Vorteil Einzelkind

Sind Menschen ohne Geschwister wirklich anders? Ja, aber nicht so, wie alle denken.

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Eine nette Unterhaltung, man lacht. Und dann, aus heiterem Himmel: «Komisch! Wenn man dich kennt, käme man nie auf die Idee, dass du ein Einzelkind bist.» Ich habe mir angewöhnt, in diesen Situationen freundlich zu lächeln und den Mund zu halten. Hätte ich jedoch Lust auf Konfrontation, könnte ich erwidern: «Studien zeigen, dass Einzelkinder in ihrer sozialen Entwicklung Personen mit Geschwistern in nichts nachstehen. Sie sind aber tendenziell besser ausgebildet, ehrgeiziger, erfolgreicher.»

Doch wie gesagt – ich tu es nicht. Erstens führt die anschliessende Diskussion erfahrungsgemäss in eine Sackgasse, zweitens will ich nicht noch die Vorurteile befeuern, wonach wir Einzelkinder besserwisserisch seien und immer das letzte Wort haben müssten. Und weil einen solchen Mini-Klugscheisser ja ­keiner haben will, entscheiden sich nun auch immer mehr meiner Freunde mit Kind, ihrem Erstgeborenen ein Geschwisterchen zu bescheren, um ihm die sozial verwahrlosende Einzelkinderhaft zu ersparen.

Scheue Einwände meinerseits, man könne also auch ohne Bruder und Schwester zufrieden auf- und zu einem einigermassen umgänglichen Mitglied der Gesellschaft heranwachsen, werden freundlich, aber entschieden niedergelächelt. Schon klar, aber man habe den «Motor» jetzt eh schon «angeworfen», da könne man grad noch eins, und eben: Ich sei halt schon eher die Ausnahme.

Wirklich? Ich kenne jedenfalls kein einziges erwachsenes Einzelkind, das solche bizarren Unterhaltungen nicht schon hätte führen müssen. Es schleckt keine Geiss weg: Das Vorurteil, wir ­Geschwisterlosen seien irgendwie anders, und zwar auf ungute Art, klebt so hartnäckig an uns wie Kaugummi an der Schuhsohle.

Dämonische Einflüsterung?

Pionierarbeit in Sachen Einzelkinderverleumdung leistete vor über 100 Jahren der US-amerikanische Psychologe Granville Stanley Hall (1846–1924) mit seiner Studie «Of Peculiar and Exceptional Children», in der er zum Schluss kam, Einzelkinder seien streitsüchtig und aggressiv, kurz: «an sich schon eine Krankheit». Und sein Wiener Kollege Alfred Adler (1870–1937) setzte wenig später noch einen drauf und nannte sie schlicht «Parasiten».

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Dass sowohl Hall als auch Adler ihre «Erkenntnisse» nicht etwa auf die Beobachtung neutraler Probanden stützten, sondern je eines Grüppchens durch die sozialen Maschen gefallener Individuen, die zufällig auch geschwisterlos waren, lässt heute jeden seriösen Forscher erschaudern. Das Dumme ist nur: Einmal in die Welt gesetzt, lässt sich eine solche «Wahrheit» kaum revidieren. Wir erinnern uns an den Mythos, Spinat sei ein 1-a-Eisenlieferant. Längst als Kommafehler entlarvt. Trotzdem werden noch immer reihenweise Knirpse mit dem grünen Zeug vollgestopft.

Die meisten Schweizer wollen zwei oder mehr Kinder. Lieber als nur eins wollen sie gar keins.

Wir «wissen»: Spinat hat viel Eisen und so ein Einzelkind viele Macken. Kein Wunder, präsentieren uns Generationen von Horrorfilmern – angefangen bei «Böse Saat» (1956) – Einzelkinder als besonders empfänglich für dämonische Einflüsterung. Und die Family-Sitcoms der 80er- und 90er-Jahre, in denen sich zu der dauerzoffenden, aber letztlich zusammenhaltenden Grossfamilie jeweils ein exzentrischer Solitär hinzugesellte und alle wahnsinnig machte mit seinen Spleens (man denke an Steve Urkel bei «Alle unter einem Dach» oder Kimmy Gibbler bei «Full House»), dürften das ­Klischee vom struben Einzelkind stärker befeuert haben als Hall und Adler zusammen. Warum sonst fragt man junge Paare, ob sie sich Kinder – im Plural – wünschten?

