Mit dem Latein am Ende

An den Unis wurde die Lateinpflicht weitgehend abgeschafft. Es ist Zeit, dasselbe am Gymnasium zu tun.

Klassisches Langzeitgymnasium: Die Kantonsschule Freudenberg im Zürcher Enge-Quartier. Foto: Sidonius/Wikipedia

Klassisches Langzeitgymnasium: Die Kantonsschule Freudenberg im Zürcher Enge-Quartier. Foto: Sidonius/Wikipedia

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In einer Woche bestreiten Zürcher Schüler die Aufnahmeprüfung fürs Langzeitgymnasium. Wer sie besteht, wird bald ein neues Fach haben: Latein. Daran führt kein Weg vorbei. Der Kanton bietet Sechstklässlern keine Möglichkeit, einem Gymnasium ohne Latein beizutreten. Dieser Lateinzwang für alle 12-Jährigen ist ein Witz – zumal seit ein paar Monaten sogar die Sprach­studenten davon befreit sind. Mit den Medizinern und Juristen hatte man schon vor Jahrzehnten Erbarmen.

Kein Wunder: Die Studenten haben Wichtigeres zu tun, als die lateinischen Begriffe für «Schild» und «Speerspitze» oder andere absurde Begriffe aus Cäsars Kriegstagebuch zu lernen. Doch wenn Latein auf universitärer Stufe nicht mehr gefragt ist, wieso dann noch in der Schule? Diese Frage stellt sich umso mehr, als Gymnasiasten oft unter grösserem Druck stehen als Studenten. Sie haben einen vollen Stundenplan, und die Ansprüche, die Arbeitsmarkt und Gesellschaft an sie stellen, steigen von Jahr zu Jahr. Dass da im Stundenplan des ersten Gymi-Jahres sechs Lektionen Latein auf drei Lektionen Englisch kommen, ist nicht nachvollziehbar.

Ein praktisches Selektionstool

Oder etwa doch? Latein ist ein praktisches Selektionstool, um die Anzahl Schüler zu steuern. Das war es schon immer. Aber heute haben vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten oder solche mit Migrationshintergrund damit zu kämpfen. Ihre Eltern haben nie Latein gebüffelt und können ihnen nicht unter die Arme greifen. In einem Land wie der Schweiz, wo wir trotz wachsenden Bedarfs an Hochqualifizierten eine tiefe Maturitätsquote von 20 Prozent haben, ist ein solcher Stolperstein nicht nur elitär und ungerecht, sondern auch unklug.

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Es wird niemand dazu gezwungen, Latein zu lernen, lautet das Gegenargument. Die Kurzzeitgymnasien nach der Sekundarschule würden sich ja auf Wirtschaft, Sprachen oder Naturwissenschaften konzentrieren. Das ist richtig, aber scheinheilig. Zum einen ist die Aufnahmeprüfung nach der Sekundarschule wegen fehlender Vornoten schwieriger als nach der sechsten Klasse. Und wieso sollten gerade naturwissenschaftlich begabte Kinder zwei Jahre warten, bis sie auf ihre Kosten kommen?

Die inhaltlichen Argumente der Lateiner sind altbekannt und allesamt leicht zu widerlegen. Lateinunterricht vermittelt die Grundlagen von Kultur, Philosophie und Politik? Lernt man auch in anderen Fächern! Latein lehrt einen, mit Sprachen umzugehen? Nützlicher wäre es, weitere Fremdsprachen zu lernen! Latein schult die Selbstdisziplin? Tun alle Fächer, gerade die mathematischen! Dass Latein das logische Denken fördere und so auch den Anforderungen der Digitalgesellschaft zugutekomme, ist das irritierendste Argument der altphilologischen Zwangsbeglückung. Wenn es junge talentierte Menschen gibt, die sich gerne mit Programmieren beschäftigen, sollen sie Algorithmen studieren, keine Verbtafeln.

Geist und Kultur stecken nicht nur im Latein

Muss immer alles zielgerichtet und nutzenorientiert sein? Geht es nur noch um «Bildung» von Arbeitskräften? Kurz: Sollte die Schule nicht auch ein Ort sein, an dem Geist und Kultur gepflegt werden? Natürlich. Aber Geist und Kultur stecken nicht nur im Latein. Humanistische Bildung ist kein Gegensatz zu unserer heutigen digitalen Kultur. Latein auszulassen, heisst nicht, Bildung zu verpassen. Es heisst, mehr Zeit für Bildung zu schaffen.

Ausserdem soll ja nicht das Latein als Fach abgeschafft werden, sondern der Zwang dazu. Schüler sollten wählen können, ob sie Latein lernen wollen oder nicht. Alternativen dazu gäbe es je nach Interesse des Schülers genügend: Sprachen, Informatik oder Musik.

Denn: Non scholae, sed vitae discimus, heisst es. Wer das nicht verstanden hat – und das dürften die meisten sein – muss sich nicht ungebildet vorkommen. Man kann es ganz einfach auch auf Deutsch sagen: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2018, 19:30 Uhr

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