«Gellers Löffeltrick war simpel»

James Randi hing in einer Zwangsjacke über den Niagarafällen – er war einer der weltbesten Magier. Dann begann er, Hochstapler zu entlarven.

Der Magier und Rationalist James Randi hat unsere Uhr um 30 Minuten vorgestellt – wie auch immer.

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Sie sind nicht nur ein Meistermagier, einer, der für viele als Nachfolger von Houdini gilt. Sie sind auch ein berühmter Entlarver.
Stopp! Forscher, nicht Entlarver. Ich erforsche erst Tricks und Methoden, erkläre ihre Hintergründe – und wenn ich dabei einen Betrug entlarve, umso besser. Damit habe ich übrigens als Zehnjähriger in der Sonntagsschule angefangen und so meinen Rausschmiss bewirkt.

Fallen die Menschen heute einfacher auf Hokuspokus herein als früher?
Kommt auf die Weltgegend an. Die Amerikaner haben mit Trump ja gerade einen Scharlatan zu ihrem Präsidenten gemacht. Dass die Leute nicht unbedingt klüger werden, merkte ich auch bei meiner jüngsten Kanada-Tournee. Die Leute kamen in meine Show, amüsierten sich, dann gingen sie raus und erzählten sich von Magiern, die echte, wirklich magische Tricks kennen und dergleichen. Sehr enttäuschend, so was.

Sie sind der Don Quixote des Rationalismus.
Kann man so sehen. Aber ich erlebe ja immer noch überwältigende Reaktionen. Wenn es mir gelingt, mit etwas Humor die Aufmerksamkeit zu wecken, ist vieles möglich. Nach jeder Show kommen zuverlässig sieben, acht Menschen voller Dankbarkeit auf mich zu, häufig mit Tränen in den Augen.

Wieso?
Sie realisierten während meiner Darbietung, dass man sie zum Narren gehalten hatte. Dass sie für Hirngespinste sinnlos Geld ausgegeben hatten, dass man sie an der Nase herumgeführt hatte. Wenn ich merke, dass ich diese Leute zu eigenem, kritischem Denken animiert habe, ist das ein grosser Triumph für mich. Typischerweise sagen mir diese Leute sehr häufig diesen einen Satz: «Sie haben meinem Leben eine grosse Wende gegeben.»

Manchmal werden die Leute Ihretwegen aber auch wütend – gerade weil Sie ihre ­Illusionen zerstört haben. Das ist doch ­frustrierend.
Das gibts die ganze Zeit. Dass ich nicht alle Leute überzeugen kann, muss ich akzeptieren. Ich sehe die Verneiner ja schon im Publikum, wie sie ihre Köpfe schütteln – der physische Ausdruck ihrer vehementen Abwehrhaltung. Sie schützen die Lüge wider besseres Wissen. Manche Leute wollen belogen werden. Traurige Sache.

Gibt es nicht Leute, die mit Illusionen besser bedient sind, leichter leben?
Nein. Erstens verschwenden sie so unnötig Geld, reiten zweitens oft auch die Familie mit ihrem Nonsens ins Unglück und sind drittens ausgeschlossen vom Verständnis der Welt.

Angenommen, jemand verliert einen geliebten Menschen und findet danach Trost darin, über ein «Medium» irgendwie wieder Kontakt aufzunehmen – muss man das nicht ­akzeptieren?
Vorübergehend mag das tröstlich sein. Aber irgendwann sollte der Moment der Einsicht kommen – dass man hier sein Geld aus dem Fenster wirft und drauf und dran ist, sein Leben zu ruinieren.

Es geht Ihnen nicht um die Moral, sondern darum, solche Menschen zu schützen?
Richtig. Und um die enorme Befriedigung, solche wahnhaften Leute zum Umkehren zu bewegen.

Sind Sie mit dem Alter weniger streng mit Scharlatanen geworden?
Nein. Die Genugtuung, die einem der Kampf gegen den Nonsens verleiht, ist zu süss. Es gibt kein besseres Gefühl, als einen Scharlatan zu ­entlarven.

