«Es handelt sich nicht um Rassisten»

Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht nennt die Wahl Trumps eine Herausforderung. Man müsse nun herausfinden, was dem «White Trash» wichtig ist.

«Auch wenn an der Wahl nichts Gutes ist, kann daraus Produktives entstehen», meint Hans Ulrich Gumbrecht. Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

«Auch wenn an der Wahl nichts Gutes ist, kann daraus Produktives entstehen», meint Hans Ulrich Gumbrecht. Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

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Wie reagierten die Studierenden an der Stanford University, an der Sie lehren, auf die Wahl Trumps?
Die meisten Studentinnen und Studenten auf dem Campus von Stanford waren nach der Wahl Donald Trumps beleidigt: Wie kann man uns das nur antun, womit haben wir das denn verdient? Eine Folge war, dass die Zwangsjacke der Political Correctness noch enger zugeschnürt wurde. Es fanden dauernd Meetings auf dem Universitätsgelände statt, bei denen man sich wechselseitig versicherte, dass man sich vor rassistischen Übergriffen beschützen würde – ganz so, als sei der Campus, auf dem niemand zugibt, republikanisch zu wählen, auf einen Schlag vom Ku-Klux-Klan besetzt worden. Es war wie auf einer Festung, deren Tore abgeriegelt wurden.

Wie ging es nach diesem ersten kollektiven Schock weiter?
Seit zwei Wochen kommt langsam eine Reflexion in Gang. Die Studenten sagen sich: Die Wahl Trumps stellt für uns alle eine Herausforderung dar, auf die nicht einfach nur mit dem Slogan «To Resist Trump» geantwortet werden kann. Auch wenn wir nicht darüber zu diskutieren brauchen, dass dessen Wahl eine Katastrophe ist, müssen wir uns schon ein paar Fragen gefallen lassen.

Welche wären das?
Auch wenn wir, nicht zuletzt die Eliten des Landes, wesentlich zu dem guten, glücklichen Leben beigetragen haben, das wir führen – hohe Sicherheit, solide staatliche Institutionen, Bildungseinrichtungen, die schlechter sein könnten –, ist es offenbar doch so, dass es grosse Teile der Bevölkerung gibt, die unsere Vision des guten, glücklichen Lebens nicht teilen oder sich von dieser Art Wohlfahrtsstaat nicht angesprochen fühlen. Sie fühlen sich vielmehr von der Entwicklung und Geschichte abgehängt: «That’s no longer their world!» Wir können nun nicht sagen, dass es unverschämt ist, wenn die nicht das wollen, was wir wollen.

Die meisten sogenannten «White Trash»-Leute können aus praktischen Gründen gar keine Rassisten sein: Im Alltag und im Beruf haben sie es mit vielen «black trash people» zu tun!

Was sollen wir also tun?
Auch wenn an der Wahl nichts Gutes ist, so kann daraus dennoch Produktives entstehen. Es ist eine Herausforderung, auch und gerade für uns Intellektuelle, herauszufinden, was ein gutes Leben für den abschätzig bezeichneten «White Trash» bedeutet, der nicht notwendigerweise unglücklich oder verarmt ist, wie es häufig heisst. Für Leute also, die etwa die Krankenversicherung Obamacare, die ich als gelungen und wichtig erachte, aus Prinzip ablehnen, weil sie partout nicht wollen, dass der Staat, in welcher Weise auch immer, in ihr Privatleben eingreift. Dass er sich nicht einmischt, ist für sie ein höherer Wert als das Gesundheitswesen. Das müssen wir zur Kenntnis – und ernst nehmen.

Handelt es sich beim «White Trash» nicht um Rassisten, die man eben nicht ernst nehmen darf?
Ich glaube nicht, dass es sich bei diesen Leuten um Rassisten handelt oder dass sie etwas gegen Obama haben, weil er schwarz ist. Was sie aber nicht mochten, ist der «welfare-president» Obama. Die meisten sogenannten «White Trash»-Leute können aus praktischen Gründen gar keine Rassisten sein: Im Alltag und im Beruf haben sie es mit vielen «black trash people» zu tun! Ich halte den automatischen Rassismusvorwurf gegenüber diesen Leuten für problematisch. Wer sich nicht an alle Regeln der Political Correctness hält oder den Genderdiskurs nicht befolgt, ist noch lange kein Rassist.

Wer oder was verkörpert der neue Präsident für sie?
Sie halten Trump für authentisch: «He speaks his mind.» Er sagt das, was er denkt, und gibt nicht irgendetwas vor, was er nicht ist. Und das ist schrecklicherweise wahr! Trump ist ehrlich, erfolgreich und steht zu dem, was er tut – auch wenn es daneben ist.

