Sein Ort hat einen Namen: Unterwegs

Patrick Devilles 12-bändiges Romanprojekt ist Familien- und Globalisierungsgeschichte zugleich. Beim Basler Literaturfestival stellt er es vor.

Der Kosmopolit der französischen Literatur: Patrick Deville. Foto: Barbara Zanou (Getty Images)

Der Kosmopolit der französischen Literatur: Patrick Deville. Foto: Barbara Zanou (Getty Images)

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Da traut sich einer was. Auf zwölf Romane will Patrick Deville seinen Zyklus «Abracadabra» bringen, zweimal soll es dabei rund um die Welt gehen und von 1860 bis in unsere Gegenwart. Ein gewagtes, aufwendiges Unternehmen, an dem er seit 22 Jahren sitzt. Auch ein anachronistisches? Ist unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht unter dem Dauerfeuer von News und Tweeds so geschrumpft, dass wir längere Strecken gar nicht mehr durchhalten? Die Auflagen von Fantasy-Schmökern oder der «Game of Thrones»-Serie (wohlgemerkt: der Bücher) sprechen allerdings dagegen.

Tatsächlich erlebte der Romanzyklus als Genre seine Blüte in Frankreich vor hundert Jahren. In der Nachfolge von Emile Zolas «Rougon–Macquart» veröffentlichten Autoren wie Romain Rolland, Roger Martin du Gard, Georges Duhamel und Jules Romains sogenannte «romans-fleuves», der letztgenannte brachte es auf 27 Bände. Der Anspruch war, die unendliche Vielfalt der Welt auf dem Papier zu fassen, ein im Grundsatz unlösbares Vorhaben, weil das Ideal die Eins-zu-eins-Entsprechung wäre, ein Unding wie die berühmte Landkarte von Jorge Luis Borges, die so exakt ist, dass sie mit der Wirklichkeit zusammenfällt.

Band sieben führt nach Amazonien

Literatur muss sich konzentrieren, das weiss Patrick Deville, auch wenn das Ergebnis ein Zwölfbänder sein wird. Um Vollständigkeit geht es dem französischen Autor mit Jahrgang 1957 keineswegs, nicht mal um den Anschein davon. Sondern um Zufälle und Konstellationen, Tiefenbohrungen und Zusammenhänge, das Kleinste im Grossen und umgekehrt. Es geht um Details, die, wenn man sie länger anschaut, eine Vergangenheit offenbaren und eine ganze Welt aufschliessen.

Zentralorgan dieses literarischen Grossunternehmens, das im französischen Original bei Band sieben steht («Amazonia», eine Fahrt den grossen Strom hinauf, mit all den Entdeckern und Konquistadoren, bis zur heutigen Zerstörung des Regenwaldes), ist das Hirn des Autor-Erzählers. Dieses Organ wird regelrecht beschossen von Eindrücken, Erfahrungen und Informationen, die es versucht, in eine Ordnung und eine sprachliche Abfolge zu bringen, wobei die Gleichzeitigkeit des Geschehens gewahrt bleiben soll.

«Wie ein Satellit, der auf den Planeten blickt, während er sich dreht, und dabei Millionen von alltäglichen Ereignissen festhält, versuche ich, mit geschlossenen Augen reglos auf diesem Bett liegend, das simultane Geschehen auf der Welt während dieser wenigen Tage festzuhalten.» So lesen wir.

Als da wäre: Am Freitag, dem 24. Mai 1940, wird zum ersten Mal auf Leo Trotzki geschossen; bereitet sich Devilles Grossvater Paul auf einen Nachtmarsch in die Bretagne vor; bebt die Erde in Lima, 249 Menschen sterben; wartet Alexandre Yersin auf den letzten Flug nach Saigon; richtet sich Devilles Grossmutter mit ihren beiden Kindern am Zufluchtsort Bram in Südfrankreich ein.

Ein Fabulierer will Deville nicht sein, «romans sans fiction» nennt er das, was er schreibt. Aber süchtig machen kann er schon.

Eine Momentaufnahme aus dem Roman «Taba-Taba», dem sechsten des Zyklus, dem jüngsten, der auf Deutsch vorliegt (hervorragend übersetzt von Sabine Müller und Holger Fock, erschienen im Zürcher Bilgerverlag: Auch der traut sich was!). Dieser Band, gewissermassen das Herzstück, kreist um die Familiengeschichte des Autors. Er geht zurück bis ins Jahr 1862, als seine Urgrossmutter Eugénie-Joséphine, «das Mädchen im weissen Kleid», vierjährig mit ihren Eltern von Kairo nach Frankreich reist.

In dieser Zeit, so Deville, beginnt die Globalisierung, und zwar in Gestalt des Kolonialismus, der die europäische Zivilisation in die Welt bringt oder vielmehr diese ihr unterwirft. Den Segnungen und Verheerungen dieser Unterwerfung geht der Autor in den Romanen des Zyklus nach, folgt Gestalten wie dem Abenteurer William Walker nach Nicaragua («Pura vida»), dem Entdecker Pierre Savorgnan de Brazza in den Kongo («Äquatoria»), Alexandre Mahout, der die Ruinen von Angkor Wat fand («Kambodscha») oder dem Schweizer Alexandre Yersin, der 1894 in Hongkong den Pestbazillus isolierte («Pest und Cholera»). Eine Urenkelin Yersins ist Devilles Lebensgefährtin, so viel zu den Zufällen des Lebens und den Wirkungen der Literatur: Der Roman brachte sie zusammen.

