Auf Sprechdroge

Wo ist es denn hin, das Leben? Im neuen Theaterabend von René Pollesch geht der wilde Löwe ab. «High (du weisst wovon)» kann auch Ihr Bewusstsein erweitern.

Sind sie gefangen in der Bedeutung ihrer Uniform? Im Gegenteil, die Damen vom Chor können auch kiffen. Foto: Matthias Horn

Sind sie gefangen in der Bedeutung ihrer Uniform? Im Gegenteil, die Damen vom Chor können auch kiffen. Foto: Matthias Horn

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Der Löwe ist los! Jedenfalls ist, backstage, der Löwenkäfig leer, und die Löwen auf dem Portal sind bloss gemalt, wie sie da durch Feuerreifen springen oder mit Zirkuskünstlerinnen aus einem anderen Jahrhundert tanzen. Die vier Schauspieler aus Fleisch und Blut hingegen stehen hinter der Bühne in ihren halbseidenen Zirkuskostümen dumm herum, die Livecam beamt sie auf die zwei Leinwände in der Schiffbau-Halle. Und wir hören Jirka Zett maulen: «Man freut sich auf die tollen Löwen, und dann steht man vor einem leeren Käfig. Und der stellt sich als das Hotelzimmer heraus, das man gebucht hat. Und so ungefähr ist auch mein Leben. Und hier beginnt unsere Geschichte.»

Und flugs geht es weiter mit den flockigen Fiesheiten über das hohle Dasein zwischen Mittelschichtsgefühligkeiten und RAV-Zentrums-Demütigungen, zwischen Dauerdepression und Dauerüberheblichkeit, zwischen strapaziösem Nebeneinander und verlogenem Miteinander, zwischen knarzendem Missverstehen und harmonieseliger «Occupy-Wall-Street-Scheisse». «High (du weisst wovon)», der neue Zürcher Pollesch-Abend, führt die Sehnsucht vor, sich am groben, lebendigen Material – an der Welt – den Kopf blutig zu schlagen, anstatt ihn vollzukiffen und abzuheben. Sich an der Andersheit zu reiben, anstatt sie sich zurechtzuquasseln.

Die Welt kommt nicht

Doch weil die Begegnung mit der Welt stets irgendwie danebengeht, wird trotzdem wie verrückt gequasselt und gekifft – erst im Pollesch-Film «Bad Decisions» (2016), aus dem zu Beginn eine Szene eingespielt wird, dann in «High» selbst. Und nein, es ist nicht das Gras, wovon man hier high wird; auch das ist ja nicht echt.

Es sei wie im Film «Inside Out»: So wedelt Inga Busch vor dem leeren Löwenkäfig mit einem der aktuellen Lieblingsverweise des 1962 geborenen Diskurstheater-Artisten, oder besser: Antidiskurstheater-Artisten René Pollesch. «Man zieht von Wisconsin nach San Francisco, und die Umzugswagen kommen einfach nicht.» Marie Rosa Tietjen: «Ja, man ist in Erwartung der Welt, und sie kommt einfach nicht.» Wo sie sein könnte, weiss keiner. «Ich kann sagen, ich komm an alles ran, aber es ist nichts da», resümiert Zett später. Da bleibt nur ein leeres Ding mit Gitterstäben, an denen der Blick sich müdeläuft.

Der Circus reicht vom einen Ende der Schiffbau-Halle zum anderen – längs, immens, raumfressend.

Und das Gleiche kann auch für einen traditionellen, bedeutungsheischenden Theaterguckkasten stehen, das fiktionsverliebte «Repräsentationstheater» (Pollesch). Dort sieht der Mensch etwas, das er mit Interpretationen überhäuft, weil er nicht erkennt, was das Ganze soll ausser an ein Schlagwort-Gerümpel aus «Gier», «Leben» oder «Liebe» zu erinnern. Genau gegen solche Bedeutungshubereien rennt «High (du weisst wovon)» an – mit schwerem Gerät und leichtfüssigem Chor, einer Gruppe aus 13 jungen Frauen in Sträflings-Streifenlook, die hinter dem Ensemble her- oder vor ihm wegläuft oder einfach nur läuft (Choreografie: Sebastian Henn).