Jemand, der geerdet ist und sagt, was Sache ist?
Die Tea-Party-Bewegung, mit der Trump institutionell gar nichts zu tun hat, hat seinen Erfolg am besten antizipiert. Auch bei diesen Leuten gibt es nämlich eine Art Grundsehnsucht nach Demokratie, verbunden mit einer nicht unproblematischen Sehnsucht nach Leadership. Es geht um den legitimen Wunsch nach einem Raum, zu dem man gehört und in dem man ernst genommen wird. Alle diese Wünsche und Sehnsüchte hat Trump geschickt bedient. Dabei war es wichtig, dass er gesagt hat: «We will make America great again» und nicht «I will make America great again».

Sie leben seit 28 Jahren in den USA, seit 16 Jahren sind Sie Amerikaner. Haben Sie je bereut, Amerikaner geworden zu sein?
Im Unterschied zu meiner Geburt war dies eine freiwillige Entscheidung. In Amerika hast du das Gefühl, dass du es mit den wirklichen Problemen zu tun hast. Es passiert das, was das 21. Jahrhundert prägen wird, dafür steht etwa das Silicon Valley, aber auch die grosse Armut, die es so in Europa nicht gibt. Wenn du in den USA den Job verlierst, stehst du auf der Strasse und fällst nicht in ein soziales Netz. Es spielt auch eine Ästhetik des dramatischen Lebens mit: Ich möchte einfach nicht ein grüner Studienrat in der Lüneburger Heide sein! Für mich ist die jetzige Situation eine Herausforderung, um die Probleme und Konflikte zu erkennen und eine Vision vom guten Leben zu imaginieren, die eben nicht die ist, die unsere Generation in Nordamerika und Europa produziert hat.

Was bedeutet die Wahl von Trump für die Innen- und Aussenpolitik?
Ich teile die Meinung von Condoleezza Rice, mit der ich gut befreundet bin, obwohl ich deren Partei nicht wähle. Die ehemalige Aussenministerin hat mir kürzlich gesagt, dass sie innenpolitisch keine grossen Bedenken hat. Aber aussenpolitisch mache sie sich grosse Sorgen, wenn sie sich vergegenwärtige, welche Kompetenzen der Oberbefehlshaber hat. Dies raube ihr den Schlaf. Rice, die fliessend Russisch spricht, hat viele und lange Gespräche mit Putin geführt. Ihr Albtraum ist der erste Besuch Trumps in Moskau. Wenn Putin ihm dann zeigt, was eine Harke ist – etwa indem er nur zehn Minuten Zeit für ihn hat. Wenn Putin den amerikanischen Präsidenten vorführt, wird er in Russland noch populärer. Trump könnte ihm, so meine Befürchtung, dann auch die Harke zeigen und einen Krieg in Osteuropa, das zunehmend unter russische Herrschaft gerät, anzetteln. Jemand ohne Selbstkontrolle ist für diese heikle Arbeit nicht geeignet, zumal er keine Ahnung von Aussenpolitik hat.

Trump ist also nicht gefährlich aus Taktik, sondern aus Unfähigkeit?
Im Unterschied zu Wladimir Putin kann ich bei Donald Trump weder eine Taktik noch eine Strategie erkennen. Dies hat ja auch das spontane Telefonat an einem Samstagmorgen mit Taiwan gezeigt. Auf die negativen Reaktionen antwortete er mit einem erneuten Anruf. Das ist seine Methode. Bei ihm geht es um ein Resonanzphänomen: Alles, was irgendeine Resonanz erzeugt, wird zusätzlich verstärkt.

Zieht er sich aus Europa zurück?
Donald Trump weiss, dass es teuer ist, Weltpolizei zu sein. Und wir Amerikaner wissen, dass ein grosser Teil der Steuern direkt ins Militär fliesst – was zu einer technologischen Überlegenheit führt, von der die europäischen Armeen nur träumen können. Wenn Donald Trump die USA regiert, wie er ein Unternehmen leitet, dann könnte sein Rückzug aus Europa durchaus ein Thema sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2016, 17:46 Uhr

Hans Ulrich Gumbrecht

Der deutsche Amerikaner

1948 wurde Hans Ulrich Gumbrecht in Würzburg geboren. Er studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie. Seit 28 Jahren lebt der Intellektuelle in den USA, 2000 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Gumbrecht lehrt Komparatistik an der Stanford University. Er verfasste zahlreiche Bücher und publiziert regelmässig in Zeitungen und Zeitschriften. (kal)

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