Asterix und Obelix: Es geht auch ohne Greta Thunberg

Die Gallier bekommen es im neuen Comic mit einer aufmüpfigen Teenagerin zu tun. Ein gelungenes Abenteuer!

Kein bisschen auffällig: Asterix und Obelix sollen die rothaarige Adrenaline beschatten. Foto: © 2019 Les Éditions Albert René

Kein bisschen auffällig: Asterix und Obelix sollen die rothaarige Adrenaline beschatten. Foto: © 2019 Les Éditions Albert René

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Kommen zwei Arverner-Häuptlinge ins gallische Dorf, steuern schnurstracks auf Majestix’ Hütte zu und geben dem Chef mit lispelndem Zungenschlag zu verstehen, dass sie hier eine Jugendliche mit eigenwilliger roter Zopffrisur parkieren müssten. Der Grund: Man müsse nach einem Schiff für Adrenaline, der Tochter von Vercingetorix, suchen, um sie zum Schutz vor den Römern nach London zu bringen. «Beim Teutates!», entfährt es Majestix. Alle andern – ausser Methusalix – verstehen bloss Bahnhof.

Dazu muss man wissen, dass in «Die Tochter des Vercingetorix», dem 38. Asterix-Band, einmal mehr ein wunder Punkt in der Geschichte der Gallier gestreift wird: die Schlacht von Alesia, als man sich von Julius Caesar geschlagen geben musste. Oder wie es sich Majestix schon im Band «Asterix und der Arvernerschild» in Grossbuchstaben vom Leib brüllte: «Alesia? Ich kenne kein Alesia! Ich weiss nicht, wo Alesia liegt! Niemand weiss, wo Alesia liegt!»

Der Name Vercingetorix wird so klein wie möglich gedruckt

Sozusagen als Ehrerbietung an diese Schmach wird im jüngsten Asterix-Band der Name Vercingetorix so leise wie möglich ausgesprochen, also so klein wie möglich gedruckt. Und im Römerlager Babaorum redet ein kurz vor der Pensionierung stehender Zenturio ausschliesslich von diesem «Dings». Das ist schon mal erstaunlich witzig, und man könnte darob fast vergessen, dass ja die Geschichte der Asterix-Abenteuer von einem grossen Graben geprägt ist.

Dass die Qualität der Bände nach dem Tod des Szenaristen René Goscinny 1977 schwer gelitten hat, ist kein grosses Geheimnis. Zeichner Albert Uderzo war als Texter schlicht überfordert. Das seit 2011/12 mit der Nachfolge betraute Duo Jean-Yves Ferri (Szenario) und Didier Conrad (Zeichnungen) tat immerhin sein Bestes, um eine weitere Verwässerung dieses französischen Nationalheiligtums zu verhindern.

Die Flucht aufs Piratenschiff

Und jetzt das: In Band 38 treibt sich ein weiblicher Teenager im Dorf herum, und da es sich gleichzeitig wie ein Lauffeuer herumspricht, dass diese Adrenaline gerne ausbüxe, werden Asterix und Obelix zu ihrer Bewachung abgestellt. Das nützt jedoch nicht allzu viel, denn mithilfe von Aspix und Surimix (den Söhnen des Fischhändlers Verleihnix) sowie Selfix (dem Jungen des Schmiedes Automatix) gelingt ihr die Flucht – und die führt auf Umwegen ausgerechnet auf jenes Piratenschiff, das wegen Windflaute vor der gallischen Küste gestrandet ist. Zu der reichlich angesoffenen Schiffsbande gesellt sich dann auch noch ein gallischer Verräter namens Miesetrix, um im Auftrag von Caesar den rothaarigen Wildfang zu beschlagnahmen.

Ja, es ist einiges los in «Die Tochter des Vercingetorix». Und weil man sich bei Asterix bislang eher selten mit Teenagern herumschlug (Römer und Piraten waren einfacher zu handhaben), ist das erstens eine vielversprechende Perspektive. Und zweitens haben sich Texter Ferri und Zeichner Conrad von ihrem Jungpersonal regelrecht beflügeln lassen.

Man sieht dann diese adoleszenten Figuren zum Beispiel ganz teenielike in Obelix’ Steinbruch herumhängen. Mal schwatzen die Jungs einem Wächter einen Fingerhut voll Zaubertrank ab. Und Adrenaline, die es ablehnt, ein Kleid zu tragen, blüht auf dem Piratenschiff so richtig auf, wenn sie dem gallischen Verräter ihren einengenden Halsring an den Kopf werfen darf. Asterix bleibt bloss zu bemerken: «Was das Rumkommandieren betrifft … ist sie eine echte Vercingetorix.»

«Hinkelstein und Zaubertrank sind die Stützen des Wildschweinesystems!»Teenager Selfix zu Obelix

Und Obelix? Der muss sich auf Asterix’ Geheiss («Du bist der Jugendlichere von uns beiden») mit den Teenagern anfreunden und kriegt dabei bös auf den Helm. Ihm werden gleich als Erstes exzessiver Wildschweinkonsum und Fettleibigkeit vorgeworfen – gipfelnd in der Beleidigung: «Hinkelstein und Zaubertrank sind die Stützen des Wildschweinesystems!» Unschwer zu verstehen, dass sich der dergestalt aus der Fassung Gebrachte umgehend nach seinen klassischen «Auslandeinsätzen» zurücksehnt, wo man bekanntlich lokale Spezialitäten zu probieren pflege.

Lässt sich von Teenagern provozieren: Hinkelsteinlieferant Obelix. Foto: © 2019 Les Éditions Albert René

Diese Ironisierung, die Szenarist Ferri hier in eigener Sache betreibt, steht dem jüngsten Band gut an. Dass «Die Tochter des Vercingetorix» weniger Kulturvermittlung und Völkerkunde bietet als frühere Alben – geschenkt. Dafür werden hier treffsichere Hiebe in Richtung Verschwendungsgesellschaft und Chauvinismus inklusive übersteigerter Männlichkeit und Kriegsbegeisterung verteilt.

Ein sattes Bankett an Aufmüpfigkeiten

Vor allem aber stimmt in «Die Tochter des Vercingetorix» endlich der Tonfall wieder. Der Comic braucht da keine Greta-Thunberg-Galionsfigur (wie im Vorfeld zu befürchten war), sondern liefert einfach ein sattes Bankett an Aufmüpfigkeiten und Running Gags. Höchstens die etwas sinnfreie Beatles-Referenz in Person eines Blumen-transportierenden Letitbix hätte man bleiben lassen können.

Unterm Strich bleibt die Erkenntnis: «Die Tochter des Vercingetorix» ist eines der launigsten und besten Asterix-Abenteuer seit vier Jahrzehnten. Den Spass, den die Macher bei der Arbeit hatten, kann man aus jeder Seite herauslesen. Das müssten in diesem Fall sogar die strengsten Asterix-Puristen zugeben.

Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Die Tochter des Vercingetorix. Egmont Ehapa Media, Berlin 2019, 48 S., ca. 13 Fr. (Softcover)

Erstellt: 24.10.2019, 06:17 Uhr

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