«Wir sind ein Voodoo-Uhrwerk»

Der international bekannte Pianist Nik Bärtsch hat mit seiner Band Ronin eine eigene musikalische Sprache entwickelt.

Kleider von Christa de Carouge sind für Nik Bärtsch wie seine Musik: Minimalistisch, präzis, mit Liebe zum Detail. Foto: Sabina Bobst

Kleider von Christa de Carouge sind für Nik Bärtsch wie seine Musik: Minimalistisch, präzis, mit Liebe zum Detail. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Glatzkopf, schwarze wehende Mönchsgewänder. Er fällt auf, auch wenn er nicht Klavier spielt. Mit seiner Band Ronin ist Nik Bärtsch eigene Wege gegangen. Heute ist der 46-Jährige bis in die amerikanische Jazzszene bekannt; beim Label ECM hat er eben sein neues Album «Awase» veröffentlicht.

Bärtsch ist trotz seines internationalen Erfolgs in seiner Heimatstadt Zürich verwurzelt geblieben. Seit vielen Jahren spielt er hier jeden Montag im Exil-Club. Die eigene Musik nennt Bärtsch Zen-Funk oder Ritual Groove Music. Und geduldig arbeitet er weiter an der Veredelung seiner Klänge.

Wie erklären Sie das Echo, das Ihre Musik bis nach Amerika auslöst?
Wir haben mit Ronin eine ganz eigene Sprache entwickelt, die zudem kommunikativ ist wegen ihrer Grooves. Grooves haben nicht nur etwas Aufladendes, sie stiften auch Gemeinschaft.

Sie stiften Gemeinschaft?
Ja. Groove ist fast eine Art Lebenshaltung. Man ist über die Beats in Kommunikation miteinander in der Band und auch mit dem Publikum. Man schwingt miteinander.

Hat Ihr mönchisches Aussehen mit einer radikalen Haltung zu tun, die auch in Ihrer Musik steckt?
Für mich hat das zuerst mit Design, Mode und Grafik zu tun. Die Schweiz hat eine grosse Tradition des minimalistischen Designs. Das Beschränkende kann man immer als mönchisch ansehen, aber es hat auch mit Sorgfalt, Präzision und Liebe zum Detail zu tun. Meine Mutter war im Modebusiness, mein Vater Grafiker. Von ihnen kenne ich die Liebe zum einfachen Strich. Das spielt auch in der Musik eine Rolle. In Amerika, bei der Ronin-Tour Anfang Mai, hat ein Kritiker zu unserer Musik geschrieben: Ronin ist die Helvetica-Schrift der Musik. Das trifft es sehr gut: Sie ist klar, einfach, unverkennbar.

Das ist besonders schweizerisch?
Ja. Ich empfinde Präzision, Veredelung und Innovation als urschweizerisch. Jemand sagte in den USA auch, Ronin sei ein Schweizer Voodoo-Uhrwerk. Ich fand das plötzlich interessant und nicht mehr nur ein blödes Klischee. Ich rede ja ständig von Grooves und Groove-Überlagerungen. Und diese haben viel mit der Präzision einer Uhr zu tun.

Und Veredelung und Innovation?
Ich verschenke im Ausland gern Sprüngli-Schokolade. Bei der Schokolade findet man diese Veredelung, die wir auch in unserer langjährigen Arbeit bei Ronin suchen. Die Ausgangsstoffe der Schokolade kommen ja nicht aus der Schweiz. Die Veredelung aber passiert hier. Und das hat auch mit Innovation zu tun. Man sieht dieses Prinzip auch bei der ver­storbenen Modeschöpferin Christa de Carouge: Ihre Stoffe kommen vielleicht aus Japan – aber erst Christa machte die Kleider zu dem, was sie sind.

Sie selber tragen Kleider von ihr.
Ich bin eben kein japanischer Mönch, ein solcher sieht anders aus. Christa de Carouge kam aus einer Tradition der Zürcher Kunstgewerbeschule, in der auch meine beiden Eltern standen. Es ist eine schweizerische Tradition der Grafik und des Designs.

«Musikalisch lebe ich auf dem Planeten Musik.»

