Ich habe mich selbst ausspioniert – auf Facebook

Nutzer können alle Daten einsehen, die der Tech-Riese über die Jahre gesammelt hat. Was steht da drin? Ein Selbstversuch.

Zeichnung: Ruedi Widmer

Zeichnung: Ruedi Widmer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Sollte heute Polnisch büffeln, aber mag grad nicht»: Das war meine allererste Handlung auf Facebook, eine Statusmeldung. 11 Jahre ist das her. Seither benutze ich das soziale Netzwerk regelmässig. Als Kommunikationsmedium, als Informationsquelle, als Fotoalbum und als Zeitvertreib. Wie die meisten der 2,2 Milliarden User habe ich mir dabei nie gross Gedanken um die Sicherheit meiner Daten gemacht. Auch als bekannt wurde, dass Facebook Daten von 87 Millionen Nutzern unzulässiger­weise der Polit-Beratungsfirma Cambridge Analytica hatte zukommen lassen. So what? War ja nicht betroffen. Wird schon nicht mehr vorkommen.

Nach dem Datenskandal gab Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor einem Kongressausschuss den Geläuterten: «Uns unterlaufen Fehler, aber wir wollen diese schnellstmöglich reparieren.» Mehrfach verwies er während des Verhörs auf eine Funktion namens «Download Your Information». Damit können User sämtliche persönlichen Daten herunterladen, die von ihnen auf Facebook gespeichert sind. Zwar gibt es das Tool seit Jahren, aber Zuckerbergs Transparenzoffensive hat es erst richtig bekannt gemacht; inzwischen ist es prominenter positioniert.

42,6 Megabyte Daten

Welche Daten sammelt Facebook? Was steht Heikles von einem drin? Einige amerikanische IT-Journalisten haben die Probe aufs Exempel gemacht. Auch Wikileaks-Gründer Julian Assange rief User dazu auf, ihre Daten zu überprüfen. Also habe ich das auch getan, wobei mich besonders die Frage interessierte, was es mit einem macht, wenn man sein ganzes digitales Leben fein säuberlich vor sich aufgelistet hat.

30 Sekunden: So lange dauerte der Download, dann hatte ich einen 42,6 Megabyte schweren Zip-Ordner namens «facebook-philippezweifel» auf meinem Desktop. Darin waren 24 weitere Ordner, der erste hiess «about you». Drei Files waren in diesem Ordner, eines davon war eine Telefonliste mit allen Facebook-Freunden, die offenbar eine Nummer bei Facebook hinterlegt hatten. Ein weiteres File hiess «friend peer group» und enthielt einen einzigen Satz: «Established Adult Life». Dies ist die Kategorie, in welche mich das Netzwerk aufgrund meiner Daten eingeteilt hat. «Im Erwachsenenleben angekommen» – ein erstaunliches Kompliment, bin ich doch Mitglied von Gruppen wie «Playstation Fanclub» oder «Lebowski & Dudeism». Aber vielleicht hat die Gruppe «Natur & Tierschutz» den Ausschlag gegeben.

Im «friends»-Ordner fand ich eine Liste mit allen Facebook-Freunden, 582 in meinem Fall. Ich erfuhr, wen ich und wer mich angefreundet hatte – und wen ich abgelehnt hatte. Die neusten Bekanntschaften waren zuoberst gelistet. Ich scrollte runter, um meinen ersten Facebook-Freund zu eruieren und war erfreut, jemanden anzutreffen, der auch im richtigen Leben zu meinen besten Freunden zählt. Denn auch das verrät die Analyse des Daten-Downloads: In den ersten Jahren war Facebook eine Plattform für Bekannte und Freunde. Mit jedem Jahr mutierte es mehr zu einem Netzwerk von Berufskollegen und Pseudofreunden.

Ich klickte auf weitere Ordner. Bei den Fotos irritierte, dass einige Webcam-Aufnahmen gelistet waren, die ich gar nie veröffentlicht, sondern eigentlich gelöscht hatte. Laut Facebook eine Fehlfunktion, die man beseitigen wolle. Auch interessant war der Ordner «ads», Werbung. Darin listet Facebook Werbekategorien, die mit meinem Profil verknüpft sind: «Häuser», «Erziehung», «China» und «FCZ». Facebook listet weiter Anzeigen, auf die ich angeblich geklickt habe – und da ist eine Liste von Werbetreibenden, von denen Facebook sagt, dass sie meine Kontaktdaten haben. Auch Rückschlüsse aus diesen Daten macht das soziale Netzwerk: Ich sei ein Freund von Expats, benutze Gmail, reise oft und sei technologiefreundlich.

