das Vogelleben in der Stadt Zürich?
Ich erlebe Zürich als eine sehr entspannende Stadt, die Leute sind sehr freundlich, und die Vogelwelt hat mich sehr positiv überrascht. Doch obwohl die Umgebung einer tollen Postkarte gleicht, ist sie sehr stark durch den Menschen geformt. Gerade das Gras und die Wiesen sehen sehr schön aus – weil sie sehr kurz und präzise geschnitten sind. Das heisst, dass dort weniger Leben existieren kann. Vögel können sich am Boden nicht einnisten, weil das Gras einfach nicht lang genug ist.

Als ich den Ausdruck Urban Birding zum ersten Mal las, musste ich direkt an etwas Modisches denken. Bei uns kann man vor fast alles das Wort «urban» setzen, und schon ist es hip. Verkaufen Sie nun die Wiederverbindung mit der Natur und das Urban Birding jetzt als neuen Lifestyle?
Einige dieser sogenannten hippen und modischen Zeitschriften haben Urban Birding tatsächlich den Rock ’n’ Roll der Ornithologie genannt. Für mich ist es ganz einfach ein erleichterter Zugang zur Vogelkunde und der Vogelbeobachtung. Historisch gesehen könnte man sagen, dass die Vogelkunde nur etwas ist, das «Nerds» machen. Etwas für weisse, bierbäuchige Männer aus der Mittelschicht. Wenn ich aber das Wort «urban» voranstelle, sagen sich die Leute: «Ich kann das auch machen, weil es urban ist.» Sie beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wie sie es auch schon mit dem urbanen Bienenzüchten oder urbanen Gärtnern gemacht haben. Urban Birding ist aber keineswegs eine neue Erfindung. Es gibt wohl Urban Birders, seit es die ersten Städte gibt.

Wie sind Sie Urban Birder geworden?
Ich war schon immer einer. Vögel haben mich schon immer interessiert. Früher sagte man mir, dass man Wildtiere nur auf dem Land finden könne. Aber ich hatte niemanden, der mit mir aufs Land fuhr. Vogelkunde war in der schwarz-irischen Nachbarschaft, in der ich aufgewachsen bin, nicht so in Mode. Ich stellte aber fest, dass die Vögel auch in der Stadt immer um mich waren. So wurde ich unbewusst zum Urban Birder, schaute viel aus meinem Schlafzimmerfenster in die umliegenden Gärten und brachte mir bereits als Kind mein heutiges Grundwissen über Vögel bei. Zudem hatte ich auch schon immer diese spezifische Faszination für urbane Räume. Umso aufregender ist es für mich, ein Tier in solch einer Umgebung zu beobachten.

Sie stammen aus London. Wie ist das Leben der Vögel dort?
London ist eine sehr grüne Stadt und die Vogelwelt dementsprechend reich. Ungefähr die Hälfte aller Vogelarten, die es in Grossbritannien gibt, findet man auch in London. Eine gute Quote. Meine Karriere als Vogelbeobachter begann ebenfalls in London. Dafür liebe ich die Stadt.

Ihr Motto ist «Look up!», also «Schau(t) nach oben!». Haben wir vergessen, richtig hinzuhören und hinzuschauen?
Ja. Das ist ein grosses Problem für Leute, die in der Stadt wohnen. Sie leben in einer Blase, starren in ihre Mobiltelefone, den Blick nach unten gerichtet. Niemand schaut nach oben. Du könntest nackt auf dem Balkon im ersten Stock eines Hauses stehen, und niemand würde dich sehen. Wir, als Gesellschaft, leben getrennt von der Natur, wir sind nicht Teil von ihr, wir denken, dass wir ihr stünden, dass die Natur etwas ist, das wir kontrollieren sollten.

David Lindo reist um die ganze Welt, um Vögel in Grossstädten zu beobachten, auch auf Friedhöfen. Bild: Fotonoid

Sie plädieren ja auch dafür, dass die Menschen ihre Verbundenheit zur Natur wiederherstellen.
Genau. Denn sobald wir es tun, merken wir, wie gut es uns tut. Es ist gut für unsere mentale Gesundheit, für unser Wohlbefinden. Wir sitzen hier zum Beispiel in einem kleinen Garten mitten in der Stadt. Wir hören Mönchsgrasmücken – eine Vogelart, kein Insekt – singen. Ich mag die Vorstellung, hier die Mittagspause zu verbringen, das Ganze auf mich wirken zu lassen, nachzudenken, was ich heute oder am Wochenende machen will. Es hilft mir, klarer und positiver zu denken, mich einfach besser zu fühlen.

«Viele meinen, Vögel zu beobachten sei nur etwas für weisse, bierbäuchige Männer. Dabei kann das jeder!»David Lindo

Und wie werde ich Urban Birder?
Für mich kannst du ein Urban Birder werden, wenn du dich einfach hinsetzt und in die Natur schaust. Du musst kein Experte sein und dir grüne Klamotten kaufen. Und dabei musst du nicht genau wissen, was du anschaust. Schau einfach aus dem Fenster. Wenn du willst, besorg dir ein Fernglas. Es gibt keine Anzahl Arten, die du in einer bestimmten Zeit gesehen haben musst. Es geht rein darum, die Natur zu schätzen. Das kann jeder.

