«Zu vielen fehlt das Leistungsethos»

Evi Hartmann beklagt in ihrem Buch «Ihr kriegt den Arsch nicht hoch» die Anspruchsmentalität.

«China wird die Länder, wo sich Leistungsverweigerer durchsetzen, überholen»: Schüler stehen in Achtungsstellung auf dem Tiananmen Platz in Peking. Bild: Keystone/Vincent Thian

«China wird die Länder, wo sich Leistungsverweigerer durchsetzen, überholen»: Schüler stehen in Achtungsstellung auf dem Tiananmen Platz in Peking. Bild: Keystone/Vincent Thian

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sagen, es gebe immer mehr Leute, bei denen Anspruchshaltung und Leistungsbereitschaft weit auseinander liegen. Woran liegt das?
Die Anspruchsmentalität vieler Menschen wird gefördert von einer Erziehung, die alles lobt, was das Kind macht. Sie wird gefördert von Schulklassen, in denen wegen der schwachen Schüler die Leistung der starken Schüler behindert und marginalisiert wird. Es geht weiter an den Universitäten, wo viele Studierende sich nicht in den Stoff reinknien, sondern vielmehr eine schöne Zeit am Campus haben wollen – nichts dagegen! Aber es fördert nun mal keine Leistungskultur.

Zumindest mit dem ersten Job muss dann aber jeder seine Leistung bringen, einverstanden?
In den Unternehmen wird eben auch nicht vollflächig gegen die Anspruchskultur angegangen. Führungskräfte sind zum einen damit oft überfordert. Zum anderen ist der Fach- und Führungskräftemarkt leer gefegt. Also stellt man auch Leute ohne grosses Leistungsethos ein.

Übertreiben Sie da nicht? Es gab doch schon immer Macher, Trittbrettfahrer und solche, die sich aktiv verweigerten.
Dieses Phänomen gibt es tatsächlich seit jeher. Unsere Zeit zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass die Voraussetzungen für Leistungsvermeidung nie besser waren als heute. Heute hat jemand, der viel Belohnung für wenig Leistung möchte, einfach viel mehr Gelegenheiten, das auszuleben.

«Ein Mensch, der unter seinen Möglichkeiten und erworbenen Fähigkeiten bleibt, kann nicht glücklich sein.»

Gibt es bestimmte Gruppen, die besonders auffallen?
Die Misere geht durch alle Altersgruppen, durch alle Hierarchieebenen und durch sämtliche Organisationsformen, von der Familie über Schulklassen und Vereine, Abteilungen und Unternehmen bis hin zu Behörden, Ämtern und Regierungen.

Vor allem die Millennials gelten als arbeitsscheu. Vielleicht verstehen sie aber Einsatz einfach anders: Sie sind bereit zu voller Leistung – aber nur in vorgegebener Arbeitszeit.
Das ist richtig. Dass die Generation Y leistungsschwach sei, ist ein Medienmythos. Wenn dem so wäre, gäbe es keine Start-ups. Und es geht ja gar nicht um Arbeitszeit. Es geht um Leistung. Also um das, was man in einer definierten Arbeitszeit zu erledigen bereit und willens ist. Und da gibt es in jeder Generation eben grosse Unterschiede. Ich verwende den Begriff «Leistungsträger». Das sind jene Menschen, die sowohl in Arbeit wie Freizeit das volle Potenzial ihrer Möglichkeiten ausschöpfen – weil es ihnen Spass macht und zu einem erfüllten Leben beiträgt. Ein Mensch, der unter seinen Möglichkeiten und erworbenen Fähigkeiten bleibt, kann nicht glücklich sein.

Wenn sich die Vorstellungen der Generation Y durchsetzen, dann würden davon auch berufstätige Eltern profitieren. Sie sind in der Regel zeitlich nicht so flexibel, aber mindestens so engagiert.
Es wäre wirklich zu begrüssen, wenn alle Vorgesetzten von Müttern – und von Vätern – verstehen und praktizieren würden, dass nicht die reine Arbeitszeit zählt, sondern die Leistung, die man in dieser Zeit erzielt.

Die Zeiten haben sich aber geändert. Mitarbeitende sind heute selbstbewusster. Sollten Chefs nicht, anstatt zu befehlen, erklären, weshalb sie etwas verlangen?
Wenn man mir als Arbeitnehmer erklären muss, wozu ich den Job mache, den ich selbst gewählt habe, bin ich am falschen Platz. Den Sinn meiner Arbeit muss ich schon selber verstanden haben. Das ist, denke ich, selbstverständlich – für Leistungsträger.

«Wenn man mir als Arbeitnehmer erklären muss, wozu ich meinen Job mache, bin ich am falschen Platz.»