Diese Datensammelei ist nicht illegal. Facebook verdient Geld, indem es die Interaktionen der User und ihrer Freunde verfolgt, um herauszufinden, um was für eine Person es sich handelt. Aus diesen Informationen werden zielgerichtete Anzeigen generiert, an denen die Leute vermutlich interessiert sind. Kurz, bei Facebook ist der User nicht Kunde, sondern das Produkt. Das ist keine neue Erkenntnis, aber die meisten sind sich ihrer kaum bewusst – oder es ist ihnen egal.

Aussteigen? Ausmisten!

Nach dem Werbe-Ordner und seinen zahlreichen Sub-Ordnern und Listen klickte ich auf den Ordner mit Bildern, die ich online gestellt hatte, aber auch solche, in denen ich getagt worden bin. Die chronologische Auflistung, die meine letzten zehn Jahre als Diashow Revue passieren liess, löste zuerst nostalgische Gefühle aus. Die alte WG! Das braune Tweedjackett, das mir zu eng geworden ist! Aber anders als im Fotoalbum meiner Mutter sind die Aufnahmen unkommentiert und schon gar nicht kuratiert, was mich schnell das Interesse verlieren liess und mich sogar etwas deprimiert zurückliess: Ist mein Leben wirklich so un­ästhetisch und banal?

Das Beste an der guten alten Zeit ist, dass sie Vergangenheit ist – an diesen Spruch erinnerte ich mich, als ich mir den Ordner mit meinen Statusmeldungen und Kommentaren vornahm. Ältere Einträge sind vor allem lustig gemeint, neuere eher provokativ oder politisch gefärbt. Der Download-Ordner ist auch eine Erinnerung daran, was das Klima auf Social Media heute häufig ausmacht: Ego-Marketing und Originalitätszwang.

Steige ich nun aus? Nein. Auf sporadische Besuche bei Facebook möchte ich nicht verzichten, weil ich leider zu jenen gehöre, die Angst haben, etwas zu verpassen. Ausserdem hinterlässt man nicht nur bei Facebook digitale Spuren, sondern überall im Internet. Nach dem Studium meiner Daten bin ich aber vorsichtiger, was ich Facebook anvertraue; ich interagiere nicht mehr planlos oder klicke Werbeflächen an. Und vieles, das mir heute peinlich ist, etwa Partybilder, habe ich gelöscht. Ob es von Facebooks Servern weg ist, bezweifle ich allerdings.

Vielleicht miste ich meine Freundesliste aus, sicher akzeptiere ich nicht mehr jede Anfrage. Auch will ich keine Fotos mehr raufladen und mache nicht mehr bei endlosen Chats mit, die sinnlose Grabenkämpfe sind, die im richtigen Leben wohl viel weniger verhärtet ablaufen würden.

Nein, dann noch lieber Polnisch büffeln.

So laden Sie Ihre Facebook-Daten runter: Einstellungen > Allgemeine Kontoeinstellungen > Deine Facebook-Informationen > Deine Informationen herunterladen

Erstellt: 25.09.2018, 18:07 Uhr

Artikel zum Thema

Geschockte Ex-Mitarbeiterin verklagt Facebook

Eine ehemalige Mitarbeiterin von Facebook soll nach dem Sichten von verstörenden Inhalten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Mehr...

So macht Facebook Tinder Konkurrenz

Der Social-Media-Gigant stösst in einen weiteren Markt vor: Das Netzwerk wird jetzt auch zur Dating-App. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bauernprotest: In den Niederlanden haben Tausende von Bauern mit Traktoren den Verkehr blockiert. Ihr Protest richtet sich gegen die Anschuldigung, dass sie für die Stickstoffbelastung verantwortlich sind. (16. Oktober 2019)
(Bild: Koen Van Weel/EPA) Mehr...