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Tänzer auf der Flucht

Mithkal Alzghair zeigt seine aus dem syrischen Bürgerkrieg geborenen Choreografien in London, Paris oder Zürich. Zu Hause allerdings fühle er sich nirgends.

Mithkal Alzghairs Katalysator war der Verlust der eigenen Sicherheiten. Foto: Urs Jaudas
Mithkal Alzghairs Katalysator war der Verlust der eigenen Sicherheiten. Foto: Urs Jaudas

«Nicht ohne meinen Bändel», lacht Mithkal Alzghair und umklammert die knallgrüne Kordel um seinen Hals, den Lanyard mit dem Theater-Spektakel-Pass. Dann erzählt der gefragte 36-jährige Choreograf und Tänzer, wieso er sich von seinem Legitimationsausweis auch dann nicht trennt, wenn er auf Zürichs Strassen unterwegs ist.

Als der Syrer nämlich im Juni in Düsseldorf «Displacement» zeigte, das Tanzstück also, mit dem er jetzt in Zürich gastiert, erlebte er hautnah, was «Generalverdacht» bedeutet und «displaced» sein: an einen Ort vertrieben, wo man keine Wurzeln hat und kein Vertrauen geniesst. Mithkal Alzghair schlenderte mit seinem Kompagnie-Kollegen Rami ­Farah entspannt über den Düsseldorfer Hauptbahnhof, als sie plötzlich von vier deutschen Bundespolizisten mit Maschinengewehren umzingelt wurden. Die Beamten sprachen die beiden an, hoben die Waffen, drückten die Männer an die Wand und tasteten sie ab. Und als die Künstler protestierten, fiel ein Satz, für den sich ein Sprecher der Bundespolizei später entschuldigen würde: «Wenn euch unsere Behandlung nicht passt, solltet ihr nach Syrien zurückgehen.»

Adrenalin bei Uniformen

Überall in Europa seien ihm schon ähnliche Dinge zugestossen, erzählt der schlanke, dunkel gelockte, bärtige Typ, der optisch als «typischer Araber» durchgehen könnte und so locker wirkt wie ein Langzeitstudent: am Flughafen in Paris ebenso wie bei der Visa-Behörde in London. Oft habe er auch zusehen müssen, wie andere arabisch aussehende Männer von der Polizei grob angefasst und verbal angegriffen wurden. «Mittlerweile ist es so, dass der Anblick von Uniformierten bei mir einen Adrenalinstoss auslöst.» Überhaupt halte er die verstärkte Polizeipräsenz mit ihren aggressiven Untertönen am Ende für kontraproduktiv, sagt Alzghair.

Seine Ansichten übers freiheitliche Europa habe er etwas nachjustieren müssen, als er herkam. Manche Flüchtlinge hätten ihm vom «höllischen Trip» übers Mittelmeer berichtet und hinzu­gefügt, dass «die eigentliche Hölle in Europa begann, mit dem Warten – auf Papiere, Anerkennung, Arbeitserlaubnis – aufs Menschseindürfen». Noch vor der integrativen Grillparty und dem Multi-kultiball bräuchten Flüchtlinge vor allem eines: die richtigen Papiere. Das ­Gefühl von Sicherheit und Perspektive. Wolle man wirklich etwas verbessern, müsse man die Bürokratie vereinfachen. «Denn du kannst dich nicht öffnen, wenn dein Leben ein einziges Fragen und Zittern ist und keiner sich darum kümmert.»

Kam 2010 legal als Tanzstudent nach Frankreich: Mithkal Alzghair. Foto: Urs Jaudas
Kam 2010 legal als Tanzstudent nach Frankreich: Mithkal Alzghair. Foto: Urs Jaudas

Die Flüchtlinge hätten oft keine Wahl, seien vor Militärdienst oder IS geflohen. Und die arabischen Nachbarländer seien oft nicht gut mit ihnen umgegangen; das Leben in den Camps dort sei un­vorstellbar, ein jahrelanger Stillstand unter schlimmen Bedingungen.

