Die Schweiz, ein Land der geistig Armen?

Nur 17 der 500 wichtigsten Intellektuellen des deutschsprachigen Raums sind Schweizer, sagt die Zeitschrift «Cicero». Was davon zu halten ist.

So sieht ein Intellektueller aus (gemäss «Cicero»): Schriftsteller Christian Kracht. Foto: Georgios Kefalas

So sieht ein Intellektueller aus (gemäss «Cicero»): Schriftsteller Christian Kracht. Foto: Georgios Kefalas

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Dies wird eine peinliche Analyse. Weil sie etwas so Peinliches wie eine Intellektuellenliste analysiert. Und es wird eine provinzielle Analyse. Weil sie nach dem Schweizer Anteil unter den Geistesgrössen fragt. Nun, hoch ist er nicht. Unter 500 Namen, die die deutsche Monatszeitschrift «Cicero» aus vier Quellen destilliert hat (Erwähnung in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, in wissenschaftlicher Literatur und im Munzinger-Archiv), tauchen gerade einmal 17 Schweizer Namen auf. Und die auch nicht gerade auf den Podestplätzen.

Als erster Eidgenosse taucht auf Platz 41 der Schriftsteller Christian Kracht auf, es folgen die Kollegen Adolf Muschg (72), Martin Suter (103), Sibylle Berg (140), dann Peter von Matt (146), Jean Ziegler (157), Roger Köppel (168), Martin Meyer (177), Lukas Bärfuss (231) und Peter Stamm (262), der Rest auf den ganz hinteren Rängen.

17 von 500, das sind nicht mal vier Prozent. Auch wenn der «Blick» von der «Intelligenz-Insel Zürich» jubelt: Die Statistik müsste die Schweiz, ein Land, das mangels Bodenschätzen ganz auf Geld und Geist setzen muss, trübsinnig stimmen.

Wenn sie diese Liste ernst nähme. Das aber darf man nicht. Sie ist nicht das Ergebnis von kluger Sichtung und Wägung, sondern das, was die genannten Datenbanken ausgespuckt haben. Zahlen lügen nicht, aber sie täuschen Exaktheit auf schwankendem Grund vor. Die verräterische Einleitungsfrage «Was ist heute ein Public Intellectual?» bringt es an den Tag. Denn Kracht, der in Interviews um so wirrer redet, je politischer gefragt wird, ist sicher keiner. Martin Suter würde diesen Titel nicht beanspruchen. Auf Platz drei des Rankings steht übrigens Peter Handke, eigentlich der Inbegriff eines Verweigerers aller einschlägigen Reflexe. Kurz: Diese sogenannte Intellektuellenliste ist ein Blödsinn, und diese Analyse ist es deshalb auch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2016, 21:03 Uhr

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