«Die Kirche weiss es, tut aber nichts»

Doris Wagner wurde als Nonne in Rom vergewaltigt. Im Schweizer Dokumentarfilm «Female Pleasure» spricht sie über die Ausbeutung durch ein absolutes System.

«Ich hatte Franziskus geschrieben, dass ich vergewaltigt wurde. Trotzdem passiert nichts», sagt Doris Wagner. Foto: Sabina Bobst

«Ich hatte Franziskus geschrieben, dass ich vergewaltigt wurde. Trotzdem passiert nichts», sagt Doris Wagner. Foto: Sabina Bobst

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Sie haben in Rom in der geistlichen Gemeinschaft Das Werk gelebt und wurden vom Hausoberen wiederholt vergewaltigt. Auch Übergriffe von Mitschwestern haben sie erlebt. Geht es mehr um Triebabfuhr oder Macht?
Mehr um Macht als um Lust. Möglich, dass es auch etwas mit der tabuisierten Sexualität zu tun hat, von der Ordensleute überfordert sind. Dann gäbe es aber andere Wege, sie auszuleben. Was mein Täter gewollt und gemacht hat, ist Dominanz, Erniedrigung. Er schimpfte oft über Frauen, dass sie in Parlamenten mitbestimmen und studieren dürfen. Es brauche keine Theologinnen, sagte er. Sein Bedürfnis war, Frauen zu dominieren.

Sie sind eine der fünf Frauen im Dokumentarfilm «Female Pleasure», die von ihrer Religion ausgebeutet wurden. Im Film heisst es einmal, das Patriarchat sei die weltweite Religion. Ist es das Grundübel auch der katholischen Kirche?
Das Grundübel ist das autoritäre System. Es gibt in Klöstern auch Frauen, die andere unterdrücken und sexuell missbrauchen. Das Grundübel ist diese absolute Monarchie, die sich in den Ordensgemeinschaften fortsetzt, in den Bistümern bis runter zu den Pfarreien. Überall dominiert ein Chef, dessen Willkür man ausgeliefert ist. Es gibt keine Gewaltenteilung und keine Kontrolle und trotz Kirchenrecht keine unabhängige Justiz.

Ihr Peiniger wurde einfach versetzt. Sie haben erreicht, dass es zu einer päpstlichen Visitation des «Werks» kommt. Was hat sie gebracht?
Wir hatten einen guten Visitator, er hat mich sogar getroffen. Offiziell bin ich aber nie darüber informiert worden, was rausgekommen ist. Ich hörte, dass das Verfahren von hoher Stelle in Rom blockiert wurde.

Dieser Papst ist gleich wie alle anderen, nur pflegt er eine neue Inszenierung.

Sie hatten Papst Franziskus geschrieben. Hat er Ihnen geantwortet?
Vor einigen Wochen habe ich abermals geschrieben und gerade eine Antwort bekommen. Man habe meine «Erlebnisse» zur Kenntnis genommen, schreibt ein Prälat des Staatssekretariats in einem Standardbrief. «Seine Heiligkeit hat mich beauftragt, Ihnen für den Ausdruck Ihrer Mitsorge um das Wirken der Kirche zu danken. Er schliesst Sie und Ihre Anliegen in sein Gebet mit ein.» Das macht mich fassungslos, es zeigt, wie man im Vatikan gegen Mauern anläuft. Ich hatte Franziskus geschrieben, dass ich vergewaltigt wurde. Trotzdem passiert nichts.

Auch nicht unter dem Druck der Missbrauchsdebatte?
80 oder 90 Prozent der Kirchenmitglieder sind momentan sehr wütend, aber sie haben keine Stimme. In den USA bläst den Kirchenoberen ein viel schärferer Wind entgegen als bei uns. Der Druck muss von aussen kommen. Denn dieser Papst ist gleich wie alle anderen, nur pflegt er eine neue Inszenierung. Es nervt mich, wenn Leute sagen, er wolle Reformen, werde aber daran gehindert. Der Papst ist ein absoluter Monarch und könnte alles ändern, wenn er wollte.

Ihre Vorgesetzten im Werk kehrten die Schuld um: Frauen seien die Verführerinnen und provozierten die Übergriffe.
Das Schlimme war: Meine Oberin hat sich gar nicht dafür interessiert, was mir passiert war oder dass man den Täter zur Verantwortung ziehen müsste. Sie ist ausgerastet und hat mich beschimpft: Ich sei schuld. Man müsse nun schauen, dass niemand etwas davon erfahre.


Video – Papst bezeichnet Missbrauchsfälle als schweren Skandal

Quelle der Scham: Auf seiner Dublin-Reise im vergangenen August kritisierte der Papst das Verhalten der katholischen Kirche. (Reuters)


Sie sagen, Priester nützten ihre Rollen als Gründer, Beichtväter und geistliche Begleiter aus. Übergriffe deklarierten sie gar als Gnadenerweise.
Das ist oft der Fall, wo es ein Machtgefälle gibt. Es geht nicht nur um sexuelle Übergriffe. Meine Oberin sagte mir, ich dürfe keine Bücher mehr lesen. Eigentlich ist das ein Gewaltakt: Was mich ausmacht, wird mir weggenommen. Man wird regelrecht entkernt, ist nicht mehr Ich. Das zieht sich in der Kirche durch.

