Die Geheimnisse hinter den Türen

Die Tessinerin Anna Felder lebt seit Jahrzehnten in der Deutschschweiz. Am Donnerstag bekommt sie den Grand Prix Literatur des Bundesamts für Kultur.

Irritierender Blick unter die Oberfläche: Anna Felder. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Irritierender Blick unter die Oberfläche: Anna Felder. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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«Sonne, See und Wind lenken meine Entscheidung, und ich merke, dass ich nicht die Einzige bin.» Die Icherzählerin sitzt auf der Terrasse eines Restaurants, trinkt ein Glas San Pellegrino und schaut den Segelbooten auf dem See zu, die man für «Klosterschülerinnen im Wettstreit» halten könnte. Auf dem Stuhl gegenüber liegt ein glänzend blauer Motorradhelm. Ein Paar am Nebentisch hatte gefragt, ob der Platz frei sei, und das Objekt dort deponiert.

In der Geschichte «Höflicher Helm», der im neuen Erzählband «Circolare» von Anna Felder zu finden ist, wird dieser Kopfschutz zum belebten Objekt und Tischgenossen, der Gespräche und Beobachtungen zu steuern scheint und die Icherzählerin, mit Blick auf die Eis essenden Nachbarn, kulinarisch stimuliert: «Man möchte daran lecken wie an einem Rieseneis: Blau kühlt, doch vielleicht glüht es oder fiebert.»

«Wichtig ist der Anfang»

Die kurze Erzählung, eher eine geschliffene Miniatur, versammelt einige Qualitäten, die für Anna Felders musikalische Prosa typisch sind: Ein feinsinniger, oft melancholisch grundierter Humor verbindet sich mit einem irritierenden Blick unter die Oberfläche der Dinge und menschlichen Beziehungen; durch die ungewöhnlichen Perspektiven öffnet sich unversehens Abgründiges, Existenzielles.

Der Anfang einer Geschichte sei wichtig, sagt Anna Felder im Gespräch, «dann geht es von selbst». Überhaupt habe sie den Eindruck, dass man immer dieselbe Erzählung schreibe. Und welches Buch schreibt sie immer und immer wieder? «Es sind die Geheimnisse hinter den Türen, hinter den Gartentoren von Nachbarn, hinter der Fassade einer neuen, unbekannten Stadt, die mich anziehen.» Der Alltag sei wichtig für sie, «es passieren in meinen Geschichten jedoch keine spektakulären Katastrophen, wenn schon, geht es um intime Feuersbrünste und Erdbeben, die sich hinter Vorhängen und Fensterläden verbergen».

Von Calvino gefördert

1937 geboren und in Lugano aufgewachsen, studierte die Tochter einer Tessinerin mit italienischen Wurzeln und eines Deutschschweizers nach der Matura Romanistik in Zürich und unterrichtete dann über 30 Jahre als Italienischlehrerin an der Alten Kantonsschule in Aarau. Und nun wird die stille Schafferin ausgezeichnet für ein vergleichsweise schmales, aber gewichtiges Werk, das seit dem auf Deutsch erschienenen Debütroman «Quasi Heimweh» (1970) kontinuierlich gewachsen ist und Romane wie «Umzug durch die Katzentür» (1975) oder «Die Adelaiden» (2010) sowie Erzählbände wie «No Grazie» (1999) umfasst. Auf Deutsch sind ihre Werke im Zürcher Limmat-Verlag erschienen.

Von Italo Calvino, der die junge Autorin einst förderte und zum Mailänder Verlag Einaudi brachte, hat sie den Sinn für «La misura» übernommen. Das «rechte Mass» bedeutet: auf das Wesentliche zielen, mit Humor und einer Perspektive, «die immer ein wenig daneben liegt, damit nicht das schon Offensichtliche zu Wort kommt».

Die literarische Bühne betrat Anna Felder, in deren Werk das sprachliche Grenzgängertum und das Pendeln zwischen den Kulturräumen ein Leitmotiv darstellen, sinnigerweise auf Deutsch. «Quasi Heimweh» erschien zuerst 1970 in einer Übersetzung ihres Ehemanns, des Lyrikers Federico Hindermann; erst zwei Jahre später dann auch im Original unter dem Titel «Tra dove piove e non piove». Vor dem Hintergrund der Schwarzenbach-Initiative und der drohenden Ausweisung von Hunderttausenden italienischer Gastarbeiter griff Felder das Thema Arbeitsmigration und Überfremdungsangst auf. Als junge Italienischlehrerin gab sie Gastarbeiterkindern Unterricht in deren Muttersprache und erhielt einen Auftrag vom Kanton Aargau, als Sonderinspektorin über den Stand der Integration zu berichten.

Perspektive für die Zukunft

Obwohl sie mit ihren einfühlsamen Annäherungen an die Lebenswelt dieser Menschen durchaus in die politische Debatte eingriff, war das Werk nicht als Pamphlet angelegt. «Ich war damals vielmehr eine Art Komplizin», sagt Anna Felder, «die Ichperson im Buch hatte einiges von mir». Sie sei damals auch neu in Aarau gewesen und habe sich mit ihrem Hintergrund gut einfühlen können in die Situation der Gastarbeiter, besonders der Süditaliener mit ihrer anderen Mentalität. Im Rückblick liest sie ihr literarisches Debüt auch als ein «Dokument», das davon erzählt, wie die Italiener damals in der Schweiz aufgenommen wurden und teilweise auf Ablehnung stiessen.

Über die Ehrung für ihr literarisches Lebenswerk fast ein halbes Jahrhundert nach dem Debüt freut sie sich: «Ich war aber überhaupt nicht darauf gefasst, das war für mich eine Überraschung.» In einem solchen Moment der Genugtuung würden auch Zweifel an die Oberfläche kommen: «Ich habe mich gefragt, ob ich genug gemacht habe, um eine solche Auszeichnung zu verdienen.» Aber sie will den Preis annehmen als Perspektive für die Zukunft. Dies sage sie durchaus mit ironischem Unterton angesichts ihres Alters: «Aber ich denke immer, das schönste Buch wird das nächste sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 18:37 Uhr

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