Früher sahen Sie sich in Ihrem Zen-Funk eher von Japan inspiriert als von der Schweiz.
Japan ist eine wichtige Inspiration. Ich lernte von meiner Mutter früh das Meditieren, war später auch längere Zeit in Japan. Das zeigt übrigens: Du musst aus deinem Land weggehen, damit du wieder zurückkommen kannst. Ich sagte aber immer auch, ich will hier in Zürich etwas verändern. Ich finde die Aussagen des österreichisch-amerikanischen Jazzmusikers Joe Zawinul falsch, die Schweiz sei musikalisch ein uninteressanter Fleck. Ich habe ganz viel in der Schweiz gelernt. Und du kannst extrem gut hier arbeiten!

Was finden Sie an der Schweiz noch interessant?
Die Schweiz liegt in der Mitte Europas, und dadurch, dass du so frei bist und keine Tradition hast, kannst du eigentlich alles entwickeln. Du kannst alles verbinden, niemand bindet dich an etwas. Diese Form von Identität ist unheimlich spannend. Ich lebe in der Schweiz, arbeite hier, beteilige mich auch an der Gemeinschaft. Dabei ist aber wichtig: Musikalisch lebe ich auf dem Planeten Musik! Und wir haben auf diesem Planeten mit Ronin und unserem Dialekt eine eigene Gegend ­kultiviert.

Dieser Dialekt tönt im Klangbild tatsächlich kaum eine Sekunde nach einer spezifisch schweizerischen Musiktradition.
Ich kann mich eben auf nichts aus der musikalischen Geschichte der Schweiz beziehen.

«Musikalisch lebe ich auf dem Planeten Musik»: Nik Bärtsch mit seiner Band Ronin. Video: ECM (Youtube)

Wir haben in der Schweiz einen pulsierenden Musikbetrieb, aber es fehlt uns eine wirklich eigene Musiktradition.
Dafür war die Schweiz immer ein internationaler Umschlagplatz für Musik und allerlei kulturelle Strömungen. Wo der französische Komponist Debussy als urbaner Mensch an der Pariser Weltausstellung 1889 konfrontiert wurde mit anderen Kulturen, da vollzog sich in der Schweiz Ähnliches eigentlich permanent. Wir haben in unseren urbanen Zentren so etwas wie eine permanente Weltausstellung! Das war unsere Chance! Alle Musiker ziehen durch die Schweiz. Ich denke da an Flüchtlinge wie Richard Wagner, der im 19. Jahrhundert aus Deutschland kam, oder an Igor Strawinsky. Durch ihre Geschichte in der Mitte Europas war in der Schweiz immer alles da.

Auch Jazzbands waren in der Schweiz früh zu hören ...
Louis Armstrong sogar schon in den 30er-Jahren. Dieses Moment der Weltausstellung ist eine extreme Stärke der Schweiz. Und alles ist dabei unideologisch. Ich tue niemandem weh, wenn ich mich nicht in eine bestimmte Tradition stelle oder wenn ich eine bestimmte Tradition anzapfe. Wir haben mit Ronin bislang in 50 Ländern gespielt. Als Schweizer wirst du politisch bezeichnenderweise nie seltsam eingeordnet. Du bist einfach da. Man muss aber eine Credibility aufbauen und diese erst beweisen, was wiederum auch etwas Schweizerisches ist: diese engagierte Neutralität, die nicht nur eine passive Neutralität ist.

Ist es bei einer fehlenden Musiktradition nicht schwieriger, in ein Feu sacré für die Musik hineinzukommen? Eine Tradition kann einen ja auch anschieben, bestärken.
Sie kann dich auch ersticken. Ich kenne viele Musiker, die nicht aus der Tradition herauskommen.

Sie können sich also nicht von angestammten künstlerischen Konzepten befreien?
Genau. Und diese Chance bietet die Schweiz gerade. Ich habe das in Amerika gemerkt. Die fragten dort: Wo zum Teufel kommt ihr her? Ihr spielt, als hättet ihr eine starke Tradition!

Sie haben diese einfach selber gebaut.
Ja. Ich spüre dabei auch eine starke Bindung im Sinne einer familiären Tradition, wo wir in diesem Gespräch bislang vor allem vom kulturellen Umfeld der Schweiz sprachen. Mein Grossvater war Chef der Knabenmusik Zürich. Er sagte gern: «Musik ist der Himmel auf Erden.» Und die Hingabe meiner Mutter: Selber machen!, sagte sie immer. Es gibt ja Individuelles, Kulturelles und Universelles. Mich haben auch individuelle Traditionen genährt. Und wenn du es schaffst, etwas Universelles daraus sprechen zu lassen, dann funktioniert es nachher überall. Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» kannst du überall bringen.

