An der Wand der Liebe

Wenn ein 21-köpfiges Netzwerk in eine Einzimmerwohnung einzieht, dann muss das ein Theaterabend von René Pollesch sein. «Love/No Love» heisst sein neuer Streich im Zürcher Schiffbau.

Das Leben ist ein Schweinestall, nur dass das bei René Pollesch überhaupt nicht so aussieht: In «Love/No Love» fliegen Kapuzenpullis und Gedanken. Foto: Matthias Horn

Das Leben ist ein Schweinestall, nur dass das bei René Pollesch überhaupt nicht so aussieht: In «Love/No Love» fliegen Kapuzenpullis und Gedanken. Foto: Matthias Horn

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So eine Gaudi kann Gescheitheit sein, und so cool Komödie. Aber nur bei René Pollesch, dem unangefochtenen Champion des Diskurstheaters. Da wird als Hintergrund zum neuen Abend, «Love/No Love», das A bis Z der zeitgenössischen Kulturtheorie gereicht. Das beginnt bei Giorgio Agamben («Profanierungen») und geht über Zygmunt Bauman («Daten, Drohnen, Disziplin») bis Slavoj Žižek («Ich höre dich mit meinen Augen»). Aber wenn auf der neon-orange leuchtenden Bühne der Schiffbau-Box drei Schauspieler und ein 21-köpfiger Chor mit den Theoriesplittern werfen, wird das Herz zur Zielscheibe, egal, ob der Kopf voll ist von der Lektüre oder nicht. Und sie treffen!

Ein Spiel im Grundriss

Die choreografierte Diskussion «Love/No Love» zeichnet den Grundriss unseres Begehrens so exakt nach, als sei sie ganz darin daheim. Als stünde sie darin herum und könne uns ungeniert auf die Synapsen treten. Und sie tut es. Hoch agil wird uns vorgetanzt: Nach einer solchen Zeichnung darf man nicht bauen – keine Beziehung, keine Liebe. Und muss es trotzdem, denn eine andere gibt es nicht. Aber immerhin ist sie die Grundlage für die Architektur eines erstklassigen Theater­erlebnisses.

Die Grundrisse auf dem Boden des Schiffbaus zeigen nicht Lars von Triers «Dogville», die brutale amerikanische Kleinstadt, die der dänische Filmregisseur 2003 gleichfalls nur in Grundrissen skizziert hatte. Aber eine gesoftete Hollywoodversion des Menschen wird auch in den beiden Singlewohnungen, die Bühnenbild-Star Bert Neumann hier festgehalten hat, nicht ein und aus gehen. Es sind vielmehr Inga Busch, Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und die 21 jungen Männer des Chors, von denen einer unter 21 ist. Es wird eng in den Einzimmerwohnungen. Der Abstand zum anderen ist dennoch kilometerweit.

«Ich hab jetzt keinen Ort mehr. Das ist das Problem. Es war immer der Platz ­neben dir, auch in Gedanken. Und der ist weg. Also nicht mal besetzt, sondern einfach weg, verstehst du? (...) Aber ich weiss natürlich, ich versuche dich, diese einzige leere Stelle, die überhaupt zu mir spricht, diese einzige leere Stelle, die überhaupt das Sehen in mir hervorbringt, auszuschliessen. (...) Wir sehen, weil wir angesehen werden, wir sprechen, weil das eine Antwort ist. Normalerweise wissen wir natürlich nicht, auf was.» Resümiert Nils Kahnwald und schaut, jetzt in schickes Trauerschwarz gekleidet, von der Seite der Bühne auf die überfüllten Wohnungen. Eben noch war der Chor zu Madonnas elektronischem Foltersong «Die Another Day» («I’m gonna destroy my ego / I’m gonna close my body») auf harten, schwarzen Bällen herumgerobbt. Jetzt sind diese zu einem monströsen Tränenberg geronnen, und die 21 Turner haben sich drumherum drapiert.

Glücklichsein geht gar nicht

Überhaupt ist es schlicht genial, wie Autor und Regisseur Pollesch seine fein miteinander verzahnten Satz-Maschinen, seine intelligent wuchernden Wortuntersuchungen mit einer komischen Comedy-Choreografie konterkariert; wie er jeden Tiefsinn erbarmungslos plattschlägt. «Dieses ganze Google- und Facebook-Prinzip beruht darauf, dass wir gemeint sein wollen, und dieses ­protestantische Prinzip des Auserwähltseins, das hat absolut nichts mit dem Glück zu tun, das ja nur dem zuteilwird, der es sich nicht verdient hat und der letztlich nicht gemeint ist», stellt Inga Busch fest.