Da fliesst echter Schweiss statt falsches Geschwurbel: Pollesch verneigt sich gern vor Robert Pfallers Idee, dass der Schauspielerkörper die einzig messbare Wirkung einer Theatersoiree zeige. Und Zett frotzelt: «Das ist Warten auf Godot im Gehen, Warten auf Godot-to-go.» Warten Sie noch, oder lachen Sie schon? Wir, um es ohne Umschweife zu bekennen, haben gelacht, und nicht nur da.

High vom Hören

Von «High (du weisst wovon)» wird man breit, stoned, berauscht, wenn man sich Polleschs gut abgemischtes Pulver ohne Zaudern reinzieht: hier die Wortgefechte und selbstironischen Predigten («Materialist bleiben, sagen, was man hört und sieht, nicht, was man denkt»); da die Filmzitate, vor allem aus «Inside Out», wo «Sadness» jede schöne Erinnerung verdirbt, und aus «Picnic at Hanging Rock», wo ein paar junge Frauen mysteriös verschwinden; und dort die Soundclips, von Isaac Hayes’ tickendem Schlagzeug in «Run Fay Run» über das Donnern von Junkie XLs «Chapter Doof» und das Träumen von Cat Stevens’ «Wind» bis hin zu den dräuenden Klängen von Krzysztof Pendereckis Sinfonie Nr. 3. Und irgendwo brüllt der Löwe, den es nicht gibt. Vielleicht ist dieser Abend ja auch ein Godot to rock and roll.

Die Schauspieler rollen zumindest den ominösen leeren Käfig auf die Bühne – ein handfestes Etwas mit Nichts drin auf einem alten Heuwagen. Und für das Wagenrennen, eher: Wagenziehen und -schieben, hat die Bühnenbildnerin Barbara Steiner einen regelrechten antiken Circus Maximus gebaut (der auch etwas von einer stillen Hommage an den verstorbenen Bühnenbildner Bert Neumann hat, dessen Arbeiten oft wie eigenständige Geschöpfe wirkten). Die Arena reicht vom einen Ende der Halle zum anderen, einem Portal zum anderen: längs, immens, raumfressend.

Es ist ein riesiger Baukörper mit einer Spina in der Mitte, einer Wirbelsäule, wie beim römischen Circus. An den Seiten, quasi in den Rippen, sitzen wir auf zwei Tribünen, ein Teil des Leibes. Das Theater läuft buchstäblich um uns herum: eine Blutbahn aus 17 Menschen, einem Käfig, ein paar monströsen Ballons. Wir sehen die Akteure, wenn sie vor uns durchmarschieren, bis sie um die Kurve biegen – zu den Zuschauern auf der anderen Seite. Sprechen sie dort drüben in die Tonangel, versteht man sie öfters kaum. Eine Kommunikation «wie durch den Lärm einer Kaffeemühle» (Hilke Altefrohne) – und das Nichtverstehen offenbart sich als wahrer Modus des Gesprächs. Soziale Kontakte auf der Bühne seien fake; und «in echt» ebenso. Nur denken könne man gemeinsam, ja, müsse man gemeinsam.

Die Parade zieht weiter

Das weiss nicht nur Altefrohne. Das Aneinandervorbeireden ist die Conditio sine qua non des Sprechens, behaupten auch die andern. Sie verhören sich ständig: «Bier» oder «Tier»?, «heilig» oder «billig»? Und sie fallen einander ins Wort, fahren sich in die Parade. Die Parade ist sowieso das Leitmotiv von «High»: Auf der Parade sind sie alle unterwegs, Performance muss sein, pausenlos. Und: «Wie mit Paraden, so ist es auch mit meinem Leben», sagt Zett. «Entweder alles läuft an mir vorbei, oder ich laufe mit, und es ist alles immer irgendwie das Gleiche.»

Zugegeben: Just dieses Gefühl beschleicht uns zwischendurch auch. Da wird nicht gebissen und geheult, das wilde Tier bleibt Phantom. Allgegenwärtig und immer gleich leicht ist dagegen der raffinierte Berliner Zivilisationszerleger René Pollesch mit seinem feinen Besteck.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2017, 18:56 Uhr

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