Die Lebensbeichte des Starpädagogen

Jesper Juul ist Europas gefragtester Familientherapeut. Nun hat der schwer kranke Däne eine erschreckend ehrliche Autobiografie geschrieben.

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Nach der Arbeit kommt der Vater nach Hause und liest die Zeitung. Sein Sohn bittet ihn, aus einem Märchenbuch vorzulesen. Doch der Vater schaut den Kleinen nicht einmal an, sondern wendet sich an seine Ehefrau: «Nimm ihn weg, er stört mich!»

Auch im Rollstuhl setzt er seine Arbeit fort: Jesper Juul vor seiner Wohnung in Odder. Foto: Franz Bischof (Laif)

Die Szene ereignete sich in den frühen 1950er-Jahren, das Kind war Jesper Juul. Der Däne ist heute der bekannteste Familientherapeut Europas. «Erwachsene sind seltsame Wesen», schreibt der 70-Jährige nun in seiner Autobiografie: «Sie verlangen von dir, dass du fremde Menschen küsst, aber wenn du dich deinem eigenen Vater nähern willst, erlauben sie es nicht.» Es ist eine von vielen persönlichen Anekdoten, die Jesper Juul preisgibt. Eine weitere: Wie der kleine Jesper versuchte, das Elternhaus anzuzünden, aber scheiterte – und dann dasselbe mit dem Kindergarten probierte.

Jesper Juul stellt so seine Biografie und sein Werk in einen Zusammenhang – das ergibt eine äusserst interessante Lektüre. Denn viel war über sein Privatleben nicht bekannt, obwohl der liebenswürdige Däne für viele seiner Leser wie ein väterlicher Freund ist, den sie konsultieren, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Wie wichtig sind Grenzen? Soll man ein Kind bestrafen? Wie? Und was tun, wenn der Nachwuchs nicht ins Bett will oder kein Gemüse isst?

Juuls Erfolg beruht auf der Verunsicherung des liberalen Bildungsbürgertums, das nicht weiss, wie es sich zwischen dem autoritären und antiautoritären Stil einordnen soll. Hunderte Interviews hat er gegeben und 40 Bücher geschrieben. Die bekanntesten darunter sind «Dein kompetentes Kind» oder «Leitwolf sein».

«Bis man wirklich gut im Erziehen ist, muss man vier Kinder haben», sagt Juul. Er hat eines, einen Sohn.

Die Autobiografie fasst die wichtigsten juulschen Erkenntnisse – Authentizität, Verantwortung, Integrität und der von ihm geprägte Begriff der «Gleichwürdigkeit» – kompakt zusammen. Hinter den abstrakten Begriffen steckt eine klare Botschaft: innerhalb der Familie bedeutende Beziehungen aufzubauen. Wobei sich Erwachsene das Vertrauen von Kindern verdienen müssen, indem sie einen Dialog auf Augenhöhe suchen.

Ein Beispiel: Kinder interpretieren laut Juul auch, was nicht gesagt wird. Wenn die Mutter oder der Vater traurig ist, sagt das Kind: Ist etwas los mit dir? Eltern aber haben das Gefühl, sie müssten immer glücklich sein, und lügen das Kind an. Also sagt es sich: Wenn bei ­ihnen alles okay ist, dann muss wohl mit mir etwas nicht stimmen. Das Fall­beispiel ist klassischer Juul, genauso wie jenes vom Schulschwänzer – den man nicht daran erinnern soll, dass er ohne gute Ausbildung an der Supermarktkasse landen wird, sondern ihn stattdessen fragen, wieso er geschwänzt hat.