Doch da wir immerzu irgendwie gemeint sein wollen, kriegen wir Glücklichsein grundsätzlich nicht hin. Morrissey singt dazu sein «It’s the same old S.O.S.» (aus «Life Is A Pigsty»), und die Männerriege legt sich auf dem Boden aus als ein riesiges S.O.S. Noch Fragen? Löffelchen-Stellung oder «Life of Brian»-Steinigungen nach Monty Python: Alles wird szenisch ausbuchstabiert, poppig orchestriert, jede Erkenntnis bitterbös ironisiert. Und das in siebzig knackigen Minuten. Knackig, pfiffig – aber auch ohne das existenzielle Heulen, mit dem Polleschs Dampfer den Schiffbau letztes Mal erfüllte («Herein! Herein! Ich atme euch ein!»). Da ist mehr Witz als Weh.

Im Grunde funktionieren ohnehin alle Menschen bloss als Staffage, als imaginiertes Mobiliar unter einem imaginiertem Obdach: Man ist Stuhl oder Bett im fiktionalen Häuschen der Beziehungsfantasie eines anderen – so wie die Figuren in Grassos gnadenlosem Zeichentrickfilm «The Employment», auf den Pollesch sich hier explizit bezieht. Darum hat Kostümbildnerin Sabin Fleck auch dem ganzen Personal auf der Bühne neon-orange Jogginganzüge verpasst, die mit silbrigen Philodendronblättern gemustert sind: den Blättern der Lieblingszimmerpflanze der bildungsbürgerlichen siebzigerjahregeneration, dieses gezähmten tropischen Topfgeschöpfs.

Dass das Publikum auch mit zur Kulisse gehört, macht schon die Farbe klar: Neon-orange sind selbst die Sitzgelegenheiten in der Box. Wir sind Teil dieser Wohnungen, an deren Wand die Aufschrift «DEAD END» prangt. Und «dieses Dead End sieht mich an. Die Wand spielt ja mit meiner Tendenz, hinter allem irgendetwas zu vermuten. Wie zum Beispiel hinter oder in dir», erläutert Kahnwald das Hitchcock-Prinzip der Soiree. «Als wäre ich irgendwann zu Hause aufgewacht, und da war nur noch dieses ‹Dead End› über mir zu sehen.» Bei Hitch­cock, so erzählt Pollesch in «Love/No Love», haben die Wände Augen, weil wir einen Blick hinter dem Vorhang vermuten. Das Innere gebe es nur, wenn wir es von aussen ansehen.

Ab in die Sackgasse

«Wir haben eine Fähigkeit, die unsere eigentliche Potenz ist, und zwar an jedem tendenziell irgendwas wie ein inneres Leben zu vermuten», postuliert Kahnwald, und Tietjen sekundiert: «Das können wir bei jedem toten Gegenstand, wie zum Beispiel bei unserer Liebe. Ich habe das jahrelang gemacht, weisst du. Und jetzt gelingt mir das plötzlich nicht mehr.» Die Liebesprojektion ist eh nur ein Zufall, der eintrat, weil sie die Klingel hörte, statt im Garten zu sein und ihre grosse Liebe zu verpassen. Doch was bleibt dann noch? Ein irres Anrasen gegen die Sackgasse oder ein amüsiertes Annehmen der Kontingenz à la Alain Resnais («Smoking/No Smoking»). Die Männer des Chors versuchen es mit wunderbar popelig-provin­ziellen Macarena-Hip-Hop-Moonwalk-Verschnitten zu Jamiroquais «Canned Heat»: «Nothing left for me to do but dance.»

Es macht keinen Spass, zu kapieren, dass man die ganzen Jahre vergeblich an sich herumgeschraubt hat und eh immer «an der völlig falschen Stelle» nach seinem Selbst sucht, wie es im Rahmen­dialog des Stücks heisst. Aber es macht einen Riesenspass, beim Kapieren zuzusehen; beim Kapieren mitzugehen. Die richtige Stelle, nach sich selbst zu suchen, befindet sich derzeit definitiv in Zürich, in der Box im Schiffbau, bei René Polleschs «Love/No Love».

Erstellt: 10.05.2015, 18:28 Uhr

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