«Taba-Taba» ist Familienroman – ausgehend vom Drei-Kubikmeter-Archiv einer sammelwütigen Tante – und Globalisierungsgeschichte, erzählt und jeweils vor Ort konsultiert. Denn Patrick Deville reist den Nachwirkungen französischen Einflusses wie den Spuren seiner Gross- und Urgrosseltern nach, was ihn rund um die Welt und quer durch Frankreich führt, und zwar das Frankreich der Kleinstädte und Dörfer, die man heute «abgehängt» nennt; auch das registriert der Autor aufmerksam.

Hier wuchs Patrick Deville auf: Das Tor zur Anstalt von Mindin bei Saint-Nazaire.

«Die Fahrt von Soissons nach Bram, unterbrochen von einem Abstecher nach Cuzco», liest man an einer Stelle, die globale Spurensuche und das private Reenactment überkreuzen sich beständig. Der Ort, von dem aus Patrick Deville Welt- und Familiengeschichte in den Blick nimmt, hat einen Namen: unterwegs. Und die fast manische Reisetätigkeit eine biografische Wurzel. Der kleine Patrick musste nach einer komplizierten Hüftoperation ein Jahr in einem Gipsbett liegen. Dort machten ihn die Erzählungen der Tante und ein farbiger Atlas süchtig nach fernen Orten.

Die Kindheit verbrachte Deville im doppelten Sinn «huis clos», an einem geschlossenen Ort: Er wuchs als Sohn des Verwalters einer psychiatrischen Anstalt bei Saint-Nazaire auf, seine ersten Gefährten waren die «Irren». Darunter ein besonderer, der dem Buch den Titel gab: «Taba-taba-taba» murmelte dieser Alte, es waren die einzigen Worte, die er von sich gab und deren Bedeutung der Autor nur vermuten kann. Eine Erinnerung an einen Aufstand in Madagaskar, 1947, den der Mann, einst Soldat, niederzuschlagen half?

Der Krieg ist einer der roten Fäden dieses Romanknäuels. Dreimal marschierten deutsche Soldaten in Nordfrankreich ein, wo die Familie ursprünglich lebte. Deville glaubt an sich ein ererbtes Trauma festgestellt zu haben, die Scham, anstelle eines Gefallenen zu leben. Er beruft sich dabei auf die Zürcher Neurogenetikerin Isabelle Mansuy, die dazu geforscht hat.

Alles hängt irgendwie mit allem zusammen

Taba-Taba: Die Worte durchziehen den Roman wie eine Beschwörung, immer wieder kehrt Deville zu seiner Kindheit zurück. Sie ist ein Fix- und Fluchtpunkt in dem Chaos, zu dem die Überfülle an Wissen, Erfahrung, Forschung und Lektüre immer wieder zu zerfallen droht. Deville setzt sich dieser Gefahr aus – und die Leser auch. Er jagt sie über die Kontinente und durch die Weltgeschichte (alle Themen und Gestalten der vorangehenden Romane leuchten auch in diesem noch einmal auf), führt Dokumente und Briefe auf, beglaubigt das Erzählte durch verbriefte Fakten.

Ein Fabulierer will Deville nicht sein, «romans sans fiction» nennt er das, was er schreibt. Aber süchtig machen kann er schon: süchtig nach dem leichten Schwindel, der uns ergreift, wenn wir lesen, wie alles irgendwie mit allem zusammenhängt, aber gleichzeitig jeder Zusammenhang ein zufälliger ist. So zufällig wie Zeit und Ort unserer Geburt. Zufällig, aber für uns entscheidend und einzigartig. Und irgendwie, glauben wir bei der Lektüre, müssen Patrick Devilles Funde in Cuzco, Peking oder Bamako, in Saint-Quentin und Saint-Nazaire auch mit uns verknüpft sein.

Patrick Deville: Taba-Taba. Roman. Aus dem Französischen von Sabine Müller und Holger Fock. Bilgerverlag, Zürich 2019. 484 S., ca. 38 Fr.

Erstellt: 05.11.2019, 13:38 Uhr

Literaturfestival Basel: Die Höhepunkte

Das Internationale Literaturfestival / BuchBasel findet vom 8. bis 10.November statt.

–Carolin Emcke spricht am 8.11. um 20.30Uhr im Volkshaus über «Ja heisst ja und...»

–Patrick Deville liest am 9.11. um 12.30Uhr im Club im Jazzcampus.

–Navid Kermani liest am 9.11. um
20Uhr im Volkshaus aus seinem Redenband «Morgen ist da».

–Nicolas Mathieu liest aus seinem mit dem Prix Goncourt gekrönten Roman am 9.11. um 20Uhr
im Volkshaus.

–Nobelpreisträgerin Herta Müller spricht am 10.11. um 17Uhr
im Volkshaus über Freiheit und Widerstand im Schreiben.

–Die Nominierten des Schweizer Buchpreises lesen an verschiedenen Orten.

–Der Schweizer Buchpreis wird am Sonntag um 11Uhr im Foyer des Theaters vergeben.

Info: www.buchbasel.ch

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