«Ich fühlte mich auf dem Mond bald ziemlich daheim»

Wie ist es dort oben? Und was macht es mit einem? Ein Gespräch mit Charles Duke, der mit Apollo 16 auf dem Mond war und nun in die Schweiz kommt.

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Sie waren 1972 auf dem Mond, mit Apollo 16. Was ist das Seltsamste, das Sie dort oben erlebten?
Wahrscheinlich der Umstand, dass es sehr schwierig war, Distanzen abzuschätzen. Man schaut über diese sehr schöne, sehr raue Landschaft, und nirgends gibt es Anhaltspunkte wie Häuser, Bäume, Menschen oder Autos. Einmal verliessen wir unser Mondmobil, um ein Stück Fels zu untersuchen, und dachten, wir müssten etwa hundert Meter zu Fuss zurücklegen. In Wirklichkeit waren es dann aber vier- bis fünfhundert Meter. Und als wir bei dem Felsen ankamen, war er enorm, ungefähr dreissig Meter breit und fünfzehn Meter hoch.

Das muss verstörend gewesen sein.
Nein, ich fühlte mich bald ziemlich daheim. Wir erkannten die wichtigsten Orientierungspunkte und waren dann vertraut mit dem Gebiet, in dem wir gelandet waren.

Hatten Sie das nicht vorher trainiert, die räumliche Orientierung?
Nicht wirklich. Wir absolvierten bei der Nasa viel Geologietraining im Feld, unter anderem in vulkanischem Gebiet auf Hawaii. Aber man dachte nicht so sehr an dieses Problem. Andererseits wiesen uns Apollo-Besatzungen, die schon auf dem Mond gewesen waren, auf die Sache mit den Distanzen hin. So waren wir in gewisser Weise vorbereitet, aber dann doch sehr überrascht.¨

«Hier war ein Haufen Leute daran, blau anzulaufen»: Bei Apollo 11 war Charles Duke in Houston tätig, als Verbindungssprecher für Neil Armstrong (1969). Bild: Nasa

Sie hatten einen Unfall auf dem Mond. Er hätte tödlich ausgehen können.
Ja, es war ein Unfall, ich hatte es jedenfalls nicht geplant. 1972 waren die Olympischen Spiele in München, und wir dachten, wir könnten ein bisschen Spass haben und das olympische Jahr mit den Mondspielen starten, nämlich mit einem Hochsprungrekord. Ich wog dort mit der ganzen Ausrüstung nur 27 Kilo, und als ich absprang, hatte ich etwas Rücklage, es drehte mich beim Sprung nach hinten. Das war grauenhaft, denn wenn ich auf dem Rücken gelandet wäre, hätten die Lebenserhaltungssysteme in meinem Tornister beschädigt werden können. Zum Glück konnte ich reagieren und mich drehen, sodass ich auf der rechten Hand und dem rechten Bein landete.

«Mein Herz schlug wild. Aber dann hörte ich die Pumpen laufen, alle Systeme funktionierten.»

Das hat Ihnen Ihr Leben gerettet.
Mein Herz schlug wild, die Missions­leitung war sehr aufgeregt, und John Young, mein Kommandant, schimpfte einen Moment, bevor er mir aufhalf. Ich beruhigte mich dann aber rasch, ich hörte die Pumpen laufen, der Druck war normal, alle Systeme funktionierten. Wir lernten damit eine Lektion: Mach im All nichts, was du nicht vorher auf der Erde geübt hast. Hochsprung hatten wir nicht geübt.

«Es war, wie wenn man als kleiner Bub gleichzeitig Ferien, Geburtstag und Weihnachten erlebt.»

Ist Abenteuer das richtige Wort für eine Mondmission?
Sicher. Es ist schön und aufregend, dort zu sein. Der Landeplatz ist der abgelegenste Ort, den du jemals gesehen hast. Kein Mensch vor dir war schon dort. Es gab diese Gefühle des Staunens, der Schönheit, des Abenteuers, der Aufregung – alles miteinander. Wie wenn man als kleiner Bub gleichzeitig Ferien, Geburtstag und Weihnachten erlebt. So aufgeregt war ich.

«Ich dachte, so könnten wir gemeinsam dort sein»: Das Bild der Familie Duke auf dem Mond. Bild: Nasa

Sie wissen Dinge anschaulich zu ­machen, die nur ein Dutzend Menschen erfahren haben. Davon profitiert auch der Dokumentarfilm von Rob Lewis, in dem Sie die Hauptrolle haben. Dabei waren Sie ursprünglich Testpilot bei der Armee. Wo haben Sie das Erzählen gelernt?
Als Astronauten wurden wir darin nicht speziell geschult. Aber ich mag es, meine Erfahrungen zu teilen. Und es fällt mir leicht, Geschichten zu erzählen. Die Fähigkeit hat sich über die Jahre entwickelt. Wenn ich meine Erlebnisse erzähle, unterhält das die Leute. Und es motiviert sie.

