Afrika auf Stelzen

Das erfolgreichste Musical der Welt feierte gestern in Basel Premiere. Visuell knallte «Lion King», was das Zeug hält. Nur etwas irritierte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Zeitpunkt ist perfekt: Nur wenige Tage nachdem der franko-ivorische Manager Tidjane Thiam überraschend zum neuen CEO der Credit Suisse ernannt worden war, feierte das Musical «The Lion King» am Donnerstag in Basel Premiere. Afrika ist damit gleich doppelt in der Schweiz angekommen. In der Wirtschaft haben wir nun unseren Obama. Und in der Kultur für die nächsten Monate einen Welthit, der seit 18 Jahren den afrikanischen Spirit für den globalen Massengeschmack aufbereitet.

Muskelbepackte Schauspieler

Mit 75 Millionen Zuschauern und 6,2 Milliarden Franken Umsatz ist «The Lion King» das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Zu Recht? Klar. Visuell knallt es, was das Zeug hält. Das Gazellenfahrrad, das Pluderhosenwarzenschwein, der Gepard in seiner eleganten Verschmelzung aus Mensch und Spielzeug: Der kreative Erfindungsreichtum der Figuren ist überwältigend. Nur schon, wenn in der Eingangsszene die Giraffen auf hohen Stelzen hereinstolzieren, wickelt einen ihr zerbrechlicher Charme sofort um den Finger.

Doch das horrende Bildertempo lenkt auch von der dürftigen Story ab. Wir kennen sie: der böse Onkel Scar gegen den überirdisch guten Vater Mufasa und seinen Sohn Simba, stolze Löwen gegen fiese Hyänen. Um dem entgegenzuwirken, lassen die Schauspieler ihre gut sichtbaren Muskeln spielen. Jede Geste wird von einer geballten Faust begleitet. Und wenn nach Gnus, Zebras, Elefanten und Erdmännchen auch noch Krokodile auftauchen, ist man des Special-Effect-Zoos etwas müde geworden.

Regisseurin war ein Glücksgriff

In stärkster Erinnerung bleiben die schlichten Szenen: die flatternden Stoffvögel über den Köpfen der Zuschauer. Das tanzende Steppengras. Beeindruckend die Zusammenführung von Tradition und Moderne. Scar erinnert mit Maske und Kostüm an eine Mischung aus japanischem Samurai und Gruselskelett. Simba ist nach dem traditionellen Make-up der Massai-Krieger geschminkt. Das Löwenmädchen Nala – übrigens gespielt von der Schweizerin Melina M'Poy – bewegt sich wie eine balinesische Tänzerin. Das weiss man natürlich nur, wenn man es im Programmheft nachliest, aber man spürt auch ohne ethnologische Vorbildung: Der Regisseurin Julie Taymor ist es gelungen, eine multikulturelle Universalsprache des Theaters für den Broadway zu entwickeln.

Die heute 62-jährige Amerikanerin erwies sich 1997 für die Produzenten des Musicals «Lion King» als Glücksgriff. Als Regisseurin hatte sie sich im alternativen Avantgardetheater einen Namen gemacht, bewies aber gleichzeitig auch ein Händchen für zeitlose, märchenhafte Stoffe. So gelang es ihr, aus dem kindlichen Zeichentrickfilm «Lion King» ein ästhetisch fortschrittliches und zugleich kommerziell erfolgreiches Musical zu machen. Puppentheater, Schattenspiel, Township-Chöre und Ethno-Pop mit Elton-John-Überzug finden zu einem harmonischen Feuerwerk an Farben und Figuren zusammen. Noch heute, bald zwanzig Jahre nach der Premiere am Broadway, wirken die Kostüme frisch, die Masken innovativ und die Choreografien modern.

Musical in englischer Sprache

Irritiert ist man, sobald die Tiere zu sprechen beginnen: Englisch! Allerdings hätte man es wissen müssen, die Veranstalter weisen auf allen Flyern und Plakaten klar darauf hin, dass «Lion King» in englischer Originalsprache aufgeführt wird. Die Produktion, die in Basel zu sehen ist, kommt aus England. Eine deutschsprachige Version, die in Hamburg stationiert ist, ist nicht darauf ausgerichtet, auf Tournee zu gehen. Dennoch erstaunt es, dass nicht wenigstens Untertitel eingeblendet werden, wie etwa in der Oper üblich. Denn die Sprache spielt eine grosse Rolle. Viele Szenen leben vom Wortwitz – etwa zwischen dem ulkigen Erdmännchen Timon und dem herzlich-naiven Warzenschwein Pumbaa – oder von der zynischen Philosophie des bösen Onkels Scar («Life is so unfair!»). Besonders Kinder, die für dieses Musical eine grosse Zielgruppe bilden, dürften ohne intensives Frühenglisch Mühe haben, den Pointen zu folgen. Und auch für die Erwachsenen schadet es nicht, die Filmvorlage schon einige Dutzend Mal auf DVD gesehen zu haben.

Aber egal. Das Staunen über Mufasas Geist, der sich magisch am Sternenhimmel zeigt, ist universell. Oder, um es mit Timon und Pumbaa zu sagen: Hakuna Matata! Alles kein Problem.

Spielzeit bis 16. August 2015 im Musical-Theater Basel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2015, 16:32 Uhr

Artikel zum Thema

Shrek macht halt in Zürich

Das Musical Shrek wurde für den deutschsprachigen Raum neu inszeniert. Gestern feierte es in Zürich Premiere. Mehr...

«Dirty Dancing» als Musical.

Musical Theater 11 Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...