Am Fjord, wo die Einsamkeit wächst

Werner Düggelin bringt Jon Fosses Stück «Schönes» auf die Zürcher Pfauenbühne.

Selbst die Gitarre ist allein, und mit der Liebe wird es nichts in «Schönes»:

Selbst die Gitarre ist allein, und mit der Liebe wird es nichts in «Schönes»: Bild: Toni Suter (T + T Fotografie)

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Versteinert verharrt das ganze Ensemble auf seinen Positionen: links am Gartentisch Backfisch und Boyfriend; verloren in der Mitte Vater Peer mit seiner geliebten Gitarre und seiner weniger geliebten Frau; und auf der rechten Seite, fast von der Bühne kippend, Peers alte Mutter und Peers alter Freund. So beginnt am Pfauen der vierte Akt von Jon Fosses Stück «Schönes» (2001), das dort am Mittwoch in der Regie von Werner Düggelin zur schweizerischen Erstaufführung kam. Ein starkes Still-Bild: Der Atem stockt, alles ist vereist.

Auch der erste Satz der Frau: «Von mir aus können wir fahren», funktioniert nicht als Eisbrecher. Vor ein paar Tagen installierte sich die Familie für die grossen Ferien bei Peers Mutter, und jetzt ist alles schon wieder vorbei. Dabei wartet in der Stadt kein Zuhause: Der Weg zu einem Hafen, einer Heimat liegt nicht frei in «Schönes», und das sechsköpfige Ensemble bewegt sich auf einem schiefen Holzbohlenboden ohne festen Grund. Selbst der riesige Prospekt im Fond bietet keine Perspektive: nichts als weisse Unendlichkeit, nur an den Rändern durchbrochen von den dräuenden Schattenrissen der rauen Felsen.

Blau, Weiss, Schwarz

Jon Fosses Albtraum vom völligen Verlust jeder Orientierung findet bei Bühnenbildner Raimund Bauer im abstrahierten, abgekühlten Bild eines Fjords statt, zwischen Blau und Weiss und Schwarz und wenigen Requisiten, die aussehen wie aus einem Kinderbuch entführt. Das freundlich weiss-blaue Ruderboot, das düster schwarze Bootshaus, sie stehn im Niemandsland und kommen daher als Symbole, als hätte da jemand grossen Spass an psychoanalytischer Traumdeutung gehabt.

Und das ist nicht so verkehrt: Schliesslich kehrt Peer – der bei Fosse Geir also «Speer» heisst –, nach langen Jahren, mit der halb erwachsenen Tochter und der ganz entfremdeten Frau für einen Sommer ins Dorf am Fjord zurück, in dem er aufgewachsen ist, à la recherche du temps perdu. Oder doch eher auf der Flucht vor der verlorenen Zeit?

Zumindest versucht Tilo Nests Peer – vergeblich –, eine betäubende Gegenwart ins aufdringliche Gesumme der Vergangenheit hineinzusingen. Er lässt die Gitarre zirpen, pfeift, rockt, trällert und schlägt regelmässig Bootsauflüge vor, die natürlich nie unternommen werden. Nein, das Boot und das Bootshaus halten an ihrer eigenen Geschichte fest, der Geschichte von Peers Kinderfreundschaft mit Leif: Man fuhr zum Angeln, machte Musik im Schuppen, zelebrierte eine Art Blutsbrüderschaft – bis, nun, bis irgendetwas passierte.

Aber weil der Text von Jon Fosse ist und nicht von Henrik Ibsen, werden wir nie erfahren, was dieses «Etwas» war, nach dem die Frauen in diesem Drama (und wir) immer wieder fragen. Peers Mutter versteht nur Bahnhof; Peers Frau läuft wie ein Panther mit Hospitalismus im Dorf auf und ab und flirtet verzweifelt mit Leif, um wenigstens so an ihren Mann heranzukommen; und die Tochter nimmt sich einen Freund, der ein jugendliches Gegenstück zu ihrem Vater ist – ein Gewächs der Einsamkeit.

Die Gattin darf brüllen

Damals, vor vielen Jahren, hatte das Ungesagte, das Unfassbare Peer in die Stadt und in eine dröge Existenz als Musiklehrer getrieben – und Leif in eine Depression, eine Form von Hikikomori-Syndrom. Er lebt bei seiner Mutter, tut nichts, spricht kaum. Dass er bei Nicolas Rosat immerhin ein stereotypes Lächeln und gar ein paar regelrecht muntere Momente zu bieten hat, überrascht. Passt aber zu dieser Inszenierung, die teilweise gegen den beckettianischen Grundton des Textes ankämpft. Wo Fosses Figuren frustriert klingen, gefangen in der Hässlichkeit ihrer Routinen, aus denen auch die titelgebende Schönheit des Fjords und seiner Farben nicht befreit, malt Düggelin Akzente, inszeniert er Erregungen.

So wirkt Christian Baumbachs nervöser Dorfbub zu Beginn beinah wie ein Borderliner; und Peers Tochter Siv – eine überzeugende Franziska Machens – startet die Soiree mit ihrem spitzen Schreckensschrei. Auch Yvon Jansens Frauenfigur darf leider eine Menge brüllen. Nur Nikola Weisse, die mit ihrer Oma-Rolle ihr 50-Jahr-Bühnenjubiläum feiert, bleibt so diskret wie ihr braunes Kleid und ihre braven Schnürstiefel.

Überhaupt passen die gesichtslosen Kostüme von Bettina Walter perfekt in dieses Stück, in dem keiner weiss, wos langgeht. Das biedere, orange Blüschen der Mutter, das so gar nicht mit ihren legeren Espadrilles und ihrer Sturmfrisur harmoniert, wirft sie aus allen Kontexten; Sivs Zopf ist zeitlos, die dunklen Hosen der Herren so nichtssagend wie ihre verbale Kostümierung: Peers in seine Satzfetzen hineingetaktetes «Was?», Leifs allerweil dahingemurmeltes «Ja», das genauso gut «Nein» heissen könnte oder «Vielleicht».

Zwei Nestroy-Preisträger

Kulisse und Kostüme atmen die Verwirrung und Verwahrlosung von «Schönes», in dem nichts schön und selbst das zarte Pflänzchen Jugendliebe zum Verenden verdammt ist: Die Obdachlosigkeit ist existenziell, und in den schwarzen (Boots-)Häusern lauern Triebe und Träume. Die Schauspieler allerdings zeigen zeitweise eine Hilflosigkeit, die übers Stück hinausgeht – obwohl Tilo Nest seine musikalischen Talente ganz grossartig ausspielen kann (musikalische Beratung: Markus Schönholzer).

Zugegebenermassen ist «Schönes» nicht das tollste Werk des norwegischen Nestroy-Preisträgers; und trotzdem ziseliert der Schweizer Nestroy-Preisträger daraus die eine oder andere Szene, die mit eisiger Hand an unser Herz fasst. Vieles jedoch bleibt hier in einem fest verschweissten Stadttheater stecken, und kein Panther wirft sich gegen die Stäbe. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2013, 08:05 Uhr

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