Auch in Zürich muss man nicht lange suchen, bis man die Vögel zwitschern hört. In Wiedikon tönt es in diesem Wäldchen unter anderem nach Ringel- und Türkentauben. Bild: Tamedia

Für uns Menschen klingt das toll. Doch das Leben in der Stadt ist für die Vögel bestimmt eine Herausforderung.
Schauen Sie, der Vogel, den wir gerade hören, lebte ursprünglich in einem Waldgebiet. Er hat sich nun aber so weit angepasst, dass er hier in Zürich leben kann. Trotzdem braucht er Bäume, in denen er nisten kann, und Insekten, die er essen kann. Das Problem vieler urbaner Räume ist, dass es immer mehr Beton gibt und weniger Grün. Gerade in Grossbritannien verwandeln viele Leute ihren Garten in einen gepflasterten Patio, steril und ohne Grün. Und wenn es Grün gibt, dann nur sehr kontrolliert und nicht mal einheimisch. Das zieht keine Insekten an. Das heisst: Keine Nahrung für die Vögel. Ähnlich sieht es beim Wohnen aus. Alte Häuser besitzen viele Löcher und Ritzen. Das ist ideal für Vögel. Neue Gebäude sind oft komplett verschlossen von aussen. Lauter grosse Glasfronten. Das ist total unwirtlich für Vögel und andere Tiere. Es ist also zentral, den Vögeln ein angemessenes Habitat zu bieten.

«Wir müssen beim urbanen Bauen mehr an die Vögel und die Natur denken.»David Lindo

In Zürich gibt es den «Plan Lumière», ein öffentliches Beleuchtungskonzept, das die Lichtverschmutzung eindämmt und so den Bedürfnissen von Vögeln und Insekten besser Rechnung trägt. Was halten Sie davon? Was können wir noch tun für die Vögel?
Das finde ich eine sehr gute Initiative. Was ebenfalls gesund ist für die Vögel: Sie im Winter füttern. Gerade wenn es kalt ist, tut ihnen mehr Nahrung gut. Aber das Wichtigste ist, dass wir unsere Haltung gegenüber der Natur ändern. Wir müssen uns unserer Umgebung bewusster werden. Wir müssen verstehen, dass wir ein Teil der Natur sind. Wenn wir die Natur nicht schützen, schützen wir auch uns selbst nicht. Auch wenn wir bauen, sollten wir deshalb stets an die Natur denken, nachhaltige Gebäude mit Nischen für Insekten und andere Tiere, öffentliche Plätze mit Bäumen und kleinen Seen. So können auch die Kinder die Natur direkt erleben, wenn sie aufwachsen, und wollen sie später auch nicht verschmutzt sehen, da sie sich als Teil von ihr verstehen. Es geht also auch sehr stark um Bildung und Sensibilisierung.

Gibt es einen Vogel, den Sie hier in der Schweiz unbedingt sehen wollen?
Nein. Mir geht es nicht darum, einem ganz bestimmten oder besonders seltenen Vogel so lange hinterherzujagen, bis ich ihn gesehen und fotografiert habe. Ich möchte es einfach geniessen, in die Natur zu schauen und dabei einen Vogel oder etwas anderes Schönes zu entdecken. Das mache ich überall auf der Welt so. Denn oft taucht etwas sowieso irgendwann und irgendwo auf. Ich mag es, Dinge zu entdecken, wo ich sie nicht erwarte, gerade in der Stadt.

In Zürich gehören Spatzen noch zum Stadtbild, in London vermisste David Lindo bereits ihren Gesang – sie werden immer seltener. Bild: Keystone

Macht das also die Schönheit des Urban Birding aus?
Ja. Was ebenfalls schön ist: Beim Urban Birding siehst du oft Arten, die auch auf dem Land leben, die aber in der Stadt viel zugänglicher sind. Sie sind es sich gewohnt, dass Leute in der Nähe sind. Gerade die Mönchsgrasmücke, die wir gerade singen hören, ist sehr nahe bei uns. Im Wald wäre sie nie so nah bei uns.

Wie sähe für Sie eine Welt ohne Vögel aus?
Sie wäre definitiv ein traurigerer Ort, wenn ich aus dem Haus gehen und nichts hören würde. Es ist wunderbar, durch die Tür zu gehen und all das zu sehen und zu hören. Gerade als Kind nimmst du solche Dinge sehr stark wahr, es ist der Soundtrack deiner Jugend. Und wenn du älter wirst, stellst du fest, dass es einiges davon schon nicht mehr gibt. Hören Sie den Spatzen singen? In London sind Spatzen bereits sehr selten geworden. Als Kind habe ich sie oft gehört. Ich vermisse das.

Was ist Ihre Botschaft als Urban Birder?
Leute sollen mehr Zeit in der Natur verbringen. Ihr habt hier eine so schöne Umgebung – die man vielleicht vergisst, weil sie einen tagtäglich umgibt. Wir müssen versuchen, diese schöne Natur noch schöner und natürlicher zu machen, anstatt sie kosmetisch formen zu wollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2018, 18:33 Uhr

Buch: «#Urban Birding»


Quelle: Kosmos-Verlag

David Lindos neuestes Buch über Vogelbeobachtung in der Grossstadt. Denn die urbane Vogelwelt hat einiges zu bieten: Greifvögel, Mauersegler, Drosseln, seltene Gäste, vertraute, gut angepasste Bekannte. Das Buch zeigt, wie man selbst zum Urban Birder werden und das Leben in der Stadt neu entdecken kann.

David Lindo


David Lindo im Garten des Schweizer Vogelschutzes in Zürich. Bild: Sharon Cavanagh

David Lindo ist in London geboren und aufgewachsen. Schon als Kind haben ihn Vögel fasziniert. Heute ist Lindo Autor, Fotograf, Reiseleiter und tritt in zahlreichen TV- und Radioshows auf. Sein Ziel: Vogel- und Naturschutz.

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