Singende Kinderschänder und Totschläger

Natürlich sind Künstler und Werk auseinanderzuhalten. Bei Sängern aber ist das schwierig.

Wegen Totschlags vier Jahre im Gefängnis, nachher wieder auf der Bühne: Bertrand Cantat. Foto: Erick James (WireImage)

Wegen Totschlags vier Jahre im Gefängnis, nachher wieder auf der Bühne: Bertrand Cantat. Foto: Erick James (WireImage)

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Auf der Bühne sass er schwer im Stuhl, 73 Jahre alt. Die Plattenfirma hatte R. L. Burnside (1926–2005) auf Tour geschickt, als letzten Vertreter seiner Art, ein Stück stampfende Mississippi-Blues-Geschichte. Wir standen im Zürcher Konzertlokal, blickten zum Sänger auf – und erinnerten uns plötzlich: Wir hören einem Killer zu. Der brachiale Senior auf der Bühne hat einst einen umgebracht, in den 50ern, wohl beim Würfelspiel. Er sass im Gefängnis dafür.

Man kann sich das zurechtbiegen. Die Tat ist lange her. Schwarze wurden und werden auch ohne Beweise schnell eingesperrt im US-Süden. Sicher entsprang die Gewalt dem Armutsmilieu, verweist auf Herkunft, nicht so anders wie der Ghetto-Chic vorbestrafter Rapper. Auch Lead Belly (1888–1949), diese mythische Figur des Blues, sass ein wegen Totschlags. Seine Songs wie «Black Betty» sind trotzdem Klassiker. Oder deswegen.

Bei Michael Jackson (1958–2009) ist die Lage anders. Offenbar sind wir im Klassenlager zu den Liedern eines Kindervergewaltigers gehüpft. Unangenehm. Ob wir seine Platten je wieder auflegen werden, hängt an der Frage, welche Bilder sie nun in uns wecken – die des Kinderfests in den 80ern oder die des Kinderschänders aus dem Film «Leaving Neverland».

Sänger sind schwerer von ihrem Werk zu trennen als andere Künstler. Dass der Autor William S. Burroughs (1914–1997) seine Frau bei einer missglückten Wilhelm-Tell-Aktion im Rausch totgeschossen hat, merkt man «Junkie» nicht so an. Und dass Richard Wagner (1813–1883) ein glühender Antisemit war, muss einem den «Parsifal» nicht vergällen.

Sussholzraspler können Schlimmes tun

Sänger aber sind präsent, erzählen ihr Werk mit dem eigenen Mund. Wo dieser Mund vorher war, interessiert uns. Noch lebende Sänger möchte man ab einer gewissen kriminellen Energie nicht mehr unterstützen, egal, wie toll ihre Lieder sind.

Bertrand Cantat (geboren 1964) von der französischen Rockband Noir Désir schlug seine Geliebte Marie Trintignant 2003 in einem Hotelzimmer so schwer zusammen, dass sie Tage später im Spital starb. Er kam ins Gefängnis, Frankreichs Plattenhändler entfernten seine CDs aus den Regalen. Nach nur vier Jahren kam er frei, was viele empörte. Cantat singt wieder, nicht ohne Erfolg: Seine CD «Amor Fati» (2017) kam in die Hitparade. Doch er bleibt umstritten. 2018 unterzeichneten 75'000 Personen eine Petition gegen einen Festivalauftritt Cantats. Wer ihn spielen lasse, verharmlose Gewalt gegen Frauen. Cantat sagte ab.

Vergewaltiger und Mörder sind als Bühnenstars schwer auszuhalten. Die Songs des britischen Glamrockers Gary Glitter (geboren 1944) klingen anders, wenn man weiss, dass er 2015 wegen Kindsmissbrauchs zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die norwegische Black-Metal-Band Emperor hat prägende Alben gemacht. Wer aber weiss, dass die Bandmitglieder wegen Mord und Gewalt in Haft kamen, hört die Musik beklommener. Sie klangen nicht nur böse, sie waren es.

Oft sind die perversesten Bühnenfiguren privat sehr normal, etwa Alice Cooper. Umgekehrt können Süssholzraspler Schlimmes tun. Wie wohl Michael Jackson. Oder Soulsänger R. Kelly (geb. 1967), dem verstörend viele junge Frauen sexuellen Missbrauch vorwerfen. Massenmörder Charles Manson (1934–2017) komponierte übrigens fröhliche Hippiesongs. Sie sind gar nicht schlecht. Bis einem einfällt: Es ist der Killer, der da singt.

Erstellt: 10.04.2019, 19:47 Uhr

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