«Ritual Groove Music»: Nik Bärtsch und seine Band Ronin live. Video: Nik Bärtsch (Youtube)

Sie nannten ein früheres Ihrer Projekte «New Traditions». Kann eine junge Kunst so authentisch wirken wie eine traditionelle?
Was bedeutet traditionelle Kultur? Der Kampf, den die Amerikaner in der Malerei hatten, bis sie eine eigene sogenannte Tradition gefunden haben, wäre da ein Thema! Wir waren mit Ronin auch in Philadelphia. Da hängt die berühmte Glocke Liberty Bell, die 1776 aus Anlass der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung geläutet wurde. Uns erschien es, dass die Amerikaner heute ihre junge Geschichte so beleuchten, als wäre sie 1000 Jahre alt.

Auch die afroamerikanische Musikgeschichte beginnt spät, Blues und Ragtime so um 1900. Es braucht für eine Traditions­bildung in der Musik keine 1000-jährige Geschichte.
Genau.

Aber vielleicht doch 50, 60 Jahre.
Da sind wir dran! (lacht) Ich finde es auch interessant, wie Joe Zawinul sich als Jazzmusiker erklärte, der im Blues verwurzelt ist. Er, der aus Wien stammte, argumentierte, er komme aus einer Zigeunertradition: Der Blues sei so schon immer in ihm drin gewesen. Er wollte damit sagen: Ich bin auch dann authentisch, wenn ich in den USA Blues spiele. Ich meinerseits sage: Was wir machen, kommt aus unserer eigenen Tradition – im Sinne unserer Familie, unseres gesellschaftlichen Umfelds, unseres Landes, des Planeten Musik.

Diese Identität halten Sie den Amerikanern auch im Jazzbereich entgegen?
Ja. Die Amerikaner sind daran, den Jazz für sich als ihr Erbe zu reservieren. Mir sagte der US-Botschafter in Bern bei einem Arbeitsvisa-Antrag für Konzerte in Amerika: Ah, ihr seid Jazz­musiker! Unsere Tradition! Dabei haben wir als Europäer einen Teil der Jazz­entwicklung mitgeprägt. Jazz ist eine euro-afroamerikanische Erfindung. Gerade unseren Zen-Funk gibt es in den USA so nicht. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, Schweizer zu sein. Manfred Eicher, der Chef unseres Labels ECM, sagte mir einst: «Es ist mir egal, woher jemand kommt, wenn die Musik interessant ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2018, 21:26 Uhr

Nik Bärtsch

Jazzmusiker

Der Komponist, Pianist und Musikproduzent Nik Bärtsch wurde 1971 in Zürich geboren. Er schloss die Zürcher Hochschule der Künste mit dem Klavierdiplom ab. Seit 2001 ist er mit seiner Band Ronin unterwegs und seit 2005 unter Vertrag beim renommierten Label ECM. Bärtsch studierte in Zürich Philosophie und ist ausserdem Mitgründer und -besitzer des Clubs Exil in Zürich. (Red)

Artikel zum Thema

Spitzen-Groove

Um Tempo und Energie dreht sich der vierteilige Balettabend. Höhepunkt ist Dialogos. Auch weil die Musik von Nik Bärtsch stammt. Mehr...

Der Zürcher Jazz-Überflieger

Der virtuose Pianist Nik Bärtsch über musikalische Veränderungen, Entwicklungsverläufe und zum ECM-Chef Manfred Eicher. Mehr...

Die besten Pfingstpartys

Das verlängerte Wochenende verbringen wir im Club. Ob Chansons oder Goa, an diesen Partys tanzt es sich am besten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Versteckspiel mit dem TV

Tingler Immer schöner

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Seit Tagen harren auf einem Rettungsschiff 629 Flüchtlinge aus. Spanien hat sich nun bereit erklärt, das Schiff im Hafen von Valencia anlegen zu lassen, nachdem Italien die Einfahrt in seine Häfen verweigert hatte. (16. Juni 2018)
(Bild: Karpov/SOS Mediterranee/handout ) Mehr...