Es gibt kein Leben ohne das Töten

Die Forderung nach einem kompletten Fleischverzicht betrifft nicht nur unsere Ernährung, sie bedroht auch wertvolle Traditionen.

Befinden sich Vegetarier auf einer höheren Stufe der moralischen Evolution? Foto: Keystone

Befinden sich Vegetarier auf einer höheren Stufe der moralischen Evolution? Foto: Keystone

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Es ist über die wohlgenährten Gesellschaften des Westens ein hysterischer Krampf gekommen – ein kollektiver Ekel, von dem viele glauben, er könne nur durch ethisch korrekte Ernährung abgestellt werden. Als ethisch korrekt wiederum gilt einzig der Fleischverzicht: Wer keine Tiere mehr isst, erreicht eine neue Stufe der moralischen Evolution. Dieser Schluss ist so simpel, dass er nur falsch sein kann.

Der vegane Sojahunger, der neben dem Fleischhunger der Massen auch zur Zerstörung der Regenwälder beiträgt, bescherte dem nicht veganen Teil der Gesellschaft – auf absehbare Zeit also der grossen Mehrheit – ein reiches Angebot an bestem Bio-Schweinefleisch. Das funktioniert heute schon. In den Getreidesteppen der landwirtschaftlichen Tiermast wächst frei und wild, ohne Hormone und Antibiotika das Fleisch von morgen heran, grosse paarhufige Pflanzen- und Allesfresser. Man muss sie nur jagen.

Das Fleisch von morgen muss nicht von Food-Konzernen erfunden werden. Die Fleischproduktion der Zukunft hat mit Science-Fiction nicht das Geringste zu tun. Sie findet weder in industriellen Mastfabriken statt noch in industriellen Labors. Das Fleisch von morgen ist das Fleisch von gestern, so wie auch der Mensch von morgen der Mensch von gestern sein wird, oder er wird gar nicht mehr sein. Überall kann man solchen Menschen von gestern begegnen, die die Zukunft fest im Blick haben.

Es geht hier nicht darum, dem medial immer wieder mit Lust und Ekel heraufbeschworenen Horror der Massentierhaltung und der industriellen Fleischproduktion falsche Idyllen entgegenzuhalten. Bauern, die schonend und mit lokaler Verwurzelung wirtschaften, sind keine Insassen von Freilichtmuseen. Idyllisch sind ihr Leben und ihre Arbeit ganz und gar nicht. Das kann nur jemand glauben, dessen Erfahrungen mit der Nutzung von Tieren sich auf den Preisvergleich an der Kühltheke im Supermarkt beschränken.

Monotone Landschaften

Wenn solche Erfahrungsarmut dann auf Ekelbilder aus Schlachthöfen oder Geflügelställen trifft, ist das Entsetzen gross. Die Ideologie des angeblich ethisch korrekten Fleischverzichts bietet sich als rettendes Ufer. Wer dorthin schwimmen will, sollte sich darüber klar werden, was er zurücklässt und verliert. Um den gedankenlosen «Fleischgenuss» ist es dabei am allerwenigsten schade.

Aber der Abschied vom Fleisch und von der Tiernutzung bedeutet ja nicht nur den Abschied von solchen Exzessen. Er käme, würde er tatsächlich von der gesamten Gesellschaft vollzogen, einem kulturellen Kahlschlag gleich. Die Kenntnisse der Tierzucht, der Umgang mit Nutztieren, die Vielfalt der Tierrassen; dieses ganze kulturelle Erbe ginge verloren. Unsere Landschaft würde ohne Weidewirtschaft monotoner, ärmer an Schönheit und an Artenvielfalt.

Unsere Sprache, deren Reichtum sich nicht zuletzt dem wissenden Umgang mit Tieren verdankt, würde veröden. Es sagt ja heute schon niemand mehr, es sei wie einem Ochsen ins Horn gepetzt, wenn gemeint ist, etwas sei wirkungslos oder «nicht zielführend». Irgendwann geht dann nicht einmal mehr «der Gaul durch». Und kann sich jemand vorstellen, was aus der europäischen Kultur werden soll ohne die Vielfalt tierischer Produkte, die sie hervorgebracht hat? Frankreich ohne seine Käsesorten? Österreich ohne Tafelspitz? Was muss passieren, dass jemand begeistert einer solchen Zukunft entgegenstürmt? Hat er noch nie gut gegessen?

Das Einfache zum Schluss: Wer Käse und Tafelspitz haben will, muss töten. Wer für all das pflanzlichen Ersatz haben will, muss aber auch töten. Eine extensive Viehweide ist Lebensraum für viele Arten, eine Sojaplantage aber ein Schlachtfeld für Nager, Vögel, Reptilien und Insekten. Kein Lebewesen kommt darum herum, für das eigene Überleben andere Lebewesen zu töten. Es gäbe kein Leben ohne das Töten. Darüber in Verzweiflung zu geraten, ist der Lebensblödigkeit des modernen Menschen geschuldet.

* Eckhard Fuhr ist Gesellschaftskorrespondent von «Die Welt» in Berlin.

Erstellt: 08.07.2015, 20:50 Uhr

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