Die NZZ umwirbt deutsche Rechtspopulisten

Nach einem Artikel, der unter anderen von AfD-Anhängern und Rechtspopulisten gelobt wurde, bemüht sich die Zeitung um Schadensbegrenzung.

Die NZZ will von der rechtspopulistischen Welle im Nachbarland profitieren.

Die NZZ will von der rechtspopulistischen Welle im Nachbarland profitieren. Bild: Keystone

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Hans-Georg Maassen, geschasster Chef des deutschen Inlandsgeheimdienstes, hat seiner Lieblingszeitung ein Kompliment gemacht: «Für mich ist die NZZ so etwas wie ‹Westfernsehen›», twitterte er am Dienstag. Maassen betrachtet also die «Neue Zürcher Zeitung» als das, was das Fernsehen Westdeutschlands für DDR-Bürger war: eine Stimme der Wahrheit und Aufklärung in einem Land, in dem niemand den eigenen Medien trauen kann.

Das Lob vergab Maassen wegen eines online publizierten Artikels mit dem Titel «In deutschen Städten sieht die Mehrheitsgesellschaft ihrem Ende entgegen». Darin berichtet Michael Rasch, NZZ-Wirtschaftskorrespondent in Frankfurt, dass «die sogenannten Bio-Deutschen, also Deutsche ohne Migrationshintergrund» in Städten wie Frankfurt nicht mehr die absolute Mehrheit der Bevölkerung stellen. Das könne, wird der niederländische Forscher Maurice Crul zitiert, «zu kultureller Verunsicherung in der Mehrheitsgesellschaft führen». Die Twitter-Ankündigung seines Textes versah Rasch mit den Hashtags #urdeutsche und #biodeutsche.

Binnen kürzester Zeit ergoss sich ein Proteststurm über Maassen, Rasch und die NZZ. «Das Gerede von Biodeutschen» sei «AfD-Sprech», kritisierte etwa Min Li Marti, Zürcher SP-Nationalrätin mit Migrationshintergrund. Und der deutsche Grünen-Politiker Volker Beck fragte per Twitter: «Wir haben also nach Ihrer Ansicht, geschätzter Herr Maassen, in Deutschland Zensur & staatlich gelenkte Medien wie in der DDR?»

Gegen den «linken Mainstream»

Die NZZ bemühte sich um Schadensbegrenzung. Das Etikett «Westfernsehen» lehnte die Zeitung ab: «Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung», stellte die Redaktion klar. Die Worte «Biodeutsche» und «Ur-Deutsche» wurden aus dem Artikel gestrichen, er sei, hiess es, «versehentlich in unredigierter Fassung publiziert» worden. Michael Rasch bedauerte seine Wortwahl: «Die Begriffe sind unglücklich und wecken ungewollte Assoziationen.» Seinen Tweet mit den einschlägigen Hashtags löschte er allerdings nicht.

Ob ungewollt oder nicht, unter AfD-Anhängern und Rechtspopulisten wurden der Artikel und die Beschreibung der NZZ als «Westfernsehen» mit Lob überschüttet. Allein die konservative Zeitung «Welt» erhielt Hunderte Online-Kommentare, die Maassen zustimmten. Ohnehin ist dessen Vergleich keineswegs neu. Schon AfD-Grössen wie Alexander Gauland oder Beatrix von Storch haben die NZZ oder die «Weltwoche» als «Westfernsehen» gewürdigt.*

Die NZZ nimmt diese rechte deutsche Leserschaft billigend in Kauf. Sie will von der rechtspopulistischen Welle im Nachbarland profitieren und bewirbt eine politische Linie, die den «linken Mainstream» geisselt. «Im ‹Kampf gegen rechts› ist jeder bürgerliche Demokrat ein potenzieller Nazi», kommentierte etwa gestern ein Inlandredaktor in einem Beitrag, der in AfD-Kreisen eifrig geteilt wurde. Die Rechtspopulisten, die sich gerne als Opfer einer «Meinungsdiktatur» darstellen, sehen sich bestätigt.

Gujers Provokationen

Auch Hans-Georg Maassen wird von der NZZ seit Monaten wohlwollend begleitet. Er war als Leiter des Verfassungsschutzes Ende letzten Jahres untragbar geworden, nachdem er Sympathien für die AfD hatte erkennen lassen (inzwischen werden radikale Teile der AfD vom Verfassungsschutz beobachtet). Seine Absetzung sei «das Ergebnis einer Kampagne» gewesen, kommentierte damals die NZZ. Als Maassen, schon seit Jahrzehnten CDU-Mitglied, sich der Werteunion anschloss, dem konservativen Flügel von CDU und CSU, berichtete die NZZ in epischer Länge über seine erste Rede dort, «das Manifest eines besorgten Bürgers».

Sie meinen dasselbe, auch wenn sie es anders formulieren: NZZ-Chefredaktor Eric Gujer (l.) und der frühere Chef des deutschen Inlandsgeheimdienstes, Hans-Georg Maassen. Fotos: Keystone

Cheredaktor Eric Gujer selbst richtet sich in einem wöchentlichen Newsletter direkt an Leser in Deutschland – und hat es dabei auf Provokation angelegt. «Der hässliche Deutsche trägt keinen Stahlhelm mehr – er belehrt die Welt moralisch», ist der Titel der jüngsten Ausgabe; der Text zielt auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Gujer schrieb auch schon über «Berlin, das tiefrote Labor des Staatssozialismus» oder «Deutsche Asylpolitik – wenn die Ideologie über die Realität siegt».

Eric Gujer vermarktet seine Analysen als «Der andere Blick». Maassen spricht von «Westfernsehen». Sie meinen dasselbe.

* In einer früheren Version dieses Textes hiess es, die NZZ habe es «bisher vermieden», sich vom Begriff «Westfernsehen» zu distanzieren. Tatsächlich hat die NZZ diese Zuschreibung in Social-Media-Kommentaren auch in früheren Fällen abgelehnt.

Erstellt: 10.07.2019, 18:41 Uhr

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