Ein Komiker auf der Flucht

Bassem Youssef spottete in seiner sehr populären Fernsehshow über die ägyptischen Machthaber. Inzwischen ist er in die USA geflohen – funktioniert sein Erfolgsrezept auch dort?

«Es ist in beiden Ländern dieselbe Dummheit»: Bassem Youssef. Foto: Urs Jaudas

«Es ist in beiden Ländern dieselbe Dummheit»: Bassem Youssef. Foto: Urs Jaudas

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Der Satiriker Bassem Youssef aus Ägypten wurde bedroht, verhaftet, schikaniert, verjagt. Wahrscheinlich ist er ein durchaus ernsthafter Mensch. Aber weshalb so einsilbig, Mr. Youssef? Er habe etwas mit seinem Rücken gehabt, heisst es später im Kosmos in Zürich, wo er jüngst im Rahmen des Human Rights Film Festival auftrat. Jedenfalls schlingt Youssef, der eben aus Los Angeles angekommen ist und anderntags nach Los Angeles zurückfliegt, die «vegan option» beim Treffen nur so runter. Zwischen den Bissen spuckt er seine Antworten aus. Sie lauten: Ja, ja; nein, nein. Und was darüber geht, das ist höchstens ein schwer genervtes «Warum?».

Das wird nichts mehr, so viel bedeuten uns auch die Blicke vom Nebentisch. Dabei ist das doch Bassem Youssef! Der Herzchirurg aus der Mittelschicht, der ins Komikerfach wechselte und den Arabischen Frühling mit einer Satireshow beheizte, die zum Quotenrenner wurde. Der gegen die Muslimbrüder stachelte, Ex-Präsident Mursi veräppelte, nicht einmal vor Spott gegen den damaligen General Sisi zurückscheute, bis bezahlte Schläger den Eingang zum Studio in Kairo blockierten. Der bekannt wurde als «arabischer Jon Stewart», nach dem Moderator der amerikanischen «Daily Show», die während langen Obama-Jahren wie ein naher Freund die Aktualität aufs Korn nahm. 2012 war Youssef dort als Gast geladen und begrüsste sein Idol Stewart wie ein aufgeregtes Groupie. Sie bleiben einander bis heute freundschaftlich verbunden. Jon Stewart hat sich deswegen auch schon als der Bassem Youssef von Amerika bezeichnet.

Mit sich selbst konfrontiert

Nicht von ungefähr. Beide betrieben politische Satire als journalistisches Entertainment. Während sich Stewarts «Daily Show»-Team durch unzählige Stunden Fox News quälte, liessen Youssefs Mitarbeiter salafistische Propagandasendungen über sich ergehen. Für viele junge Ägypter wurde Youssefs wöchentliche Show, die er der Einfachheit halber «The Show» nannte, zur unverzichtbaren Informationsquelle in einem Land, das wie die USA hoch ideologisiert und tief gespalten ist. Stewart und Youssef verbindet auch der Trick, die Rhetorik der Mächtigen durch die Montage zu entlarven. Sie konfrontierten sie mit dem, wovor niemand lange standhält: sich selbst. Die Muslimbrüder zum Beispiel, die ihren strengen Koran predigen und im nächsten Moment Kondome in die Fernsehkamera halten, die sie angeblich in den verlassenen Zelten von Demonstranten gefunden hatten, ganz offensichtlich aber selber dort hingelegt hatten: Wo haben sie die eigentlich her?

In Ägypten war Youssef der einzige Komiker, der sich gegen das Regime auflehnte. In den USA ist er einer von vielen.

Natürlich gibt es den gewaltigen Unterschied, dass Jon Stewart irgendwann aus eigenen Stücken aufhörte, während Bassem Youssef nie wusste, ob er seine Sendung überhaupt weiterführen konnte. Der politische Druck stieg, die Fernsehkanäle gaben nach. Aus Sicherheitsbedenken stellte Youssef «The Show» 2014 ein. Kurz darauf endete eine Verhandlung vor einem Schiedsgericht über Vertragsverletzungen zwischen Youssef und einem Fernsehkanal mit einer hohen Busse für den Satiriker. Ein klarer Fall von Justizmissbrauch durch das Regime, wie Youssef in seiner jüngst erschienenen Autobiografie «Revolution for Dummies» schreibt. Er floh nach Dubai, später liess er sich mit seiner Familie in Kalifornien nieder.

