Philip Roth, ganz intim

Der Erstling von Lisa Halliday ist ein literarisches Ereignis.

Ihr Buch war eines der letzten, die Philip Roth gelesen hat: Lisa Halliday. Foto: PD

Ihr Buch war eines der letzten, die Philip Roth gelesen hat: Lisa Halliday. Foto: PD

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Die Auszeichnung, die dem ansonsten hochdekorierten Autor Philip Roth bis zu seinem Tod am Dienstag verwehrt blieb, ist der Nobelpreis für Literatur. Oder doch nicht?

Roth hat, nur unvollkommen verschleiert als Schriftsteller Ezra Blazer, einen Auftritt in Lisa Hallidays Erstling «Asymetry», dem literarischen Ereignis des amerikanischen Buchfrühlings. In Hallidays Roman wird Roth/Blazer zum Nobelpreisträger. Und zwar «für seinen überbordenden Einfallsreichtum und die exquisite Fähigkeit, mit verschiedenen Stimmen zu sprechen, die mit Ironie und Mitgefühl die aussergewöhnliche Heterogenität des modernen amerikanischen Lebens zeigen».

Junge Lektorin, alter Autor

Dass der Roman so einschlug, hat unter anderem damit zu tun, dass er nur unvollkommen verschleiert die bis dahin geheime Affäre schildert, die Roth mit der Autorin eingegangen war. Halliday war damals Verlagslektorin in ihren 20ern, er ein mühevoll alternder Grossschriftsteller. Halliday lässt nichts aus: die Diskussionen, die Zeit vor dem Fernsehapparat und im Bett, die jährlich gründlich enttäuschte Spannung im Herbst beim Nobelpreisentscheid, Roths halb ironisches, eigentlich mehr als zur Hälfte gequältes Verhältnis zu seinem körperlichen Verfall (der auch das Sexualleben der beiden arg beeinträchtigte). Aber auch das: seine Grosszügigkeit, die er sowohl finanziell zeigte als auch als Mentor in allen Dingen, die mit Literatur, Musik und dem Leben überhaupt zu tun haben.

Man wird «Asymetry» nun allerdings gar nicht gerecht, wenn man den Text allein als Futter für Voyeure ansieht, als skandalumwitterten Schlüsselroman über das ungleiche Machtverhältnis in dieser ungleichen Liebesbeziehung zu Zeiten von #MeToo. Die amerikanische Kritik feiert Halliday als eigenständige Stimme, die mit ihrer Sprache die Leserinnen und Leser genauso in ihren Bann zieht, wie sie mit dem raffinierten Aufbau ihres Romans literarisch neue Welten aufschliesst.

Roth: «Sie hat mich mit ihrem Roman erwischt»

Heute ist Halliday 41, lebt mit Mann und Baby in Mailand. Sie wuchs als Tochter eines Mechanikers und einer Schneiderin in der Nähe von Boston auf, absolvierte die Universität Harvard und lebte dann in New York das Leben ihrer Romanheldin in einem Verlag. Der Umgang mit Philip Roth und den anderen Autoren habe sie gelehrt, sagte sie kürzlich dem «Guardian», dass die Haupteigenschaft eines Schriftstellers seine Beharrlichkeit sei. Erste Versuche trafen auf «ermutigende Ablehnungen». Es dauerte seine Zeit, bis sie ihren Stoff in die Form einschreiben konnte, die ihr jetzt so viel Beifall einträgt.

Und wie stand Philip Roth zu seiner Geliebten/Adeptin/Muse? «Asymetry» gehörte zu den letzten Romanen, die der schwer erkrankte Autor noch las. Das sagte er der «New York Times». Sie seien Freunde geblieben. Und mit ihrem Roman «hat sie mich erwischt».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2018, 22:53 Uhr

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