Ist der verbreitete Wunsch nach Work-Life-Balance für Sie nicht nachvollziehbar?
Aber selbstverständlich. Es ist völlig richtig, dass Arbeit Ausgleich braucht. Doch das aktuelle Verständnis von Work-Life-Balance geht häufig in die falsche Richtung: «Work» wird als Gegensatz zu «Life» betrachtet. Als Übel, das es zu minimieren gilt. Doch es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine friedliche und produktive Co-Existenz. Das Ziel ist es, mehr Leben in die Arbeit zu bringen und die Übergänge zwischen Arbeit und Leben harmonischer und verträglicher zu gestalten.

Wie sorgen Sie für Ihre persönliche Work-Life-Balance?
Das ist im Grunde herzlich einfach: Indem mir alles Spass macht, was ich mache. Natürlich wähle ich möglichst Aufgaben, in denen ich mich ausleben kann. Aber bei allen anderen Aufgaben suche ich eben so lange nach Zielen, die mir entsprechen, bis ich fündig werde. Und zum Ausgleich für das alles habe ich meine vier Kinder und schreibe Bücher.

«Erziehung besteht vielmehr darin, den natürlichen Schaffensdrang von Kindern nicht durch unnötige Regularien einzuschränken.»

Sie sind dank Ihrer guten Ausbildung privilegiert. Vielleicht sind viele Arbeitnehmer einfach frustriert, weil ihre Aufgaben oft so sinnlos sind, und verweigern deshalb die volle Leistung.
Natürlich gibt es Jobs, die repetitiv, anspruchslos, geisttötend und monoton sind. Dass selbst hoch motivierte Menschen daran die Lust verlieren, ist unvermeidlich und menschlich. Darum geht es aber nicht. Es geht um abwechslungsreiche und anspruchsvolle Aufgaben, die selbst gerade gut ausgebildete und gut bezahlte Menschen nur mit angezogener Handbremse erledigen, weil Leistung für sie kein Parameter ist.

Was sind die Folgen, wenn sich immer weniger Leute voll einsetzen?
Kaum eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit wird gemeistert werden können: Der Klimawandel kann nicht aufgehalten werden, weil seine Abwendung herausragende Anstrengung erfordert. Die Digitalisierung der Wirtschaft verschleppt sich oder wird verschlafen. Multiresistente Keime machen sich breit. Europäische Grossstädte versinken in Smog und Verkehrslärm. Die Länder, in denen die Leistungsverweigerer die Oberhand gewinnen, werden von China und anderen Ländern, die heute noch als Schwellenländer gelten, überholt werden. Denn China und andere asiatische Länder pflegen seit Jahrhunderten ein starkes Leistungsethos.

Wie treiben Sie eigentlich Ihre Kinder zu Leistung an?
Wenn ich das tun müsste, würde ich etwas falsch machen. Erziehung besteht vielmehr darin, den natürlichen Schaffensdrang von Kindern nicht durch unnötige Regularien einzuschränken. Wichtig ist auch: Nicht immer nur Ergebnisse belohnen, weil kein Mensch Ergebnisse zu hundert Prozent beeinflussen kann. Deshalb anerkenne ich bereits Leistungsbereitschaft und Leistung, wo immer sie sich zeigt. Und bei Kindern zeigt sie sich noch oft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 18:14 Uhr

Evi Hartmann
Ökonomin und Autorin
Evi Hartmann, Jahrgang 1973, ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der ­Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und hat vier Kinder. Kürzlich ist ihr Buch «Ihr kriegt den Arsch nicht hoch. Über eine Elite ohne Ambition» erschienen, Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 2018. 222 S., ca. 28 Fr. (Red)

Artikel zum Thema

Primarschüler für den Arbeitsmarkt fit machen

Deutsch und Rechnen am Computer und Leistungsklassen: So wollen Wirtschaftsvertreter den Unterricht umkrempeln. Mehr...

«Gefühle helfen uns, Probleme zu lösen»

SonntagsZeitung Empfindungen am Arbeitsplatz haben zu Unrecht einen schlechten Ruf, sagt die Unternehmensberaterin und Autorin Vivian Dittmar. Mehr...

Bei Anruf Stress

In kaum einer Branche werden Angestellte so streng überwacht wie in Callcentern. Das Mithören von Anrufen gehört zum Alltag – und setzt die Mitarbeiter unter Druck. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Sichtlich fasziniert: Ein Besucher blickt auf eine Kreation, die zur Eröffnung der grossen Ausstellung «Viktor und Rolf: Modekünstler 25 Jahre» in der Kunsthal in Rotterdam, Niederlande gezeigt wird. (26. Mai 2018)
(Bild: Remko de Waal) Mehr...