Das Bundesamt für Statistik spricht diesbezüglich eine klare Sprache. 2013 wünschten sich zwei von drei Schweizern zwischen 20 und 29 Jahren dereinst eine Zweikindfamilie. Immerhin noch jeder vierte wollte drei oder mehr Kinder. Lediglich 2 Prozent hielten ein einzelnes Kind für das optimale Familienmodell; lieber – nämlich 8 Prozent – wollte man gar kein Kind haben.

Und dabei mache es keinen Unterschied, sagt François Höpflinger, emeritierter Professor für Demografie und ­Familiensoziologie an der Uni Zürich, ob man auf dem Land oder in der Stadt nachfrage, bei gut oder weniger gut Situierten, besser oder schlechter ausgebildeten. Patchworkmodell? Fremdbetreuung? Mehrsprachigkeit? Gemischtgläubige oder gleichgeschlechtliche Eltern? Scheint alles irgendwie bewältigbar. Aber ein einzelnes Kind? Lieber nicht!

Und wo es doch Einzelkinder gibt, da sind sie oft einer Ausnahmesituation geschuldet: Frauen, die spät Mutter werden, lassen es halt bei einem Kind bewenden. Eine Scheidung macht die weitere Familienplanung obsolet. Oder es will mit dem Zweiten einfach nicht klappen. In China, wo die Einkindpolitik unlängst gelockert wurde, macht sich noch ein weiterer Grund bemerkbar: Dort entscheiden sich Paare oft für nur ein Kind, weil sie sich mehr schlicht nicht leisten könnten.

Das letzte Findus-Plätzli

Das Einzelkind, so scheint es, ist nach wie vor eine Notlösung. Dabei würde die aktuelle Verschiebung der Gesellschaft hin zu einer offenen Familienstruktur gerade für ein solches sprechen. Denn wo sich früher der soziale Austausch hauptsächlich auf die Familie beschränkte, gibt es heute Krippe, Krabbel­gruppe, Muki-Turnen und Vaki-Schwimmen – und fällt also das Handicap der frühkindlich-sozialen Unterbelichtung weg, das man Einzelkindern gerne andichtet. Zu Unrecht, übrigens: Geschwisterlose Kinder sind, so haben Studien gezeigt, besonders darum bemüht, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Müssen sie auch: Tun sie es nicht, sitzen sie nämlich alleine da.

Ihre Sorge ist die Isolation, nicht das Zu-kurz-Kommen. Deshalb greift auch das Bild des selbstsüchtigen Einzelkindes nicht. Denn während sich Geschwister im Alter von drei bis sieben Jahren im Wettstreit um Spielsachen, Kuschel- und Redezeit durchschnittlich dreimal pro Stunde in die Haare geraten, ist Einzelkindern ein solches Gerangel fremd. Glauben Sie mir: Als Geschwisterlose am Mittagstisch einer Grossfamilie zu sitzen und mitzubekommen, wie erbittert da um ein Findus-Plätzli gekämpft wird, kann eine traumatische Erfahrung sein. Kein Wunder, besitzen wir auch als Erwachsene schlechteres Durchsetzungsvermögen. Dafür – wiederum durch Studien belegt – können wir gut teilen: Wir mussten schliesslich nie etwas missen.

Erkenntnisse wie diese sind das täglich Brot der US-Psychologin Toni Falbo. Seit den Siebzigern forscht sie zu Einzelkindern (zudem ist sie selbst eines und hat auch eines). Umso verblüffender ist das simple Fazit, zu dem sie im Buch «The Single-Child ­Family» kommt: «Im Grossen und Ganzen gibt es keine Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern.» Und wo doch, da seien es eher Vorteile: Ungeteiltes elterliches Lob, ebensolche Zuwendung und, ja, auch Erwartungen schlügen sich in besseren Noten und mehr Berufserfolg nieder. Schon 1968 versah die «New York Times» einen ­Artikel über die Apollo-8-Mission mit der Schlagzeile: «Jeder Astronaut ein ­Einzelkind!»