Neue geistliche Bewegungen wie Das Werk, Neokatechumenat oder Johannesgemeinschaft (Communauté de St-Jean) scheinen für Missbrauch besonders anfällig zu sein. Johannes Paul und Benedikt sahen in ihnen einen neuen Frühling der Kirche. Für Sie sind es «Sekten, die in ihrer ganzen Struktur missbräuchlich sind». Warum?
In den neuen geistlichen Bewegungen ist die Machtstruktur zugespitzter. Es fehlen Elemente, die vor Machtmissbrauch schützen, etwa das demokratische Generalkapitel der Orden. Das Beichtgeheimnis wird regelmässig verletzt. Die Oberin, der Oberer wird auf Lebzeiten ernannt, äussere Leitung und innere Führung sind in einer Hand. Charismatische Geistliche haben die Gemeinschaften gegründet, um Menschen auszubeuten: Marie-Dominique Philipp zum Beispiel die Johannesgemeinschaft, um sich mit seiner Spiritualität der geistlichen Liebe jungen Schwestern sexuell anzunähern. Rom weiss das, tut aber nichts.

Unter dem Titel #NunsToo beklagen Sie in einer Jesuitenzeitschrift, dass die Opfergruppe der Ordensfrauen bisher nicht beachtet wird. Wird sich das im Zuge der Missbrauchsdebatte ändern?
Bisher sind nur einzelne Ordensfrauen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gegangen, vor allem in Frankreich. In der Regel muss man gehen, bevor man auspacken kann. Aber viele können gar nicht gehen, sie sind viel zu kaputt dazu. Das Schlimme ist, dass das System davon profitiert, dass sie das nicht können. Ordensfrauen haben oft das Gefühl, niemand zu sein: Ihr Ich ist weg. Ihr Selbstwert besteht wie einst bei mir darin, alles mit sich machen zu lassen.

«Die Mitbrüder lasen Bücher, während ich ihre Unterhosen zusammenlegte.»

In Afrika gelten Schwestern in Zeiten von Aids als sichere Sexualpartnerinnen. Werden dort besonders viele Ordensfrauen missbraucht?
Der Vatikan behauptet das, um das Problem zu regionalisieren. Aber sexuelle Ausbeutung von Schwestern gibt es überall.

Gemäss einer Studie von US-Psychologen erleben 40 Prozent der Nonnen Missbrauch.
40 Prozent, wobei 10 Prozent vor dem Ordenseintritt in der Kindheit missbraucht wurden. 30 Prozent wurden als Ordensfrauen missbraucht, was die Autoren der Studie total überrascht hat. In 13 Prozent der Fälle waren es Täterinnen.

Bischofsresidenzen und Priesterseminare gleichen sich darin, dass dort Schwestern putzen, kochen und die Würdenträger bedienen. Ist diese Ausbeutung als Arbeitskraft der Unterbau des Missbrauchs?
Genau. Schwestern werden ohne Arbeitsvertrag und ohne vernünftige Bezahlung als Haushälterinnen benutzt. Ich hatte Abitur gemacht mit einer 1 vor dem Komma. Als ich ins Werk eintrat, musste ich putzen und kochen. Die Mitbrüder und Patres sassen in ihren Zimmern und lasen Bücher, während ich in der Wäscherei ihre Unterhosen zusammenlegte. Ordensfrauen haben ihr Leben Gott geweiht, um etwas zu bewirken. Sie sollten Entwicklungszusammenarbeit oder Biochemie studieren und ihre eigenen Projekte haben. Was für ein Bullshit, dass man Gott mit Putzen dienen muss! Das ist ein Ausbeutungssystem zum Wohl der Bischöfe und Priester. Es gehört abgeschafft. Jene, die heute eintreten, haben eher das Bewusstsein, dass man auch als Ordensfrau nicht alles mit sich machen lassen muss.

Darum gehören Sie zur Selbsthilfegruppe Avref?
Avref wurde Ende der 90er-Jahre von Eltern in Frankreich gegründet, die ihre Kinder an die Johannesgemeinschaft verloren hatten. Sie hat erreicht, dass die französischen Bischöfe vor geistlichem Missbrauch in diesen Gemeinschaften warnten. Wir arbeiten zusammen, und ich halte regelmässig Vorträge in den Diözesen. Da sagen dann immer wieder Ordensfrauen zu mir: Sie müssen unbedingt in unsere Gemeinschaft kommen und bei uns reden. Dennoch fragen mich diese nie offiziell an. Weil ich dort auf ein Pulverfass treffen würde. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.11.2018, 22:26 Uhr

Doris Wagner

Die 35-jährige Deutsche trat mit 19 als Schwester ins «Werk» in Rom ein – eine geistliche Gemeinschaft in der katholischen Kirche, die 2001 die päpstliche Anerkennung erfuhr. 2011 verliess sie es und schrieb das Buch «Nicht mehr ich» über ihren Missbrauch. Die Philosophin ist heute Mutter und arbeitet als Headhunterin. (mm)

«Female Pleasure»

Neben Doris Wagner porträtiert die Zürcher Regisseurin Barbara Miller vier andere Frauen: Vithika Yadav klärt in Indien über Sexualität auf, Leyla Hussein kämpft gegen Genitalverstümmelung, Rokudenashiko macht Vulva-Kunst in Japan, und die Jüdin Deborah Feldman verliess die Ultraorthodoxen. Ein Thesenfilm über die Weltreligionen als patriarchale Unterdrückungssysteme – an der Premiere in Locarno gab es viel Applaus. (blu)

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