Premiere

«An Hamlet kommt man nicht vorbei»

In seiner letzten Saison in Bern inszeniert Schauspielchef Erich Sidler erstmals in seiner Karriere «Hamlet». Warum er den Paradeklassiker noch nie aufführte, hat seinen guten Grund.

«Mich berührt, wie in Hamlet Angst und Zerfall zu Sprache wird», sagt Erich Sidler.

«Mich berührt, wie in Hamlet Angst und Zerfall zu Sprache wird», sagt Erich Sidler. Bild: Valérie Chételat

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«Hamlet? Er ist arrogant, bösartig und überschätzt sich selber völlig», sagt Erich Sidler. «Und er ist gescheit.» Es ist Sidlers letzte Saison als Schauspielchef am Berner Stadttheater, und es ist das erste Mal in seiner Karriere, dass er sich den berühmtesten tragischen Helden der Theatergeschichte vornimmt. «An Hamlet kommt man nicht vorbei», ist sein Fazit.

Hamlet, den Intellektuellen, bringt der 46-Jährige zur Saisoneröffnung auf die Bühne. «Immer wieder wird behauptet, dass Hamlet ein Zauderer sei, das ist allerdings nur eine von seinen vielen Facetten», sagt der Regisseur. «Mich interessiert der Hamlet, der realisiert, dass er Macht hat. Über seine Mutter, über seinen Onkel, und der merkt, wie sehr ihn das Volk liebt.»

Diese Momentaufnahme des Erwachsenwerdens fasziniert Sidler. «Der Stoff hat so viele Aspekte, die für den Menschen immanent sind, Sehnsüchte, Ängste, Konflikte, Lüste und Wünsche.» Weil Shakespeare mit Hamlet tief im Menschsein schürfe, habe das Stück auch überlebt. «In jeder Epoche ist erkannt worden, dass man sich an diesem Stoff reiben und ihn sich aneignen muss.» Zwei Interpretationsebenen macht Sidler in der mehr als 400-jährigen Geschichte aus: der archaische ödipale Konflikt innerhalb der Königsfamilie und die intellektuelle Auseinandersetzung, die eine Antwort auf die Frage sucht, was Hamlet mit dem Sezieren seiner Gedanken eigentlich will.

Ausharren in der Isolation

«Viel will er», sagt Sidler. «Er stellt sich der Frage, ob es sich lohnt, den Schmerz über den Tod des Vaters und die unerfüllte Lust in seiner Liebe zu Ophelia in Kauf zu nehmen, und er will herausfinden, ob ihn diese Erfahrungen weiterbringen.» Aus der Perspektive Hamlets will der Regisseur die Geschichte erzählen. Aus der Sicht eines einsamen Prinzen, der ganz bewusst in seiner Isoliertheit verharrt, weil er alles durchschaut und sich von nichts und niemandem eine Erlösung erhofft, sich vielmehr selber befreien wird.

Und garantiert kein Opfer ist Sidlers Hamlet. «Er hat die Fäden in der Hand.» Dem Geist des Vaters, der von Hamlet Rache verlangt, traut Sidler nicht. «Weit spannender ist doch, dass Hamlet eine Erscheinung als Katalysator braucht, um dorthin aufzubrechen, wo er das Gefühl hat, er müsse hin.» Nüchtern und fast eine wenig misstrauisch untersucht Sidler die tragische Story. «Könnte der Geist des Vaters nicht einfach eine Erscheinung in einem Drogenrausch sein?» Ausser diesem Gespenst habe ja Hamlet weder Zeugen noch Beweise, dass sein Onkel Claudius der Mörder seines Vaters sei. «Hamlet initiiert die ganze Rachestory, er ist der Strippenzieher», sagt Sidler.Zu Statisten verdammt sind so die übrigen Figuren, die Mutter, der Onkel und auch Ophelia, Hamlets unglückliche Geliebte. «Ophelia wird nach Strich und Faden hintergangen», sagt Sidler, «ich will wissen, was herauskommt, wenn ihr noch weniger Raum zugestanden wird, sie kaum noch Luft bekommt und realisiert, dass sie sich nicht mehr bewegen kann.»

Richard Burtons Tunnelblick

Obwohl er Hamlet noch nie inszeniert hat, setzt Sidler sich schon lange und intensiv mit dem dänischen Königssohn auseinander. Seit seiner Ausbildung zum Theaterregisseur an der Zürcher Schauspielschule, als Shakespeare Pflichtlektüre war und ihn dessen Sprache sofort faszinierte. «Mich berührt, wie in Hamlet Angst und Zerfall zu Sprache wird», sagt Sidler. «Gleichzeitig ist es eine Sprache, die enorm die Gedanken vergrössert und einem das Gefühl gibt, man rede in ein Megafon hinein.» Von der Tiefenschärfe der Sätze schwärmt Sidler, von den alten Wörtern in der englischen Fassung, die eine unheimliche Kraft entwickeln. Für Elisabeth Plessens selten gespielte Übersetzung hat Sidler sich entschieden. «Sie ist sehr vielschichtig und genau, gleichzeitig aber auch von einer grossen Leichtigkeit.»

Von den «Hamlet»-Aufführungen, die er gesehen hat, beeindruckte ihn am meisten der Hamlet des jungen Richard Burton. 1964 spielte der britische Schauspieler am Broadway den Prinzen, eine Inszenierung, die als Film dokumentiert ist. «Der Film war für mich ein Dosenöffner», sagt Sidler, «Burton hat diesen Tunnelblick, als Zuschauer weiss man nie, ob er am Abgrund ist oder ob er mit dem Wahnsinn nur spielt, wie er behauptet.» Immer aber wirke dieser Hamlet hoch gefährdet.So spannend die Auseinandersetzung mit Hamlet, Sidler hatte auch Widerstände gegen den Klassiker. Wegen der ganzen Ikonografie des Stückes, wegen «to be or not to be», wegen Totenschädel, Geist, Grab und Wasserleiche. «Erst wollten wir auf ‹to be or not to be› und Totenkopf verzichten», doch dann habe man entschieden, damit – und mit den Erwartungen des Publikums – zu spielen.

Dem Spiel im Spiel kommt eine zentrale Rolle in Sidlers Inszenierung zu. Auch wegen den zahlreichen Monologen des Stücks. Der Regisseur will daher weder einen Wald noch einen Friedhof in der grossen Vidmarhalle. Ein riesiges Matratzenlager wird dort vielmehr zur klassischen Shakespeare-Bühne, auf der Theater im Theater gespielt wird. «Da passen dann die Monologe mit ihrer Künstlichkeit ganz gut hin.» So altmodisch die Form des Theatermonologs auch sei, «wo Gedanken so wichtig sind, ist sie unverzichtbar».

«Seinen» Hamlet gefunden

Vor einem Jahr bereits hätte Erich Sidler gerne mit «Hamlet» die Saison eröffnet. Mit Andri Schenardi in der Titelrolle. Wegen seiner Durchlässigkeit und Verletzlichkeit ist er für Sidler der ideale Hamlet, der die Macht entdeckt. Doch der junge Schauspieler erkrankte letzten Sommer schwer. Sidler wollte keinen Ersatz und entschied sich kurzfristig, das Projekt zu vertagen. «Hamlet macht man, wenn man einen Hamlet hat», sagt Sidler. Mit Schenardi hat er seinen Hamlet gefunden. «Er ist voller Widersprüche.» (Der Bund)

Erstellt: 31.08.2011, 13:28 Uhr

Premiere

3. September, 19.30 Uhr. Aufführungen bis 10. März (Vidmar 1).

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