Schöpfer der berühmten Swissair-Kalender gestorben

Georg Gerster fotografierte merkwürdige Landschaften rund um den Globus. Der Pionier wurde 90-jährig.

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Nur wenige kennen seinen Namen, aber praktisch jeder kennt seine Bilder, vor allem von seinen Plakaten für die Swissair: Der Flugbildpionier Georg Gerster hat die Menschheit mit den verborgenen Schönheiten der Erde bekannt gemacht. Nun ist er mit 90 Jahren gestorben.

Landschaften von oben zu sehen sei für ihn fast zur Sucht geworden, sagte der gebürtige Winterthurer einmal. Diesen Enthusiasmus, der ihn ergriff, wenn sich die Welt beim Aufsteigen in etwas völlig Neues transformierte, dieses Gefühl wollte er immer wieder erleben. Google Earth fand er langweilig, «es fehlt die Seele».

Dokumentieren war für ihn nur eine Seite, dazu kam das Meditative und Philosophische, «Starthilfe für Gedankenflüge». Sein Motto lautete: «Höhe schafft Übersicht, Übersicht erleichtert Einsicht, und Einsicht erzeugt – vielleicht – Rücksicht».

Mit seinen meist senkrecht aufgenommenen Bildern, die oft wie abstrakte Gemälde wirkten, pflasterten sich in den 1970er bis 1990er Jahre nicht nur Jugendliche die Wände voll – sofern sie einen der begehrten Swissair-Kalender ergattern konnten.

Der Himmelsbote der Kaiserin

Gerster fotografierte Kultstätten und Heiligtümer weltweit. Die Nazca-Linien in Peru. Den Riesen von Cerne Abbas mit seinem unflätigen Gemächt. Salzgärten in Tansania, die an einen Aquarellkasten erinnern. Flutgebiete im Iran, wie locker aus dem Handgelenk hingepinselt. Felder wie handgeknüpfte Teppiche. Gletscher-Ausläufer wie blonde Haarlocken.

Eine besondere Rolle spielte der Iran: In den späten 1970er Jahren förderte und unterstützte die iranische Kaiserin Farah Diba Gerster dabei, die erste umfassende Publikation ihrer Heimat aus der Luft zu erstellen. «Iran through the eyes of Homa – Persia from above» hiess die daraus resultierende Ausstellung; Homa ist ein glückbringender mythischer Vogel. Gerster schenkte dem Land die 127 grossformatigen Bilder zum Dank für die Gastfreundschaft.

Aus Not zum Autodidakten geworden

Am 30. April 1928 in Winterthur geboren, hatte Gerster nach dem Germanistikstudium als Journalist bei der «Weltwoche» begonnen, zunächst fürs Feuilleton, dann fürs Ressort Wissenschaft. Zur Fotografie fand er dadurch, dass er Bilder zu seinen Artikeln und Büchern selber schoss, wenn er nichts geeignetes fand.

Seine ersten Flugbilder – den Ausdruck «Luftaufnahmen» verabscheute er, zu technisch – entstanden 1963 für ein Buch über das antike Nubien. Aus einer gemieteten Cessna heraus dokumentierte er Tempel und Pyramidenfelder, welche die Pharaonen des alten Ägypten im Norden des Sudans errichtet hatten und die nach Beendigung des Assuan-Staudamms überschwemmt werden sollten. Die Bildfolge wurde auch zur Illustration der von der Unesco initiierten Rettung von Abu Simbel verwendet.

Stolpersteine – einfach überfliegen

Es folgten Flugexpeditionen in über 100 Länder. Immer mit dabei: zehn Kameras – weil es beim Fliegen pressiert und keine Zeit bleibt für Filmwechsel – und ein Kreuzschraubenzieher. Mit dem entfernte er in Flugzeugen die Fenster oder besser noch die ganze Tür. Einmal wollte ihm der Tower keine Starterlaubnis geben, weil er die Flugzeugtür neben dem Rollfeld liegen liess. Er habe einen Schweizer mit Klaustrophobie an Bord, funkte der Pilot an den Tower. Da hatte man ein Einsehen.

Etwas komplizierter wurde es, als er den grossen Schlangenhügel in Ohio aufnehmen wollte und sein Pilot die Stelle nicht finden konnte. Gerster gelang es, den Mann zu einer illegalen Zwischenlandung zu überreden, um schnell mal bei einem Bauern nach dem Weg zu fragen.

Georg Gerster in seinem Archiv in Zumikon. (2. April 2018) Gaetan Bally/Keystone

Wieder ein anderes Mal flog er – unter dem Radar der Behörden – mit einem Auftraggeberpaar über Brasilien, als die Gattin eine Pinkelpause benötigte. Man landete auf einer Sandbank in einem piranhaverseuchten Fluss, und der Pilot verkürzte sich die Wartezeit mit Angeln. Als sich das Flugzeug selbstständig machte und den Fluss hinuntertrieb, soll der Pilot es mit der Fischerrute eingefangen und wieder an Land gezogen haben. Se non è vero, è ben trovato. Gerster sass öfter mal der Schalk im Nacken.

Sein Werk soll Katastrophen überdauern

3500 Flugstunden absolvierte Gerster, über drei Dutzend Bücher veröffentlichte er, seine Arbeiten wurden unter anderem im British Museum ausgestellt, er erhielt den Prix Nadar und sein epochemachendes Buch «Der Mensch auf seiner Erde» wurde unter die 1000 Bücher gewählt, die nach einer Katastrophe im Netz abrufbar sein würden.

Vor einer Woche starb er in seinem 91. Lebensjahr im Kreise der Familie, wie einer Todesanzeige in der «NZZ» zu entnehmen ist.

(oli/sda)

Erstellt: 15.02.2019, 08:08 Uhr

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