Wozu?
Dazu, ihr Bestes in ihrem Leben zu machen, was immer das ist.

Der Clou des Films ist das Foto Ihrer Familie, das sie auf den Mond mitgenommen und dort hinterlassen haben. Wer wusste damals von Ihrem Plan?
Ich besprach die Idee zuerst mit meiner Familie. Sie lebte in Houston, mein Training war in Florida, ich war nur an den Wochenenden daheim. Meine Frau und meine zwei Buben waren begeistert, dass ich zum Mond fliegen durfte, und wir dachten, mit diesem Bild könnten wir gemeinsam dort sein. Meine Chefs waren einverstanden, das Bild wog ja nichts, es wurde fachgerecht in der Landefähre verstaut. Vor dem letzten der drei Mondspaziergänge steckte ich es in die Tasche des Raumanzugs. Dann legte ich es auf den Mondboden, und das war etwas vom Letzten, was ich dort tat. Auf die Rückseite des Fotos hatte ich notiert: Das ist die Familie von Astronaut Charlie Duke vom Planeten Erde, der auf dem Mond landete im April 1972. Wir hatten das alle unterschrieben.

Hätten Sie das Bild auch mitgenommen, wenn die Chefs Nein gesagt hätten?
Nein. Ich hielt mich immer an die Regeln. Im Militär und dann auch als Astronaut.

«Lunar Tribute»: Der Trailer zum Film von Rob Lewis.

Haben Sie das Bild auch mitgenommen, um dort oben nicht allein zu sein, falls irgendetwas schiefgegangen wäre?
Nein. Das war kein Grund. Es war eine Möglichkeit, meine Familie an dieser Mission teilhaben zu lassen. Ich fühlte mich nie allein auf dem Mond, ich hatte meinen Buddy, der war immer da. Und auch der Kontakt mit Houston war unmittelbar.

War das Bild ein Talisman?
Nein, nein, keinesfalls.

Was ist wichtiger für einen Mond­fahrer: das Vertrauen in die Technik oder jenes in den Kameraden?
Wir hatten in zwei Dinge Vertrauen. Das eine war die Technik, die Ausrüstung. Das Zweite waren unsere Fähigkeiten. Man kann ein grossartiges Raumschiff haben, mit grossartigen Systemen, aber wenn man nicht geübt ist, sie zu bedienen, kann man es vermasseln. Wir hatten zwei Jahre in Simulatoren trainiert und alle möglichen Notfälle durchgespielt. Natürlich wussten wir, dass es Situationen geben könnte, die wir nicht überlebt hätten. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintreten, war sehr, sehr klein.

Sie waren schon Ersatzleute bei Apollo 13: Duke (links) und Young üben auf dem Gelände des Kennedy Space Center (1970). Bild: Nasa

Dachten Sie niemals daran, dass Sie womöglich nicht vom Mond zurückkehren könnten?
Das zog ich nie in Betracht. Es war nicht nötig, sich deswegen Sorgen zu machen, und darum haben wir auch nicht daran gedacht.

Bei Apollo 11 waren Sie in Houston tätig, als Verbindungssprecher für Neil Armstrong. Nach seiner Landung auf dem Mond meldeten Sie ihm: «Hier war ein Haufen Leute daran, blau anzu­laufen. Wir atmen wieder.» Aus Angst, es hätte etwas schiefgehen können?
Nein, wegen der Anspannung. Das Mondlandemodul funktionierte gut. Es ging nur um die Frage, ob wir genug Treibstoff für die Landung hatten. Sie musste binnen einer Minute erfolgen, sonst hätte Armstrong durchstarten und wieder wegsteigen müssen. Ich meldete die Restzeit: erst sechzig Sekunden, dann dreissig. Die Landung mussten wir in dieser Zeit schaffen. Als wir das Minimum erreichten, war Armstrong nur noch fünf Meter über Boden. Ich bin überzeugt: Er hätte die Fähre gelandet, als er so nah dran war, auch wenn ich ihm den Durchstart befohlen hätte.

«Wirklich, ich hatte überhaupt keine Angst, wir würden nicht mehr vom Mond wegkommen.»

Und dann, als Sie drei Jahre später selber in der Mondlandefähre sassen und der Countdown für den Heimflug lief: Bekamen Sie da feuchte Hände? Das Triebwerk musste ja um jeden Preis funktionieren.
Nein. Hätte das Triebwerk nicht auf Anhieb gezündet, hätten wir Möglichkeiten gehabt, es auf andere Weise zu versuchen. Dieses Notfallprozedere hatten wir in diesem Moment präsent. Wirklich, ich hatte überhaupt keine Angst, wir würden nicht mehr vom Mond wegkommen.