«Es gibt kein besseres Gefühl, als einen Scharlatan zu entlarven», sagt James Randi. Foto: Kevin Winter (Getty)

Der Esoterikmarkt ist ein Milliardengeschäft. Was sagt das über uns aus?
Die Religion ist auch ein Milliardengeschäft. Aber die schwindende Bedeutung von Religion hat gerade im Westen den Weg für die Esoterik bereitet. Doch es läuft auf dasselbe hinaus. Die Leute glauben an Übernatürliches, weil man es ihnen immer wieder gesagt hat, dass es existiert. Sie haben keine bessere Antwort. Und ich gebe ihnen eine bessere Antwort. Aber Sie reden hier mit einem Atheisten, für mich ist der Fall klar: Der Schaden, den Religion anrichtet, ist immens. Jeden töten, der nicht an ­Allah glaubt? Das muss man bekämpfen. Das muss man stoppen.

Das sind Extremisten. Gibt es kein ­menschliches Grundbedürfnis nach ­Spiritualität?
Das will ich den Leuten gar nicht absprechen. Doch was heisst Spiritualität konkret? Ich glaube nicht an übernatürliche Wesen, sondern an das Gute im Menschen, und versuche selber, ein guter Mensch zu sein. Mein Grossvater hat am Strand Glasscherben aufgesammelt. Als Kind verstand ich das nicht. Er sagte: Auch du könntest mal in eine Scherbe ­treten. Ich lese heute noch Scherben auf.

Hatten Sie nie einen paranormalen Moment erlebt?
Als ich klein war, behauptete mein Vater, er wisse genau, was ich in meiner geheimen Schublade aufbewahre. Ich dachte, er habe hellseherische Fähigkeiten. Dabei ist er bloss durch meine Sachen gegangen. Ich habe ihm inzwischen verziehen.

Wir kennen einen Atheisten, der in seinem Kopf ein Telefon läuten hört, wenn ­Familienmitglieder gestorben sind – obwohl er von deren Ableben noch gar nicht wissen kann.
Dafür gibt es sicher ein psychologisches Syndrom mit einem hübschen Namen.

Video: James Randi entlarvt Uri Geller. Quelle: Youtube

Er erklärt es sich mit Quantenphysik.
Sehr gut. Hauptsache, er denkt darüber nach. Auch wenn er wahrscheinlich auf dem falschen Dampfer ist.

Sind Frauen anfälliger für Esoterik als ­Männer?
Nicht unbedingt. Männer sprechen mit ihren Freunden weniger darüber, weil sie nicht darüber streiten wollen.

Sind Impfgegner Esoteriker?
Wie die Esoteriker mögen sie einfache Antworten. Die gebe ich ihnen gerne: Schaut, ich wäre nicht hier, wenn ich nicht geimpft wäre. Leute, impft euch!

In den 70er-Jahren verbog Uri Geller mit angeblich telepathischen Fähigkeiten Löffel. Sie haben ihn öffentlich ­widerlegt und blossgestellt. Was würden Sie ihm heute sagen?
Ich habe über die Jahre so viel zu Uri Geller gesagt und sogar ein Buch über ihn geschrieben – da gibt es nichts mehr zu sagen. Er ist ein ungeständiger Lügner. Aber sogar in seiner Heimat Israel glauben viele Leute nicht mehr an ihn. Das ist ein Erfolg. Sein Löffeltrick war aber auch sehr simpel. Eigentlich hat er einfach seine Löffel verbogen, wenn niemand hingeschaut hat. Unglaublich, dass er und seine Verbündeten so lange mit diesem Betrug Geld verdienten.

Seit Jahrzehnten lobt Ihre Stiftung einen Preis von einer Million Dollar für die erste ­überzeugende Demonstration einer ­«paranormalen Fähigkeit» aus. Gerieten Sie ob eines Kandidaten mal ins Grübeln?
Nie. Unseren Test kann man nicht manipulieren. Was tragisch ist: Die Leute, die da antraben, sind meistens keine Scharlatane, sondern glauben ernsthaft an ihre vermeintlich übernatürlichen ­Fähigkeiten. Wenn sie beim Test versagen, höre ich oft: «Seltsam, sonst klappt es doch immer . . .» Mir tun diese Leute ehrlich gesagt leid. Ich entschuldige mich nach dem Test sogar bei ihnen.

Sie nehmen den Menschen die Illusionen und sprechen Ihnen religiöse Gefühle ab. Was haben Sie im Gegenzug zu bieten? Rationalität ist doch kein Ersatz.
Aber die Realität ist ein Ersatz. Die Schönheit der Natur und der Evolution. Geht raus und guckt die Sterne oder eine Blume an.

Ist Schönheit immer so einfach erklärbar?
Nun, Sonnenuntergänge rühren mich übermässig. Jetzt im hohen Alter sind es allerdings eher die Sonnenaufgänge, die ich zu Gesicht bekomme. Doch die sind auch toll. Fast so schön wie die ­Augen eines Babys und die Frage, was einmal aus ihm wird.