Bassem Youssef in der Daily Show. Video: Youtube/Comedy Central

Es gibt nun auch einen Dokumen­tarfilm über ihn. «Tickling Giants» von Sarak Taksler wurde am Human Rights Film Festival gezeigt und läuft derzeit bei Netflix. Man erfährt darin, wie das anmuten muss, wenn man Komik unter Repression betreibt: wie eine Trans­gression, die es gar nicht geben dürfte. Und was das für ein aufgekratzter Spass war! Das Team von «The Show» besteht aus jungen Nerds und auffallend vielen Frauen. Wieso so viele Frauen, Mr. Youssef? «Wieso? Weil sie ihren Job hervor­ragend machten.» Der Film vermittelt den Eindruck einer medienversierten Generation Ägyptens, die schon viel weiter wäre, würde sie nicht zurückgehalten von einer autoritären Politik.

Wirklichkeit und Fernsehen fliessen zusammen

Man versteht auch: Bassem Youssef hat die revolutionäre Realität auf dem Tahrir-Platz stark beeindruckt – ein Aufbegehren der gewöhnlichen Bürger, von denen das Fernsehen nie etwas zeigte. Umgekehrt wurde seine Satireshow zu jener Fernsehstunde, die man verfolgt haben musste, um die neue politische Herrschaft zu begreifen. Und jetzt, da es der amerikaverrückte Youssef in Los ­Angeles als Komiker versucht, fliessen Wirklichkeit und Fernsehen zusammen: zum knallharten Business.

Die US-Fernsehindustrie sei von enormer Konkurrenz geprägt, sagt Bassem Youssef. «Sie wollen einfach etwas, das sich verkauft.» Derzeit schreibt er mit einem Kollegen an einer Pilotfolge für eine Sitcom. Es soll um eine Einwandererfamilie aus dem Nahen Osten gehen, die wegen ihrer illegalen Superkräfte im Verborgenen lebt.

Er will sich für die arabischen Minderheiten in Amerika starkmachen, sie ins Bild rücken. Das sei jetzt sein Kampf.

Aktuell? Sicher. Wenn er sehe, wie Donald Trump Barack Obama als den Erfinder des IS hinstelle und die Leute ihm auch noch glauben, unterscheide sich das nicht mehr von dem, was er in Ägypten beobachtet habe. Von der Satire sei er nicht abgefallen; er sieht einfach ihre Grenze: «Die Leute müssen schon selbst etwas tun, um Veränderung zu bewirken.» In den USA hat er mittlerweile auch professionell zu spotten begonnen. In der Webserie «The Democracy Handbook» entlarvt er die Islamophobie von Provinzlern. Der Besitzer eines Waffenladens schwärmt ihm etwa von seinem Verkaufsverbot vor, das sich ausschliesslich gegen Muslime richtet, und merkt die ganze Zeit nicht, dass er gerade einen vor sich hat.

Hass und Heuchelei

Oft ist das ganz lustig, aber man bemerkt bald, dass Youssef da in ein amerikanisches Format hineinkopiert wurde, in das er nicht so recht reinpasst. War er in Ägypten der einzige Komiker, der sich getraute, sich gegen das Regime aufzulehnen, muss er sich in den USA jetzt als einer von Tausenden im freien Markt der Comedy durchschlagen. Vielleicht führt das ja zu Rückenproblemen.

Der Film über Bassem Youssef dokumentiert, wie er im Fernsehstudio in Kairo die «Daily Show» bis in die Kameraeinstellungen imitiert. In seiner Biografie beschreibt er ein Treffen mit Jon Stewart und die Erkenntnis, dass nicht die Satiriker voneinander abgeschaut haben, sondern die Mächtigen in ihrem Hass und ihrer Heuchelei ununterscheidbar geworden sind: «Es ist dieselbe Dummheit in beiden Ländern, die ähnliche Formen von Satire hervorgerufen hat.» Man sehe es auch daran, wie dünnhäutig all die Herrscher geworden seien. «Ihre Autorität beruht darauf, dass sich die Leute vor ihnen fürchten», sagt er im Gespräch. Es ist wahrscheinlich sein längster Satz bislang.

Er wolle sich nun für die arabischen Minderheiten in Amerika starkmachen, sie ins Bild rücken, das sei jetzt sein Kampf. Für diesen Job ist er nun wirklich der beste Mann, weil er alles von zwei Seiten her anschauen kann. «Ich meine, die Amerikaner geben dieses ganze Geld für ihre Wahlkämpfe aus, und am Ende landen sie bei Donald Trump. Bei uns gibts solche Arschlöcher umsonst.»

Nach dem Essen lehnt sich Youssef zurück. Beim Kaffee taut er auf. Für die Fotos mit den Fans vor dem Kino zeigt er wieder sein bubenhaftes Grinsen.

«Tickling Giants» läuft bei Netflix. Bassem Youssef: Revolution for Dummies. Laughing Through the Arab Spring. Harper Collins 2017, 288 S., ca. 17 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2017, 20:53 Uhr

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