Geschwisterlose haben dieselben Chancen auf eine glückliche Kindheit

Vor diesem Hintergrund mutet es absurd an, wie viele Eltern sich gerade deshalb für ein zweites Kind entscheiden, weil sie Angst haben, ihrem ersten sonst etwas vorzuenthalten oder ihm gar zu schaden. Wieder belegen Studien das Gegenteil: Einzelkinder sehen in ihrer Geschwisterlosigkeit ebenso viele Vorteile wie Geschwisterkinder in ihrer ­Situation zu zweit oder zu mehreren. Und befragt man erwachsene Geschwisterlose, so empfinden sie ihre Kindheit rückblickend als ebenso glücklich wie die Vergleichsgruppe mit Geschwistern.

Nach den Negativpunkten befragt, die das Aufwachsen ohne Geschwister auf ihr Erwachsenenleben habe, nannten die meisten den Druck, die Eltern im Alleingang stolz machen zu müssen, sowie die Sorge um deren spätere Pflege. Auswirkungen auf ihre Sozialkompetenz fanden indes nur marginal Erwähnung.

Der Münchner Psychologe Hartmut ­Kasten bestätigt in seinem Buch «Einzelkinder und ihre Familien»: «Wichtiger für die Ausbildung unserer Persönlichkeit (. . .) ist die Qualität der Eltern-Kinder-Beziehung.» Auch Toni Falbo schreibt: «Das Bildungsniveau und der finanzielle ­Status der Eltern, ihre Werte und ihr ­Erziehungsstil sind für die ­Zukunft eines Kindes viel wichtiger als die Familiengrösse.» Anders ausgedrückt: Geschwisterlose haben dieselben Chancen auf eine glückliche Kindheit wie andere ­Kinder auch.

Ingmar Bergman litt

Und wie sieht es mit den Eltern aus? 2005 ergab eine Befragung von 35 000 Personen in Dänemark, dass Eltern von Einzelkindern sich selbst als zufriedener einschätzen, als dies Eltern von mehr Kindern tun – und auch als solche ohne Kinder. Eigentlich wenig erstaunlich. Wer nur ein Kind hat, macht die erfüllende Erfahrung der Elternschaft mit kleinstmöglichem Stress und ebensolchen finanziellen Einbussen, baut eine intensivere Beziehung zum Kind auf, ohne dabei jene zu Partner und Freunden zu vernachlässigen. Oder, zugespitzt formuliert: Wer Kinder haben und ein möglichst zufriedenes Leben führen will, sollte nach einem Kind aufhören.

Warum also unterscheidet sich die (dänische) Familienrealität derart stark von der (Schweizer) Wunschvorstellung? Kann es sein, dass – wie Psychologe Kasten unlängst gegenüber der «Zeit» spekulierte – die Politik kein ­Interesse daran hat, die Theorie vom glücklichen, glückbringenden Einzelkind an die grosse Glocke zu hängen? Weil dies die Geburtenrate senken würde? Und irgendjemand schliesslich der Überalterung der Gesellschaft entgegenwirken, sich um anfallende Arbeit und, vor allem: Renten kümmern muss?

Regisseur Ingmar Bergman jedenfalls dürften Renten und Überalterung herzlich egal gewesen sein, als er die Geburt seiner Schwester einst folgendermassen beschrieb: «Eine fette, missgestaltete Person spielte plötzlich die Hauptrolle. Ich wurde aus dem Bett meiner Mutter vertrieben, und mein Vater strahlte angesichts des brüllenden Bündels.» Gut möglich, dass Bergman auch in einer Kleinstfamilie glücklich gewesen wäre.

Ich jedenfalls war es, auch wenn ich mir, wie die meisten Einzelkinder, gelegentlich Geschwister gewünscht habe. Weil daraus nichts wurde, verwöhnte ich eben meine Cousins. Das war für mich okay – und für sie sowieso.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2018, 13:03 Uhr

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