Nah am Wasser gebaut

In Basel präsentiert eine fulminante Ausstellung, wie sich in Bangladesh westliche Moderne und die Tradition des Landes zu einer Baukunst verdichten, die auch Flutkatastrophen und Hitzeperioden trotzt.

Das Friendship Center des bangalischen Architekten Kashef Chowdhury in Gaibandha. Foto: Iwan Baan

Das Friendship Center des bangalischen Architekten Kashef Chowdhury in Gaibandha. Foto: Iwan Baan

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So also sieht die Zukunft aus: klare Formen aus Kreis, Rechteck und Quadrat. Urwaldartig begrünt mit Pflanzen auf dem Dach und an der Fassade. Durchzogen von Wasserbecken, Innenhöfen und Arkaden, damit die heisse Luft zirkulieren kann und das Gebäude atmen. Umgrenzt von einem hohen Damm, der das Wasser abhält, wenn die Flut kommt. Aus der Vogelperspektive wirkt das wie eine alte Tempelanlage, in der sich die Natur ihr Recht zurückgeholt hat. Tatsächlich ist es ein Beispiel für zeitgenössische Architektur aus Bangladesh.

Das bettelarme, dicht besiedelte Bangladesh hat gewaltige Probleme, die der Klimawandel noch verschärfen dürf- te: Überschwemmungen, Landflucht, Slums in den Städten, Versalzung der Böden, der 18-Millionen-Moloch Dhaka. «Aber die Anzahl der Probleme führt nicht zu Lethargie», sagt Niklaus Graber. Der Luzerner Architekt hat die Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel kuratiert, er schwärmt von einer aktiven Architekturszene in der Hauptstadt Dhaka, mit wöchent­lichen Debattierclubs und – anders etwa als in vielen Ländern Afrikas – guten Architekturhochschulen.

«Bengal Stream» heisst seine Schau, die die Projekte von Nord nach Süd, von der Schule über die Fabrik bis hin zum Hochhaus anhand von Plänen, Modellen und grossformatigen Fotografien, meist von Iwan Baan, zeigt. Der Titel passt, denn kaum ein Land ist so von Wasserläufen durchzogen und geprägt wie Bangladesh. Graber will das Fliessende und Durchlässige aber auch in übertragenem Sinn verstanden wissen: «Es gibt eine extreme Kontinuität über fast 2000 Jahre Architekturgeschichte. Bei den Grundrissen hat man manchmal Mühe zu sagen, was von heute, was von gestern und was für die Zukunft ist.»

Bewusst mit dem Erbe umgehen

Allein dafür lohnt sich der Blick auf Bangladesh. Denn gerade das Vergessen der eigenen Bautradition ist es ja, was halb Asien und Afrika, aber auch ­grossen ­Teilen des Westens ihr Gesicht raubt. Die globalisierte Welt scheint nur noch eine Architektursprache zu kennen, gleich wie kalt oder warm es an einem Ort ist oder welche Gesellschaft dort lebt.

Den bewussten Umgang mit dem eigenen Erbe hat Bangladesh vor allem Muzharul Islam (1923 bis 2012) zu ­verdanken, der in dem Land die Moderne eingeführt hat und dem der erste Teil der Ausstellung gewidmet ist. Sein Ins­titute of Fine Arts in Dhaka (1953/54) war das erste moderne Gebäude des Landes. Islam verlegte dafür gewis­sermassen Le Corbusiers unterkühlte Villa Savoye aus Frankreich mit ihren messerscharf gezogenen Kanten in die Tropen. Die Fassade brach er auf, damit sie dem feuchtheissen Klima stand­halten konnte.

Muzharul Islam lud Architekten aus dem Westen ein, in Bangladesh zu bauen: Paul Rudolph, Richard Neutra oder Stanley Tigerman kamen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Bangladesh, damals noch Ostpakistan, wurde zu jener Zeit mit dem Geld aus den USA gegen Russland in Stellung gebracht. Grosse Universitäten entstanden.

Ein Schulgebäude ruht auf alten Ölfässern und passt sich amphibisch dem wechselnden Wasserstand an. 