Vielleicht ein Scharlatan?
(lacht) Kann sein. Aber wissen Sie: Jemandem den richtigen Weg zu zeigen, ihn zu unterrichten, ist eine der schönsten Aufgaben, die es gibt.

Sie sind fast 90. Was ist die wichtigste ­Lektion, die Sie das Leben gelehrt hat?
Ich habe vor, bis knapp hundert zu leben. Zu Ihrer Frage: Das Leben hat mich so viele Lektionen gelehrt! Die wichtigste? Habe niemals Angst, Fragen zu stellen. Und misstraue jedem, der keine Fragen zulässt.

«Misstraue jedem, der keine Fragen zulässt!»

Was ist das Geheimnis eines langen Lebens? Das Trainieren für Stunts oder das Verfolgen einer intellektuellen Mission?
Ganz wichtig: nicht sterben. Das ist die erste, zentrale Lektion, die man verinnerlichen sollte. Ernsthaft: Man muss als Magier professionell denken und planen. Ich habe mich immer mit kompetenten, vorsichtigen Mitarbeitern umgeben. Die ­wussten ganz genau, wann sie einschreiten mussten und wann nicht.

Sie haben viele brenzlige Stunts erlebt. Einst befreiten Sie sich über den Niagarafällen gefesselt aus einer Zwangsjacke.
Ja, ja. Aber auch lustige! Einmal sollte ich mich aus einer mit Wasser gefüllten Milchkanne befreien, deren Deckel mit Schlössern verriegelt war. Die Kanne stand währenddessen hinter einem Vorhang, damit das Publikum den Trick nicht durchschaut. Plötzlich hörte ich die Stimmen von David Copperfield und Luna Shimada, einem sehr berühmten japanischen Magier. Sie waren auf den ­geschlossenen Balkon des Theaters gestiegen und schauten mir nun von oben beim doch ziemlich simplen Trick zu. Copperfield sagte: «Tolle Kanne, kaufe ich mir.» Und Shimada sagte: «Stimmt. Kann ich auch gebrauchen.» Dann schlenderten sie davon. Bastarde!

Kannten die beiden den Trick bereits?
Sicher. Es gibt keine grossen Geheimnisse unter Top-Magiern. Manchmal gibt es Kniffe, da überrascht einen die Machart. Nach ein paar Minuten nachdenken hat man es dann herausgefunden. Man ist ja Profi und weiss wie ein Magier tickt und was seine Möglichkeiten sind. Und ich tausche mich auch gern mit anderen aus: Könnte man diesen Handgriff verbessern? Ist man auf der Bühne ideal positioniert? Es geht immer noch perfekter. Zeigen Sie mir Ihre Uhr.

(Der 88-jährige Randi stellt die Uhr unter den Augen der Journalisten ohne merkbar an ihr zu drehen um 30 Minuten vor.)

Der Mix aus jahrelanger Übung und Selbsttäuschung – immer wieder erstaunlich!

«An Honest Liar»: Der Trailer zum Film über das Leben des Magiers. Video: Left Turn Films

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2017, 18:19 Uhr

James Randi

Magier und Rationalist

James Randi (88) tourt mit seiner filmischen Biografie «An Honest Liar» durch die Welt. Der Kanadier will jene entlarven, die sich übernatürliche Fähigkeiten zuschreiben. Randi, der eigentlich Randall Zwinge heisst und einen IQ von 168 haben soll, weiss genau, wovon er spricht. In den späten 1940er-Jahren schickte sich der Schulabbrecher an, die Nachfolge des legendären Entfesslungskünstlers Houdini anzutreten. Er blieb länger in einem Metallsarg unter Wasser als Houdini, befreite sich aus einer Zwangsjacke, während er kopfüber über den Niagarafällen hing, verbog Löffel wie Uri Geller. In den 70ern sorgte er für einen Skandal, als er den Mentalisten Uri Geller der Scharlatanerie bezichtigte. Es folgten juristischer Zoff, die Gründung des «Komitees für die wissenschaftliche Untersuchung des angeblich Paranormalen» und verschiedene Bücher zum Thema. Randi versprach die Auszahlung einer Million US-Dollar
an jenen Magier, der unter wissenschaftlichen Bedin­gungen nachweisen kann, dass er tatsächlich über übernatürliche Fähigkeiten verfügt. Alle bisherigen Kandidaten blieben den Beweis schuldig. (TA)

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