«In Israel gelte ich als Verräterin»

Die Israeli Lizzie Doron ist Dürrenmatt-Gastprofessorin in Bern. In ihrer Heimat wird sie wegen ihrer versöhnenden Haltung im Palästina-Konflikt verachtet.

«Ich kann zwar in Israel ein- und ausreisen, aber eigentlich bin ich eine Autorin im Exil»: Lizzie Doron in Bern.

«Ich kann zwar in Israel ein- und ausreisen, aber eigentlich bin ich eine Autorin im Exil»: Lizzie Doron in Bern. Bild: Adrian Moser

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«Es gibt Süssigkeiten!» Lizzie Doron hat Geschenke von ihrem Kurzaufenthalt in der Heimat mitgebracht. Sie hält in einem Seminarraum eine grosse Schachtel in die Höhe. In Israel musste die Schriftstellerin ihr Touristenvisum für die Schweiz für weitere drei Monate verlängern. Auf der Fahrt zum Flughafen Ben Gurion kam sie mit dem Taxifahrer ins Gespräch. Er hatte sie erkannt und ziemlich direkt gefragt, warum ausgerechnet sie als Tochter von Holocaust-Überlebenden so oft nach Berlin fahre.

In der deutschen Hauptstadt hat Lizzie Doron seit einigen Jahren einen Zweitwohnsitz. Berlin nennt sie, die Deutsch gut versteht, aber lieber auf Englisch antwortet, ihre «second Heimat». Sie sei zwar Israeli und habe einen israelischen Pass: «Gerade in diesen Tagen aber spüre ich, dass ich auch zu Europa gehöre.» Das liege wohl in ihren Genen, es sei ein Erbe ihrer Eltern: «Ich habe eine gebrochene Identität.»

Der Taxifahrer jedoch – ein «säkularer Jude», wie Doron betont – sei dezidiert der Meinung gewesen, alle Juden gehörten nach Israel, es sei die jüdische Bestimmung, im versprochenen Land zu leben und die Araber eines Tages definitiv zu besiegen. Lizzie Doron war sprachlos: «Das ist eine Haltung, der man mit rationalen Argumenten nicht beikommt.»

Die Fahrt endete damit, dass der Taxifahrer ihr mangelnden Glauben vorwarf und sie als das bezeichnete, was Lizzie Doron seit rund zehn Jahren oft, auch von ehemaligen Freunden und Bekannten, zu hören bekommt: Sie sei eine «Verräterin» am jüdischen Volk.

«Meine komplizierte Welt»

Jetzt aber ist im Hörsaal in Bern Bescherung angesagt für die rund 40 Studentinnen und Studenten, die bei der aktuellen Friedrich-Dürrenmatt-Professorin für Weltliteratur das wöchentliche Seminar «Breaking the walls» besuchen – vom Niederreissen oder Durchbrechen von Mauern. Die Gastprofessorin überreicht allen eine in Plastik verpackte «Kokosschlange» und erzählt, dass sie diese in einem arabischen Süssigkeitenladen in Jaffa gekauft habe, dem orientalisch geprägten Vorort von Tel Aviv.

Als der Mann hinter der Theke erfuhr, dass die Süssigkeiten für Schweizer Studenten gedacht sind, verlangte er spontan nur den halben Preis. «Hey, Ihr seid beliebt in der Welt!», ruft Lizzie Doron mit ausgebreiteten Armen. Sie selber hat keine Kokosschlange gegessen, ebensowenig die Mitglieder ihre Familie. Der Grund? «Ich konsumiere prinzipiell keine Produkte, die von Siedlern in den besetzten Gebieten hergestellt wurden.» Die Süssigkeiten stammen aus einer Fabrik, die einem orthodoxen Juden gehört. Und in Jaffa, einer der wenigen Städte Israels, die sich Araber und Juden teilen, werden sie in einem arabischen Laden verkauft. «Ja», sagt Lizzie Doron, «willkommen in meiner komplizierten Welt.»

