Meister Schnelldenker

Magnus Carlsen gewinnt das Stechen an der WM gegen Fabiano Caruana unerwartet klar 3:0 – und sieht bei sich trotzdem Verbesserungsbedarf.

Magnus Carlsen: Keiner erfasst Schach intuitiver als er. Foto: Frank Augstein (Keystone)

Magnus Carlsen: Keiner erfasst Schach intuitiver als er. Foto: Frank Augstein (Keystone)

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Nach den auf Sicherheit gespielten letzten beiden Runden im klassischen Teil des WM-Matchs in London wurde Magnus Carlsen mitunter heftig kritisiert. Im Tiebreak gestern ­widerlegte der Norweger alle Zweifler und spielte souverän seine gefürchtete Überlegenheit in Partien mit verkürzter Bedenkzeit aus. Bereits nach drei der angesetzten vier Rapid-Runden stand der bald 30-Jährige als Sieger fest.

In die Hände hatte dem Titelverteidiger auch etwas der Zufall gespielt, denn die Auslosung zur Farbverteilung im Stechen fand schon am vergangenen Montagabend statt. So hatten Carlsen und sein Team viel Zeit, sich mit Weiss eine Eröffnungsstrategie auszudenken, und die ging auf. Fabiano Caruana kam in der ersten 25-Minuten-Partie früh in Bedrängnis, geriet dann in ein Endspiel, das theoretisch zwar Remis ist, Schwarz aber äusserst präzise Verteidigungsarbeit abverlangt, und patzte.

Überragende Intuition

Es sind genau solche Momente, in denen man miterleben konnte, weshalb Carlsen seit Jahren die Weltnummer 1 ist. Er gilt unerreicht als der Beste, wenn es um die Intuition im Schach geht. Viele andere Weltklassespieler können genauso gut rechnen wie er, wissen auch mindestens so viel über Eröffnungstheorie, aber keiner spürt so präzise, wohin die Figuren auf dem Brett hingehören, um Siegchancen zu kreieren.

So reichten Magnus Carlsen auch im Stechen kleine Fehler des Amerikaners. Nach dem Auftaktsieg im Rapid war er in seinem Element, während die zehn Minuten Pause für Caruana offensichtlich nicht genügten, um sich sammeln zu können. In der zweiten Runde patzte er mit Weiss, in Runde 3 gleich nochmals krass mit Schwarz.

Er habe sich physisch leider nicht in Topform gefühlt, sagte Caruana später in der Pressekonferenz, weshalb er es nicht annähernd geschafft habe, sein bestes Schach abzurufen. Was genau der Grund war, wurde nicht nachgefragt. In Bezug auf den Wettkampf sei er sehr enttäuscht, doch könne er nicht sagen, dass er im klassischen Teil mehr Chancen verpasste habe als ­Magnus Carlsen.

Lob an den Gegner

Der wiederum gestand seinem 20 Monate jüngeren Herausforderer immerhin zu, dass er nach Wiswanathan Anand 2013 und 2014 sowie Sergei Karjakin 2016 klar sein härtester WM-Gegner gewesen sei: «Fabiano hat genau so viel Recht wie ich, sich als stärkster Spieler im klassischen Schach zu bezeichnen.»

Vor der WM im Londoner Holborn College hatte ein Interview einer von Carlsens Schwestern das Gerücht in die Welt gesetzt, er erwäge eine längere Pause. Ganz überraschend käme das nicht, denn bereits als Jugendlicher hatte er immer betont, mit Schach augenblicklich aufzuhören, wenn es ihm keinen Spass mehr bereite.

Lust am Weitermachen

Doch das scheint nicht der Fall zu sein. «Ich habe Lust, weiterzumachen», sagte der Weltmeister gestern Abend, «mein Spiel in langen Partien ist offensichtlich verbesserungswürdig, es gibt also noch einiges zu tun.» An der kommenden ­Rapid- und Blitz-Weltmeisterschaft erwägt er jedenfalls, an den Start zu gehen.

WM in London. Tie-Break. Rapidpartien(25 Minuten + 10 Sekunden pro Spieler/Zug). 1. Runde: WM Carlsen (NOR) - GM Caruana (USA), Englische Eröffnung, 1:0 (55 Züge).2. Runde: Caruana - Carlsen, Sizilianische Eröffnung, 0:1 (28). 3. Runde: Carlsen - Caruana, Sizilianische Eröffnung 1:0 (51).

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.11.2018, 08:37 Uhr

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