Intellektuelle Intoleranz von links

Aktuelle Beispiele zeigen, wie hilflos Theater und Universitäten mit Provokateuren umgehen.

Keine Lust auf Dialog: Studenten protestieren gegen den geplanten Auftritt von Milo Yiannopoulos an der Berkeley-Universität (1. Februar 2017). Foto: Noah Berger (Keystone)

Keine Lust auf Dialog: Studenten protestieren gegen den geplanten Auftritt von Milo Yiannopoulos an der Berkeley-Universität (1. Februar 2017). Foto: Noah Berger (Keystone)

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Die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie als Anlass für Entwicklungen zu nutzen, heisst in der Psychologie Resilienz. Viele Faktoren beeinflussen die Resilienz, besonders aber der Glaube, mit seinem Handeln etwas bewirken zu können, und die Fähigkeit, reales Geschehen mit Sinn zu füllen. Resilienz ist die wichtigste Ressource eines Individuums, aber auch einer Wertegemeinschaft oder einer Nation.

Der Streit um das Theaterhaus Gessnerallee, das den AfD-Vordenker Marc Jongen auf ein Podium eingeladen hat und dafür heftig kritisiert wird, reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Vorkommnisse und ist Symptom eines Zeitgeschehens, das sich in allen westlichen Demokratien zeigt. Am 1. Februar hätte der Antifeminist und professionelle Troll Milo Yiannopoulos an der kalifornischen Berkeley-Universität sprechen sollen. Nach umfangreichen und gewalttätigen Protesten wurde die Veranstaltung abgesagt. Im Januar musste eine geplante Veranstaltung einer der AfD nahestehenden Studentenvereinigung an der Universität Magdeburg ebenfalls abgesagt werden, nachdem Studenten protestiert hatten und die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war. In Zürich droht Ähnliches, nachdem Theatermacher Samuel Schwarz das Gessnerallee-Podium wegen «fehlender linker und migrantischer Positionen» kritisierte und festhielt, das Podium «müsste, wenn die Gessnerallee nicht einsichtig ist – meiner Ansicht nach verhindert werden».

Es geht in allen drei Fällen um dasselbe. Die geladenen Redner vertreten Positionen, die aus Sicht der Studenten und Theatermacher jene moralischen Werte mit Füssen treten, die ihnen heilig sind. Dürfen die Populisten ihre Ansichten dann auch noch in linken Institutionen wie Universitäten oder Theaterhäuser vertreten, wird das als Affront empfunden, gegen den man sich wehrt. Die Protestierenden glauben sich moralisch im Recht zu undemokratischem Verhalten, weil die Gegner schliesslich auf die Aushöhlung demokratischer Institutionen zielen. In Zürich etwa heisst es in einem offenen Protestbrief gegen den Auftritt Jongens, er ziele auf die Abschaffung ebendieser Institutionen. Ihn einzuladen, sei blauäugig und gefährlich. «Wollen wir wirklich abwarten, welche Strategie der ‹Wutdenker der AfD› («Süddeutsche Zeitung») auf einem Podium, das sich mit der Avantgarde befasst, als Nächstes empfiehlt?», wird im offenen Brief gefragt.

Wenn man die Frage weiterdenkt, ist sie gar nicht so schlecht. Wollen wir wirklich wissen, was er als Nächstes empfiehlt? Und was bedeutet es, wenn wir diese Frage mit Nein beantworten?

Wie keine andere politische Gruppierung haben die Rechtspopulisten in den letzten Jahren die Themen gesetzt, damit die Podien dominiert und die Diskussionen vorgegeben und die Linken zum Reagieren verdammt: Man empört sich, zeigt sich angewidert, lehnt ab. Doch erfolglos. Je heftiger die Ablehnung, desto stärker scheint das den Gegner zu machen. Der Erfolg der Rechtspopulisten zeigt, dass wir nicht nur eine rationale Auseinandersetzung mit den Themen brauchen, die so viele Wähler mobilisieren. Sondern vor allem auch eine moralische.

Wer überzeugen will, scheitert

Man weiss aus der Psychologie, dass selbst die besten Gegenargumente nicht taugen, jemanden von seinem Glauben abzubringen. Im Gegenteil. Widerspruch führt sogar dazu, dass man sich noch mehr mit der eigenen Gruppe identifiziert. Nur wer seine moralische Sicht auf die Dinge transparent machen kann – und die des Gegners –, hat eine Chance, die Menschen zu erreichen. Die intellektuelle Intoleranz der Linken verhindert den dringend notwendigen ideologischen Klärungsprozess, der ihnen selber nützen könnte.

Die Frage ist, was sie eigentlich befürchten. Dass unschuldige Studenten plötzlich zu den Rechtspopulisten desertieren könnten? Wer heutzutage einen Sprecher mit Gewalt daran hindert, seine Position zu formulieren, weil er sie als anstössig und böse empfindet, schadet der eigenen Sache mehr, als wenn er den Gegner demonstrieren lässt, wofür er steht. Denn in einer digitalisierten Welt findet auch destruktives Gedankengut sein Publikum, mit Leichtigkeit. Auf der anderen Seite sind aber gerade Institutionen wie die Universität oder das Theater Orte, in denen diese Auseinandersetzung stattfinden können muss. Auszuhalten, dass man verletzt, gestört, aufgewühlt wird, gehört zur Mündigkeit. Böse Menschen mit aller Kraft in die Schranken zu verweisen, auch. Hier muss sich zeigen, wie resilient die Gesellschaft ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 19:12 Uhr

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