Aus zerrütteter Familie

Seine eigene Familie beschreibt Juul als einen ziemlich zerrütteten Haufen. Die Mutter war eine überfürsorgliche Hausfrau, die ihren Mann nicht liebte. Der Vater ein verschwiegener Dekorateur, der gern Künstler geworden wäre. Der Bruder mochte Jesper nicht, weil dieser sich der Familie entzog. «Bis man wirklich gut im Erziehen ist», so Juul, «muss man mindestens vier Kinder haben» – Juul selbst hat einen Sohn. Von diesem habe er «wie die meisten Väter damals» zuerst Gehorsam verlangt. Doch als der Sohn vier Jahre alt war, kletterte er eine Treppe so weit hinauf, bis er dem Vater in die Augen sah und sagte, er solle die Klappe halten. Auch Jesper Juuls Ehe­leben verlief nicht besonders harmonisch, er ist zweimal geschieden. «Als Familientherapeut kann man in der eigenen Familie nicht viel ausrichten», sagte er einmal.

Ein Widerspruch? Nicht bei Juul. Sein bewegtes Leben zeigt, dass Erfolg ­keinem Muster folgt. Weil er Schwierigkeiten mit Zahlen hatte, gelang ihm kein Gymnasiumabschluss. Stattdessen heuerte er nach der Realschule für zwei Jahre als Matrose an. Später jobbte er als Bauarbeiter und Barkeeper.

Er studierte dann Geschichte und Religion (in Dänemark ist für die Universität keine Matura nötig), wurde Lehrer und Sozialarbeiter, arbeitete im kriegsversehrten Kroatien und wurde schliesslich Familientherapeut. 2004 gründete er das Elternberatungsprojekt Familylab, von dem es inzwischen in vielen Ländern Ableger gibt. Mit der Wissenschaft liegt Juul nach wie vor im Clinch. «Ich habe Respekt vor ihr», schreibt er, «aber sie untersucht einzelne Phänomene und vernachlässigt das Ganze. Mein Wissen beruht auf Gesprächen und Erfahrung.»

«Seit der frühen Kindheit zieht sich dieses Gefühl durch mein Leben: dass Autoritäten über mich entscheiden wollen.»

Wieder so ein koketter Satz, für den ihn seine Fans lieben. Was viele von ihnen nicht wissen: Jesper Juul, bekannt für seine mitreissenden Liveauftritte («Sind Jugendliche unerreichbar, oder hat die Gesellschaft zu kurze Arme?»), ist schwer krank. Vor sechs Jahren brach er in Slowenien auf einer Bühne zusammen. Als er im Krankenhaus zu sich kam, war er von der Brust abwärts gelähmt. Eine Auto­immunkrankheit.

Dazu kamen Schmerzen und das Schlimmste für den Feldforscher: der Verlust seiner Stimme. An den Rollstuhl gebunden, verfasste der Pädagoge weiter Bücher und beantwortete schriftliche Interviewanfragen. Die Antworten tippte er mit einer Hand in den Computer. Wegen Schwäche und Konzentrationsschwierigkeiten benötigte er mitunter bis zu drei Tagen für sechs Fragen.

Seit 2016 lebt Jesper Juul allein in einer behindertengerechten Wohnung im dänischen Odder, wo er sich nicht wohlfühlt, weil er sein Haus in Istrien vermisst. Zwar hat er seine Stimme wieder. Aber die Erniedrigung, die er im Krankenhaus und in der Reha durch Ärzte erfahren musste, macht ihm zu schaffen: «Seit der frühen Kindheit zieht sich dieses Gefühl durch mein Leben: dass Autoritäten über mich entscheiden wollen.»

Die Arbeit erhält ihn am Leben

Juuls Lebensgeschichte endet mit einem weiteren Geständnis. In den letzten sechs Monaten sei er manchmal nahe am Suizid gewesen. Doch die Verbreitung seiner Bücher hielt ihn davon ab. «Ich habe einen Sohn, den ich liebe, zwei Enkelsöhne und Freunde, aber die Arbeit erhält mich am Leben.» Nimmt ausgerechnet Jesper Juul, der stets zu mehr Gelassenheit statt Disziplin mahnte, die Arbeit wichtiger als das ­Leben selbst? «Meine beiden Ex-Frauen», lautet der allerletzte Satz seiner Autobiografie, «würden dem sicherlich zustimmen.»

Jesper Juul: Das Kind in mir ist immer da. Mein Leben für die Gleichwürdigkeit. Beltz-Verlag, Weinheim 2018. 208 S., ca. 24 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2018, 18:30 Uhr

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