«Die Vorfahren meiner Mutter waren vor 400 Jahren Wildjäger der Zentralschweiz.»

Die 66-Jährige mit dunkelblondem Lockenkopf trägt eine dunkle Cabanjacke, eine Trainerhose und Sneakers mit der Aufschrift «We love Karl». In dieser komplizierten Welt ist es auch so, dass mittlerweile der deutsche DTV-Verlag ihr verlegerischer Heimathafen ist und ihre Bücher zuerst in deutscher Sprache publiziert werden. Ihre beiden letzten Bücher über den Nahostkonflikt und vor allem über schwierige Freundschaften mit Palästinensern fanden in Israel keinen Verlag mehr. «Sweet Occupation» sei zwar kürzlich mithilfe des Goethe-Instituts auf Hebräisch veröffentlicht worden, sagt Doron, «aber die Resonanz ist gering, es gibt kaum Besprechungen, niemand will Interviews mit mir machen».

In der Schweiz, dem komischen Paradies

Als Lizzie Doron an einer Konferenz in Rom 2009 einen Palästinenser aus Ostjerusalem kennen lernte – in der Diskussion hatte sie den Staat Israel als eine «psychiatrische Anstalt für posttraumatisch belastete Juden» bezeichnet – und anfing, über das fremde Leben ihrer «Feinde» und ihre Vorurteile und Ängste zu schreiben, wurde aus der ehemaligen Vorzeigeautorin eine Aussenseiterin. «Ich bin heute eine Art ewige Jüdin», sagt Lizzie Doron. «Ich kann zwar in Israel ein- und ausreisen, aber eigentlich bin ich eine Autorin im Exil.»

Eine dieser Exilstationen ist nun die Schweiz: «Es ist ein komischer Ort, durchaus eine Art Paradies, in dem die Leute sehr stationär sind», sagt sie. Die Schweizer wollen nicht gross reisen, ist ihr aufgefallen, «während ich in einem Land lebe, in dem die Menschen Schutzräume haben in ihren Wohnungen, Angehörige in Kriegen verloren, darauf getrimmt sind, dem Ton der Sirenen zu lauschen und einen zweiten Pass brauchen für Notfälle». Das kleine Land in der Mitte Europas kennt die Autorin recht gut, in Zürich leben die besten Freunde von Lizzie Doron und ihrem Mann: die Basmans, das Modedesignerpaar. Sie zeigt auf ihre Jacke und lacht: «Das ist Basman. Als Familien haben wir regelmässig Ferien zusammen gemacht.»

Der Wolkenbruch-Film? Lizzie Doron lächelt gequält

Zur Familie Basman gehört auch Sohn Joel Basman, der erfolgreiche Jungschauspieler. Wie fand ihn Lizzie Doron im Grosserfolg «Wolkenbruch», in dem er einen orthodoxen Juden spielt, der sich in eine Schickse, eine Nichtjüdin, verliebt? Lizzie Doron lächelt etwas gequält. Sie sei durch und durch säkular, und gleichwohl habe sie sich gefragt, «was Nichtjuden für eine Vorstellung vom Jüdischsein bekommen, wenn sie diesen Film sehen, der mit Klischees spielt, diese aber auch ausstellt».

Neben vielen Lesungen und Diskussionen hat Lizzie Doron sich in diesem Halbjahr in der Schweiz auch auf Spurensuche begeben. Sie sammelt Dokumente und arbeitet an einem Buch über ihre Familiengeschichte. Dabei hat sie Erstaunliches herausgefunden: «Ich habe Schweizer Wurzeln», sagt sie lachend. «Die Vorfahren meiner Mutter waren vor 400 rund Jahren Wildjäger in der Zentralschweiz.» Sie hätten die Tiere unter anderem gejagt, um aus den Hörnern das Schofarhorn zu machen, das in der jüdischen Religion rituellen Zwecken dient und an die geplante Opferung Isaaks durch Abraham erinnert.