Haben Sie mit Ihrer Frau über die Risiken gesprochen?
Nicht wirklich. Aber natürlich wusste sie, welches die kritischen Phasen waren. Zugleich wusste sie, wie klein die Wahrscheinlichkeit war, dass etwas Schlimmes passiert. Und sie hatte grosses Vertrauen in die Nasa. Schliesslich waren bisher alle anderen Astronauten sicher zurückgekehrt. Sogar jene von Apollo 13.

Drei Auserwählte: Die Mannschaft von Apollo 16 mit Thomas Mattingly (Pilot der Kommandokapsel), John Young (Kommandant), Charles Duke (Pilot der Mondfähre, links, 1972). Bild: Nasa

Sie haben die Mondlandefähre dreimal verlassen und waren total an die zwanzig Stunden draussen. Kann einem der Mond langweilig werden?
Er war in jedem Moment faszinierend. Ich verlor nie meine Begeisterung, ihn zu erforschen. Ich hörte nie auf, über seine Schönheit zu staunen. Der Kontrast zwischen der Schwärze des Alls und dem Grau des Monds war wirklich atemberaubend. Jede Minute auf seiner Oberfläche war eine wundervolle, grossartige, gewaltige Erfahrung. Dieses Gefühl hat nie aufgehört.

Wenn man dort war: Was macht das mit einem? Geht man danach verändert durchs Leben?
Ich nicht, nein. Mein Flug war ein Abenteuer, kein spirituelles Erlebnis. Ich hatte auch nicht das Gefühl, Gott nahe zu sein, so wie andere Astronauten. Mein Glaube kam sechs Jahre später, 1978, als ich eine unglaubliche Begegnung mit Jesus hatte. Das war die grosse Veränderung in meinem Leben.

Gab es eine Erfahrung, die Sie als Mondfahrer lieber nicht gemacht hätten?
Ja, jenen Hochsprung. Das hatte nicht viel Sinn, und es hätte ein Desaster werden können.

Was tut ein Astronaut bei der Nasa, wenn er den Mond hinter sich hat?
Nach Apollo 16 ging ich zurück ins Training für die Ersatzmannschaft von Apollo 17. Doch Ende 1972 lief das Apollo-Programm aus. Dann folgten die Missionen für die Raumstation Skylab. Und schliesslich trainierte ich noch drei Jahre für Space-Shuttle-Missionen, aber das war nicht so dynamisch wie das Apollo-Programm. So entschied ich mich, etwas anderes zu machen, wie das viele andere Astro­nauten auch taten.

Nämlich?
Ich wurde Geschäftsmann, später Investor und war im Verwaltungsrat mehrerer Firmen. Schliesslich hielt ich Motivationsvorträge überall auf der Welt. Daneben war ich auch noch weitere Jahre Reserveoffizier in der Air Force.

Und das Bild auf dem Mond – ist es noch dort?
Es ist sicher noch dort. Aber wahrscheinlich sieht man nichts mehr darauf. Es war normales Fotopapier, es war auf dem Mond die ganze Zeit kosmischer Strahlung ausgesetzt, 47 Jahre bisher, und auch den extremen Temperaturen. Die Plastikhülle, in der es steckte, hat das wahrscheinlich nicht ausgehalten.

Erstellt: 19.06.2019, 19:59 Uhr

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«Lunar Tribute»: Der Auftritt von Charles Duke

Er war der zehnte Mensch auf dem Mond. Und bisher der jüngste. Zudem stellte er dort eines der famosen Sonnenwind­segel der Uni Bern auf. Es waren allerdings nicht die Annalen der Raumfahrt, die den Berner Fotografen und Filmer Rob Lewis auf Charles Duke brachten. Vielmehr ein Bild und seine Geschichte – jenes Familienfoto, das der Raumfahrer am 24. April 1972 im aschgrauen Mondstaub zurückliess.

Aus Dukes Erinnerungen ans All und seinem Erzähltalent ent­wickelt «Lunar Tribute» seinen Sog: Lewis’ Dokumentarfilm macht auf einfache, aber berührende ­Weise die elementaren Erfahrungen anschaulich, die ein Mensch auf einer Mondreise macht. Dazu kommt die Kunst des Schlag­zeugers Jojo Mayer; zusammen mit dem Soundingenieur Roli Mosimann gibt er einem die Wucht eines Raketenstarts fast schon bildlich zu hören, ebenso den Puls des Astronauten, aber auch die Stille des Weltraums. Und schliesslich haben nun auch Dukes Frau und seine zwei Söhne ihren Auftritt im Film, den Lewis gegenüber der ersten Fassung von 2017 zum Einstünder ausgebaut hat. (ddf)

Der Film in Bern: 23. Juni (Premiere, danach Podium mit Duke und seiner Frau) und 24. Juni (danach Konzert von Mayer und Mosimann). Jeweils 19 Uhr, Dampfzentrale. Mehr zum Film: www.lunartribute.com. Duke am Festival Starmus in Zürich: 25. Juni, 14 Uhr, www.starmus.com.

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