Vor allem aber holte Islam Louis Kahn nach Bangladesh, der hier bis heute mythisch verehrt wird wegen des Parlamentes in Dhaka, das er gebaut hat. Wer die Fotos dieses Baus heute studiert, wähnt sich in einem von Menschenhand geformten Gebirge aus geometrischen Grundformen. Quadrat, Zylinder, Rechteck. Kahn war ein Meister im Umgang mit Licht und Raum.

«Tageslicht ist umsonst, warum sollten wir nicht damit arbeiten?», ist ein Satz von Marina Tabassum, heute eine der bekanntesten Architektinnen des Landes. Ihre Bait-ur-Rouf-Moschee in Dhaka hat keine Kuppel und auch kein Minarett. Dafür fällt das Licht durch die aufgebrochenen roten Ziegelwände wie göttlicher Regen. Im Islam gibt es keine festgeschriebene Bauform für eine Moschee, Tabassum zeigt, wie mit rein architektonischen Mitteln Spiritualität erzeugt werden kann.

Vermutlich ist es das, was an all den Gebäuden aus Bangladesh am meisten fasziniert. Statt auf irgendeine smarte Technologie konzentriert man sich hier auf die Architektur selbst. Auf den Raum und seine Proportionen, auf das Licht, wie es fällt. Und auf das Zusammenspiel mit der umgebenden Landschaft. «Architektur ist in Bangladesh immer auch Landschaftsarchitektur», sagt Graber.

Krankenhaus liegt vor Anker

Das ist aber auch überlebensnotwendig, denn gewaltige Flutkatastrophen gehören hier zum Alltag. Um ihnen zu trotzen, liess etwa Kashef Chowdhury – neben Tabassum heute der bekannteste Architekt von Bangladesh – einen Damm um das eingangs beschriebene Informationszentrum im Norden des Landes ­ziehen. Das Gebäude selbst legte er auf den Flutspiegel. Bislang hat das funktioniert. Ein Auskommen mit der Flut versucht auch die schwimmende Schule, deren Konstruktion aus Bambus und Holz auf alten Ölfässern ruht und sich amphibisch an den Wasserstand anpasst. Oder das Krankenhaus, das für ein paar Wochen vor Anker liegt, weil es eigentlich ein Schiff ist.

Noch alltäglicher als die Flut ist die feuchte Hitze. Auch darauf finden Architekten hier einfache, clevere Lösungen. Durch aufgebrochene Fassaden, zer­klüftete Grundrisse und offene Räume versuchen sie zum Beispiel, in Hoch­häusern Luftströme zu erzeugen und ­damit zumindest den Einsatz der Klimaanlagen zu reduzieren. Besonders weit geht die Jeansfabrik am Rande von Dhaka. Statt der üblichen Blechkiste mit Fensterschlitzen hat das junge Büro Arche­ground Limited aus Bambus und Stahlrohr eine hohe Halle gebaut, mehr offen als geschlossen, mit einem Dach aus Tonziegeln und umrahmt von einem Wasserbecken, das zusätzlich für Kühle sorgt.

Der Ursprung des Bungalows

Der Prototyp ist besonders visionär, weil die rötlichen Ziegel, die das Bild von Bangladesh bis heute prägen, zu einer fatalen Umweltbelastung geworden sind. Ohne Filteranlagen ist die Ziegelindustrie um Dhaka Hauptverursacher für den Smog, in dem die Stadt versinkt.

Auch in der neuen Fabrik steckt Bangladeshs Vergangenheit. Wurden die Monumente – gleich ob Hindutempel, Moschee oder buddhistische Stupa – vor allem aus Terrakotta und Backstein ­gebaut, entstand der grosse Rest, dem Klima angepasst, aus Holz, Bambus und Lehm. Der Westen kennt den Urtyp der Bangladesh-Baukultur tatsächlich schon lange. «Bengal hut» nannten die ­britischen Kolonialherren die Häuser aus Bambus und Lehm. Daraus ist ­Bungalow geworden.

Schweizerisches Architekturmuseum Basel, bis 6. Mai. Katalog, ca. 70 Fr.

Erstellt: 24.01.2018, 21:35 Uhr

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