Alzghair selber hat eine andere Geschichte: Er kam 2010 ganz legal als Tanzstudent nach Frankreich. Der Arabische Frühling brach erst aus, als er schon bei der renommierten Choreografin Mathilde Monnier in Montpellier studierte. Sein erster Impuls war, «sofort nach Damaskus zu fahren und zu demonstrieren». Aber er habe realisiert, dass er mit künstlerischen Demonstrationen mehr sagen könne: «Das ist für mich ein Grundbedürfnis.»

Der Bauernsohn aus dem syrischen Bergland hatte das Theater mit zwölf für sich entdeckt, als ein Theaterprofi im Dorf eine Laiengruppe aufzog und der Bub mittun durfte. Doch sie wollten ihn nicht an der Theaterhochschule in Damaskus. Schliesslich probierte Alzghair, in die neu gegründete Tanzakademie aufgenommen zu werden: Was als Notnagel gedacht war, entpuppte sich als Glücksfall. «Ich war ja auf Texte fokussiert, aber mit der Zeit entdeckte ich die Kraft und den Bedeutungsreichtum des Physischen.» Besonders der Contemporary Dance mit seiner Vielfalt und den interdisziplinären Crossover-Möglichkeiten entspricht Mithkal Alzghairs Drang zum Ausdruck.

Video: Das Tanzstück «Displacement»

In dem – für den ZKB-Förderpreis nominierten – Stück «Displacement» verwandeln sich Marschbewegungen allmählich in unterwürfige Krümmungen. Oder ein weisses Tuch der Kapitulation wird im Rhythmus des Tanzes zum schützenden Flüchtlingszelt. Oft ist dabei nur das ­Geräusch der Schritte zu hören, die, wie der Fluss des Lebens, unaufhörlich weiter- und weitergehen – egal, ob man gerade als Sieger der Geschichte unterwegs ist oder als Verlierer. Alzghair offeriert seinen Zuschauern scheinbar leicht lesbare Ausgangspunkte wie eben ein weisses Tuch, um sie mit Repetitionen und Variationen zu abstrahieren – auf einen allgemeineren Level zu heben: ins Offene. «Ich habe in ‹Displacement› auch mit vielen Elementen des syrischen Volkstanzes gearbeitet, die transformiert werden zu einem universellen Bild des Menschen.»

Kein Ausweg für Syrien

Katalysator dafür war der Verlust der eigenen Sicherheiten. Aus dem syrischen Tanzstudenten wurde mit der Niederschlagung der Arabellion ein Asyl­bewerber. Er hätte sonst für Assad die Soldatenuniform anziehen müssen. Seit sieben Jahren hat Alzghair seine Familie nun nicht mehr gesehen. «Meine Identität stand infrage, ich hatte keinen festen Ort als Bezugspunkt mehr.» Er suchte ihn in traditionellen Tänzen, die er in ihre Bestandteile zerlegte und neu zusammensetzte und in den Kontext einer körperlichen Bürgerkriegsrhetorik stellte. «Durch so eine Dekonstruktion geht jeder, der sich in der Fremde neu definieren muss.» Darüber tanzen in «Displacement» zwei Syrer und ein Türke: Auch wenn Alzghair den ersten Teil des Abends allein bestreitet, hatte er ihn von Anfang an als überpersönliches Gemeinschaftsprojekt angedacht.

Humanität ist alles, was bleibt, sagt der Mann, der aus einer Drusen-Familie stammt. «Zu Hause fühle ich mich aber nirgends.» Hatte er 2011 und 2012 noch auf die westlichen Mächte gehofft, traut Mithkal Alzghair der Politik und ihren Akteuren nicht mehr. Der Syrer sieht derzeit keinen Ausweg für sein Land: «Displacement» wird noch lang aktuell sein.

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