Plötzlich der Anruf aus Moskau

Mit Sepp Blatter ins Fifa-Museum? Kann Probleme geben.

Darf da gern hineingehen. Aber nur, wenn kein Journalist dabei ist: Sepp Blatter vor dem Fifa-Museum. Foto: Sabina Bobst

Darf da gern hineingehen. Aber nur, wenn kein Journalist dabei ist: Sepp Blatter vor dem Fifa-Museum. Foto: Sabina Bobst

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Der Heilige Gral ist da und doch nicht da. Wer das Fifa-Museum betritt, sieht ihn flimmern: Der WM-Pokal wird als Hologramm eingeblendet. Das Original – das berühmte, zur Kugel geklumpte Stück Gold – ist derzeit in Moskau. Wie gross das Glück der Franzosen oder Kroaten auch sein wird am Sonntag: Für den Sieger gibts nur eine Kopie. Das Original dürfen sie bei der Ehrung kurz anfassen, dann wird der Pokal wieder zurückgestellt in die Museumsvitrine beim Zürcher Bahnhof Enge.

Direkt gegenüber dem Fifa-Museum steht ein Nobelhotel. Es ist Mittag, in einem Hinterzimmer sitzt ein alter Herr. Kleiner Wuchs, runder Kopf. Wenn er lächelt, weiten sich die Mundwinkel ganz erstaunlich, honigkuchenpferdig, fast verschwinden die Backen. Ist es Gemüt oder Taktik? Schwer zu sagen bei Joseph S. Blatter. Lächeln, wird er später erklären, Lächeln sei die klügste Art, einem Gegner die Zähne zu zeigen. Listig wird er anfügen: «Konfuzius!»

Man schätzt sich

Eine Kellnerin hat Blatter ins Hinterzimmer geführt. Der 82-Jährige trippelt, schäkert mit dosierter Herzlichkeit, man kennt sich. Ein paar Worte auf Italienisch zum Chauffeur, einem Getreuen, der ihn früher als Fifa-Fahrer kutschiert hat. Blatter erlebt gerade seine erste WM als Ex-Präsident. In Brasilien hatte er noch den besten Logenplatz gehabt und den Deutschen den Pokal übergeben.

Jetzt ist die Macht weg. Die Agenda ist ein Schatten besserer Tage: Diese Woche besuchte er die Frau eines ehemaligen Delegierten, der bei einer Razzia verhaftet worden war, traf Alt-Nationalrat Andreas Gross, schaute sich mit einer früheren Mitarbeiterin ein WM-Spiel an, in Pfäffikon. Wenn Studenten eine Seminararbeit schreiben und um Ausführungen vom früheren Fifa-Boss bitten, dann sagt Blatter nicht Nein.

Das Hologramm des WM-Pokals. Foto: Michele Limina

Nun sitzt Sepp Blatter da und redet vom «Füessball» und vom «Wältgupp». Seinetwegen wird der sanfte Singsang der Walliser noch lange als der Funktionärssound nachhallen. Blatter ist gerade zurückgeflogen aus Russland. Putin hat ihn persönlich eingeladen zum Dank, dass er nun die WM veranstalten darf.

Was ist das für ein Typ, Putin? «Ein harter Mensch. Hart zu sich und hart zu anderen», sagt Blatter. Mag er ihn? «Ich schätze Putin, weil er mich schätzt.» Und wie genau verbessert der Fussball noch mal die Welt? Blatter wiederholt den Wertekanon der Fifa, den er über die Jahre hin verfeinert und verinnerlicht hat. «Fairness», «Disziplin», «Respekt», und so weiter. Klingt aufgeklärt und progressiv und hält selbstverständlich kein einziges garstiges Land davon ab, eine WM zu organisieren.

Auftritt Ethikkommission

Nach der Rückkehr aus Moskau wollte Blatter das Fifa-Museum besuchen. Dieses war Anfang 2016 eröffnet worden, kurz nachdem die Fifa-Ethiker ihn wegen unklarer Zahlung gesperrt hatten. Die aktuelle Ausstellung des Museums setzt auf Überwältigung, ruft Erinnerungen packender Spiele wach, triggert jede mögliche Fussballemotion.

Auf Grossleinwand ist Maradonas irres Dribbling gegen die Engländer zu sehen, unterlegt mit wagnerianischem Pomp. Gänsehaut, Besucher mit wässrigen Augen. Hinter Glas befinden sich Erinnerungsstücke wie eine Jacke von Pelé und Absonderliches wie eine Voodoopuppe aus Benin, die den Schiedsrichter beeinflussen soll. Wie eine Monstranz thront das Pokal­hologramm beim Eingang.

Das Museum ist dieser Tage besser besucht als gewöhnlich. Wer während der WM im Trikot kommt, darf gratis hinein. Vielleicht kommt einer ja später wieder, mit Freunden und gegen Geld. Das Museum braucht dringend mehr Aufmerksamkeit, kurz nach der Gründung wurde das Budget zusammengestrichen, und Dutzende Mitarbeiter mussten gehen. Anfänglich hatte man mit 200’000 Besuchern gerechnet, letztes Jahr kamen 120’000.

