Der Gott des Designs ist tot

Luigi Colani geriet alles fliessend und aerodynamisch – von der Zahnbürste bis zum Flugzeug. Jetzt ist er 91-jährig gestorben.

Windschlüpfrig war diese für die ehemalige Sowjetunion entworfene Lokomotive. Luigi Colani zeigt sie hier 2003 in einer Ausstellung seiner Werke. Foto: Jens  Meyer (AP)

Windschlüpfrig war diese für die ehemalige Sowjetunion entworfene Lokomotive. Luigi Colani zeigt sie hier 2003 in einer Ausstellung seiner Werke. Foto: Jens Meyer (AP)

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Gott ist tot – abgesehen vom Nietzsche-Faktor ist das der einzig angemessene Satz, um einen Nachruf auf Luigi Colani zu beginnen. An diesem Montag ist der weltberühmte Gestalter, der auch ein weltberüchtigter Gestalter war, im Alter von 91 Jahren gestorben.

Weshalb das letzte Wort, das man noch im Ohr hat, leider dieses ist: «Depp». Das sagte er dem Kritiker, der ihn als «einen der grössten Angeber der Designgeschichte» porträtiert hatte. Woraufhin Colani darauf insistierte, dass er in anderen Ländern «wie eine Gottheit» verehrt werde – und dass er nicht einer der wichtigsten Gestalter sei, sondern einfach der wichtigste.

Man wird Colani vermissen, weil die Welt der Gestaltung nun nicht nur einen gnadenvoll begabten Lautsprecher verloren hat, sondern auf stillere Weise einen genialen Visionär, der die Welt umarmte, indem er sie neu, schöner und besser erfinden wollte.

Der Meister mit drei seiner Autos: Stadtauto (das «gelbe Ei», links), Ferrari Testarossa (Mitte) und Speedster auf der Basis eines VW-Käfers. Foto: Waltraud Grubitzsch (Keystone)

Leise war er nicht. Der Mann, der als «Gott der geschwungenen Linie» («Stern») bezeichnet wurde, war meist im Rohrspatz-Modus unterwegs. Einen Bugatti bezeichnete er einmal als «Scheisskiste», die A-Klasse von Mercedes als «Gestaltungsfummelchen», die Produkte von Kollegen wie Philippe Starck, zumal die ikonische Zitronenpresse, als «tödlich» – und mit dem deutschen Design in der Nachfolge der Bauhaus-Ära rechnete er so ab: «Das deutsche Design war nie richtig. Seht euch die Waschbecken und Klos an, die hier gemacht werden: Wie kann so ein Idiot etwas eckig machen, wo ein runder Arsch draufkommt!»

Die Welt, Journalisten, Auftraggeber und Kollegen insbesondere, war für ihn oft eine Welt der Deppen. Dass er das so lautstark in eben diese Welt trompetete, ist ein Grund dafür, dass Colanis eigentliche Nachdenklichkeit, sein Weltwissen und seine enorme, ja fast unbegreiflich schöpferische Kreativität nicht immer angemessen wahrgenommen wurden.

Rund und bequem: Sitzmöbel von Colani in einer Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München. Foto: Ulrich Baumgarten (Getty Images)

Der am 2. August 1928 in Berlin als Lutz Colani geborene Gestalter, der den Begriff «Design» geprägt hat wie kaum ein anderer Formfinder (was ihn nicht daran hinderte, das Wort zu verachten), war ausgebildet als Bildhauer und Aerodynamiker. Aus beiden Sphären sowie aus einer frühen Bewunderung für das Werk des Modernisme-Vordenkers Antoni Gaudí leitete er seine organisch anmutende, zumeist skulptural gerundete Formensprache ab.

Was er auch entwarf, von der Zahnbürste über Wasserhahn, Katzenklo, Fotoapparat (die Canon T90), Uhr, Lokomotive, Stuhl, Flugzeug bis zum Mini-Haus (für einen Menschen) oder zur Idealstadt (für 50'000 Menschen): Die Form geriet ihm stets rundlich. Kritiker sagen dazu «seifig». Respektvoller lässt sich behaupten: Colani war ein Vordenker der Bionik und des Biomorphismus.

Stolz präsentiert Colani 1973 seinen Entwurf eines turbinengetriebenen Töffs. Im Hintergrund Schloss Harkotten in Westfalen, sein damaliger Wohnsitz. Foto: Horst Ossinger (Keystone)

Wenn heute, ein Jahrhundert nach Adolf Loos («Ornament und Verbrechen»), das Ornament eine Renaissance erfährt: Colani hat daran seinen Anteil. Er war seiner Zeit voraus. Die Liebe zu einer mitunter auch arabesken Formfindung leitete Colani übrigens von seiner Herkunft ab. Der italo-schweizerische Vater war kurdischer Abstammung, die Mutter Polin. Colani wurde früh ermuntert, sich als Weltbürger des Andersseins zu fühlen. Und so war er bald zu Hause in Japan, China und zuletzt in Karlsruhe, wo er noch bis weit in seine Achtzigerjahre hinein arbeitete. Das sei keine Arbeit, sondern «eine Gnade».

Auch die Schweiz profitierte von seinem Erfindungsreichtum: Colani designte die Flasche für das Valserwasser und Uniformen für die Swissair. In den 1980er-Jahren arbeitete er mit dem Schweizer Karosseriebauer Jürg Bärtschi in einem Hangar in der Nähe von Bern und entwarf aerodynamische Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge.

Schmeckt: Luigi Colani probiert 1990 aus der von ihm entworfenen Valser-Wasser-Flasche. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Passt: Colani mit einer Stewardess, die die neue Swissair-Uniform trägt, 1990 auf dem Flughafen Zürich-Kloten. Foto: Keystone

Sein Rat an die Welt, die bleibt: Hütet euch davor, die Welt in «Margarine-Würfelform zu prügeln», das Universum ist rund. «Es fliegt nicht ein einziger Koffer da oben herum, der eckig ist.» Es wird ihm gefallen, da oben. Aber denkbar ist auch, dass er den Schöpfer als Kollegen erst mal rund macht.

Erstellt: 16.09.2019, 16:40 Uhr

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