Also entstand der Grössenwahn

Friedrich Nietzsche, der brillanteste aller Wagner-Kritiker, lebte in Sils-Maria. Das Künstlerkollektiv 400asa unternahm eine theatralische Busfahrt dorthin.

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Keinen Honig um den Schnauzbart bitte: Nietzsches Ideen in ihrer Radikalität passen nicht zur Demokratie, am wenigsten zu unserer direkten. Und wir, die wir ja gut leben mit und von dieser Demokratie, haben entsprechend wenig Lust auf Nietzsche, den brillanten Querulanten, und seine letztlich totalitäre Forderung, die Kunst allen anderen Gesellschaftsbereichen voranzustellen. Vielleicht fürchten wir uns sogar ein bisschen. Denn wer konsequent mitzieht mit diesem Propheten der ästhetischen Diktatur, endet zwar nicht als Nazi, aber als Gabriele D’Annunzio oder als Ernst Jünger. So was will hierzulande verständlicher- und vernünftigerweise kaum einer.

Nietzsches Anti-Antisemitismus

Als am Freitagnachmittag die Busreise nach Sils-Maria begann, stand das Unternehmen «Zarathustra 1.1.», das die Theatergruppe 400asa zusammen mit dem Theater Gessnerallee, dem Churer Ensemble und der Scuola Teatro Dimitri organisierte, deshalb vor einem unauflösbaren Dilemma: einerseits Nietzsche in den kommenden 24 Stunden gerecht werden und andererseits die ideologischen Zumutungen in Grenzen halten. Das Wagner-Jahr 2013 und Nietzsches Wagner-Schriften («Der Fall Wagner», «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik») lieferten den Anlass, allerdings war der Blick von Anfang an aufs Gesamtwerk geweitet.

Eine nietzscheanische Provokation schien zu Beginn «Literaturclub»-Moderator Stefan Zweifel zu wagen, als er in der Nähe des Heidilands bei Sargans zur Hymne auf Nietzsche anhob, dessen kompromisslos geführtes Leben uns alle klein und feige erscheinen lasse und beschäme; er selbst nehme sich da nicht aus. Nach einer mit Zitaten von Thomas Bernhard gespickten Spott-Tirade gegen den naiven Versuch, Nietzsche durch einen Besuch seiner Engadiner Arbeitsstätte verstehen zu wollen, fokussierte er zum Schluss dann doch auf eine definitiv löbliche und mehrheitsfähige, für das Werk aber wenig bedeutende Charaktereigenschaft Nietzsches – jene des Anti-Antisemitismus. Zufriedener Applaus schallte durch den gut gefüllten Doppelstöcker, der in den Gesprächspausen mit Schnipseln aus Wagner-Opern bespielt wurde.

Stefan Zweifel gehörte zur hochklassigen Expertencrew, welche die Reise kunst- und geistesgeschichtlich reflektierte. Neben ihm waren da die Autorin Kerstin Decker («Nietzsche und Wagner. Geschichte einer Hassliebe») und die Opernregisseurin Anna-Sophie Mahler («Tristan oder Isolde»), welche die Hintergründe der Beziehung zwischen Nietzsche und Wagner besprachen. Am Samstag spielte und erklärte der Komponist und Pianist Stefan Wirth Hörproben aus Wagners Œuvre, und Theatermacher Milo Rau und Musiker Ted Gaier hinterfragten an einer Podiumsdiskussion im Hotel Waldorf den Bayreuther Geniekult. Ein Teil der Reisenden hatte dort die Nacht verbracht, der Rest auf einem eigens hergerichteten Zeltplatz – wobei ein Glücklicher nach einem Losspiel ins Luxushotel wechseln konnte.

Die Schauspieler ihrerseits versuchten einfallsreich und beharrlich, Unruhe zu stiften und aufkommende Behaglichkeit zu stören. So liefen sie maulend durch den Bus, in Chur inszenierten sie einen kleinen Überfall, und auf dem Julierpass beschlagnahmten sie – in schwarzen Uniformen und barsch bellend – die Handys der Reisenden. Der performative Höhepunkt wurde kurz nach der Ankunft in Sils-Maria erreicht, als vor dem Nietzsche-Haus eine Melone zerdeppert wurde. Ein älterer Zuschauer fiel vor Schreck über einen Strauch auf den Hosenboden, und es blieb auch etwas Melone am Nietzsche-Haus kleben. «O Gott, das müssen wir dann wegkratzen», flüsterte 400asa-Gründer Samuel Schwarz.

Heiter statt andächtig

Diese wilden Aktionen vermochten am erwähnten Dilemma zwar nichts zu ändern – die Darstellungen von Dionysos blieben harmlos, heikle «Zarathustra»Passagen wie jene vom «Staat» wurden nur gestreift. Sie waren Intermezzi auf einer im Grund bildungsbürgerlichen Exkursion, hatten als solche aber durchaus eine belebende Wirkung: Nach dem Melonen-Massaker besuchte die Reisegruppe in heiterer und gar nicht andächtiger Stimmung das Nietzsche-Haus, und vielleicht kann einer etwas mehr Mitgefühl für geschundene Wagner-Helden aufbringen, wenn er gerade selbst gepiesackt und drangsaliert wurde.

Doch dann, während der Rückfahrt, war Nietzsches Gefährlichkeit, seine Verlockung zum Grössenwahn, plötzlich doch noch zu erahnen: Frederick Delius’ Zarathustra-Collage «Eine Messe des Lebens» von 1905 wurde angespielt, und das einschüchternde Panorama des Engadins, das die Pupillen einmal mehr weiten und die Münder aufklappen liess, zog vorbei. Ganz kurz schiens möglich, dass er, Zarathustra, in diesen Steinen tatsächlich hausen könnte.

Erstellt: 08.07.2013, 09:39 Uhr

Video

Der Trailer zur Reise.

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