Die Voodoo-Puppe soll Schiedsrichter beeinflussen. Foto: Fifa-Museum

Das Fifa-Museum sei Teil seines Erbes, sagt Blatter im Nobelhotel gegenüber. Ohne ihn stünde es an einem anderen Ort, in London womöglich oder in Paris, jedenfalls nicht in Zürich. Dass Blatter nun im Hotel sitzt und nicht durchs Museum bummelt, hat seine Gründe: Kurz vor dem Rundgang mit Blatter hat sich die Ethikkommission gemeldet, Blatters Erzfeindin, diese Institution, die blumige Papiere publizieren, aber auch jeden Fifa-Präsidenten ins Aus kippen kann.

Man hatte von Blatters Plänen erfahren und war alarmiert. Anrufe und Mails aus Moskau: Falls Blatter mit einem Journalisten das Museum besuche, wäre das womöglich ein Verstoss gegen die Suspendierungsauflagen. Als Privatperson könne Sepp Blatter selbstverständlich jederzeit das Museum besuchen. Aber eben: Ohne Journalist – und nein, über mögliche juristische Folgen könne man nichts sagen. Blatter schaltete seinerseits den Anwalt ein. Er stichelt: Einen Vertreter dieser Kommission habe er damals noch zum Papst mitgenommen. Das Treffen findet im Hotel statt, zu unklar ist die Rechtslage.

Machiavelli!

Blatter ist heute ein Paria jener Fussballgemeinschaft, die er in Reden so oft beschworen hat. Seine schönste Zeit war, als die Macht noch ganz bei ihm war. Als er den Papst besuchte und Präsidenten traf, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Seinen wachsenden Einfluss gespürt habe er, als er das TV-Geschäft allmählich in den Griff bekommen habe. «Die Hochzeit zwischen Fernsehen und Fussball ergab ein unschlagbares Doppel – zwei Stunden Super-Show.» Stolz fügt er an: Eine Milliarde US-Dollar Cash habe er der Fifa hinterlassen.

Während er den Reichtum der Organisation mehrte, musste Blatter Rivalen kleinhalten, Loyalitäten schmieden, Verbündete hinter sich scharen. Blatter entwickelte Überlebensstrategien, traf sich vor Meetings mit jenen Köpfen, die eine Sitzung entscheiden konnten. «So spurte ich bereits vor.» Man müsse sich seiner Position innerhalb einer Grossorganisation wie der Fifa stets genau bewusst sein, erklärt Blatter. Es gehe zudem nicht um den Titel, den man besitze, sondern um die faktische Macht, die das Handeln ermögliche. «Machiavelli!»

Blatter als Star einer Filmvorführung im Museum. Foto: Michele Liminia

Blatters Ende kam 2015. Das ganze Jahr über habe sich etwas zusammengebraut in der Fifa, erinnert sich Blatter. Platini und seine Verbündeten seien es gewesen, dazu aggressive US-Anwälte, die die Fifa sezieren wollten. «Ich hätte es riechen sollen.» Blatter ärgert sich darüber, eine Verschwörung nicht bemerkt zu haben. Darüber, dass ausgerechnet er, der raffinierte Oberwalliser Machtmensch, nichts «gerochen» hatte. «Ich hatte wohl meinen Mitarbeitern das entscheidende Stückchen zu sehr vertraut.»

In irgendeinem Fifa-Raum lagern bis heute seine Sachen: Medaillen, eine Uhrensammlung, Bescheinigungen von Ehrendoktortiteln. Die Fifa rücke einfach nicht damit heraus, sagt Blatter. Dass der Ex-Präsident in der aktuellen Ausstellung im Fifa-­Museum allgegenwärtig ist, ist eine Ironie des bitteren Streits zwischen ihm und der Fifa. Man sieht ihn bei Pokalübergaben, wieselnd in den Katakomben.

Nur «suspendiert»

Sepp Blatter hat nicht abgeschlossen mit der Vergangenheit. Er hat noch immer die schäumende Fantasie des Variétédirektors, das ganz grosse Ding vor Augen. «Statt Katar wollte ich ja nach Russland eine WM in den USA. Und dann: ein ‹Handshake for Peace› zwischen Russland und USA.» Darauf waghalsige philosophische Kombinatorik: Der Ball sei die perfekte Form, Fussball erfordere artistisches Können. Blatter steht vom Tisch auf, winkelt die Arme an, zieht ein Bein vor und wieder zurück. Der tanzende Funktionär, der kindliche Machiavelli: Es ist auch diese Widersprüchlichkeit, der Verdacht, hier spiele einer eine clevere Maskerade, die Blatter so viel Argwohn einbrachte.

Die Macht ist weg, doch der Geltungswille ist geblieben. Konsequent bezeichnet sich Blatter als «suspendierter Präsident». Ihm sei Unrecht widerfahren, ist er überzeugt, dieses Gefühl treibt ihn an. Auf eine Rückkehr an die Spitze der Fifa spekuliert er nicht mehr, sehr wohl aber auf eine Rehabilitierung samt gehörigem Medienwirbel. Im Herbst, glaubt Blatter, werde sein Fall bei der Bundesanwaltschaft ad acta gelegt und die Sperre aufgehoben. In dieser Zeit werde er auch seine Memoiren auf Deutsch veröffentlichen und «einiges richtigstellen.» Die alte Macht wird Blatter nicht zurückbekommen. Aber recht behalten, das möchte er schon noch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2018, 10:06 Uhr

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