Da nicht alle Hörner für den Schofar geeignet waren, fingen Dorons Vorfahren auch an, Bierkrüge aus Horn herzustellen. «Es gibt noch heute solche Bierkrüge in der Luzerner Brauerei Hochdorf.» Später seien ihre Vorfahren ausgewiesen worden («weil sie zu viele Tiere schossen»), liessen sich in der Nähe von Wien nieder und waren schliesslich auf dem Gebiet des heutigen Polen ansässig, als die Nazis darangingen, die europäischen Juden zu vernichten.

Gegen die «einfachen Geschichten»

Ihre Eltern waren beide Holocaust-Überlebende, sie ist als Einzelkind mit der Mutter aufgewachsen («Es war eine Art Ghetto im Süden Tel Avivs mit etwa rund 100 Familien, die allesamt den Holocaust überlebt haben»), während sie den Vater, der wegen seiner Tuberkulose in einem Sanatorium lebte und früh starb, kaum kannte. Doron erinnert sich, dass das Schweigen und die Stille im Viertel ihrer Kindheit dominierten. Ihre Mutter erzählte kaum etwas von ihrer Vergangenheit.

Zwei Jahre, nachdem ihre Mutter gestorben war, sollte ihre Tochter im Geschichtsunterricht einen Vortrag halten über die Familiengeschichte. Lizzie Doron meinte, mehr für sich: «Das wird ein kurzer Vortrag: Holocaust, keine Dokumente, keine Fotos, keine Geschichten.» Die Tochter war schockiert und begann zu weinen. Dieser Moment markierte für Lizzie Doron den Beginn ihrer Recherchen über ihre Familie.

Ihre Bücher wurden in Israel ungemein populär und teils Schullektüre. Doron war ein Star und wurde verehrt, sie gab dem Schweigen Tausender jüdischer Familien, in denen der Holocaust ein Tabu war, eine literarische Stimme.

Als sie das zweite Tabu brach, den Brückenschlag wagte und mit Empathie über Israels «Feinde», über «Terroristen» zu schreiben begann, verstiess sie gegen einen unausgesprochenen Konsens. Dabei hat sie sich nur gegen das gewehrt, das die nigerianische Autorin Chimamanda Adichie die «simple stories» nennt: einfache Geschichten, die mit Stereotypen arbeiten. «Wenn wir nur eine einzige Geschichte über eine andere Person, über ein anderes Land hören, sagt Doron, «dann berauben wir die Menschen ihrer Würde».

Am 11. Dezember hält Lizzie Doron einen öffentlichen Workshop über «Erinnerungen» an der Universität Bern (10.15 Uhr–12.30 Uhr, Seminarraum 216, Mittelstr. 4). Am 17. Dezember um 18 Uhr ist sie Gast beim Sofagespräch (englisch) im Haus der Religionen, Europaplatz, Bern.

Erstellt: 10.12.2019, 13:20 Uhr

Tochter von Holocaust-Überlebenden

Aufgewachsen in Tel Aviv, lebte die 1953 geborene Lizzie Doron als eine der ersten Siedlerinnen in einem Kibbuz auf den Golanhöhen, bevor sie Sprachwissenschaft studierte und Schriftstellerin wurde. Als Angehörige der «zweiten Generation» der Holocaust-Überlebenden verwebt sie in ihren Büchern persönliche mit fiktionaler Geschichte. 1998 erschien ihr autobiografischer Debütroman «Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?» (dt. 2004), der in Israel zur Schullektüre wurde. Es folgten «Ruhige Zeiten» (dt. 2005), «Der Anfang von etwas Schönem» (dt. 2007), «Es war einmal eine Familie» (dt. 2009) und «Das Schweigen meiner Mutter» (dt. 2011). Mit «Who the Fuck Is Kafka» (2015) und «Sweet Occupation» (2017) machte Doron den Palästina-Konflikt zum Gegenstand ihres Erzählens. In ihren dokumentarischen Romanen berichtet sie von Begegnungen mit Aktivisten und der Freundschaft zu einem muslimischen Journalisten. Sie lebt in Tel Aviv und Berlin.

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