Auftritt Bürokratie-Monster

Nun gilt der Inländervorrang – auch für Schauspieler. Könnte ein absurdes Theater werden.

Zum Glück nur Fiktion: Bürokratie-Monster Vogon Jeltz aus «The Hitchhiker's Guide to the Galaxy».

Zum Glück nur Fiktion: Bürokratie-Monster Vogon Jeltz aus «The Hitchhiker's Guide to the Galaxy».

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Statisten spielen keine grosse Rolle, das habe sie so an sich. Sie marschieren als Soldaten, geben die schwatzende Bürgerversammlung oder applaudieren als Höflinge. Meist sind sie örtliche Laien, die mal auf der grossen Bühne mittun wollen. Als Gegenleistung gibts barocke Gefühle und Spesen. Davon kann niemand leben, die Statistenarbeit ist ein Hobby.

Dennoch sind Statisten vom Inländervorrang betroffen, der seit 1. Juli gilt. Dies, weil die Arbeitslosenversicherung die Berufsbezeichnung «Statist» als eine Unterkategorie der Hauptkategorie «Schauspieler» führt. 176 Schauspieler waren im Mai als arbeitslos gemeldet, was bei registrierten 1324 Schauspielern eine hohe Arbeitslosenquote von gut 13 Prozent ergibt. Ist die Arbeitslosigkeit in einem Beruf höher als 8 Prozent, muss seit Montag jede freie Stelle den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet werden. Das RAV macht daraufhin Vorschläge, etwa welche arbeitslosen Schauspieler die freie Rolle übernehmen könnten.

Dass das RAV einen altgedienten Darsteller für Statistenarbeit aufbietet, ist sehr gut möglich. Vorausgesetzt, es gibt wie im Schauspielhaus Zürich Verträge mit den Statisten. Einen Statisten als «ungeeignet» abzulehnen, dürfte den Theatern wiederum schwerfallen, unterscheiden sich Statisten doch nur durch grobe Merkmale wie Grösse oder Postur.

Hohe Bussen

Zudem drohen Strafen. Wer eine offene Schauspielerstelle versehentlich nicht beim RAV meldet, wird mit bis zu 20'000 Franken gebüsst, eine vorsätzliche Verletzung der Meldepflicht wird mit bis zu 40'000 Franken Busse sanktioniert. Läufts dumm, sind die Statisten bald ganz grosse Stars – zumindest in der Rubrik «Ungeplante Mehrausgaben».

Über besonders viele Statisten und einen über 100-jährigen Statistenverein verfügt die Zürcher Oper. Sie dürfte allerdings noch glimpflich davonkommen, weil sie ihre Statisten mit Spesen und einem Ticket entschädigt, aber keinen Vertrag mit ihnen abschliesst.

Glück hat die Oper auch, weil bei Sängern und Musikern die Arbeitslosenzahlen unter der 8-Prozent-Grenze liegen, offene Stellen bei diesen Berufen daher nicht meldepflichtig sind. In der Berufskategorie «Musiker/Komponisten/Dirigenten» beträgt die Arbeitslosenquote derzeit nicht einmal ein Prozent.

Auch die Bühnentechnik ist betroffen

Der Inländervorrang bürokratisiert heute also vor allem jene Kulturinstitutionen, die mit Schauspielern im engeren oder weiteren Sinn zu tun haben. Hinzu kommen nichtkünstlerische Berufe, die ebenfalls unter die Meldepflicht fallen: in der Bühnentechnik und im Marketing, aber auch in der Gastronomie. Das Stadttheater Bern zum Beispiel schätzt den zusätzlichen Administrationsaufwand, der nun durch den Inländervorrang anfällt, auf fünf bis zehn Stellenprozent.

Mit einem offenen Brief ans Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat die Filmszene reagiert. Gewarnt wird vor Absurditäten: «So kann etwa die Rolle eines älteren Bankdirektors nicht durch einen jungen Schauspieler besetzt werden, der im fraglichen Zeitpunkt gerade arbeitslos ist.» Für Elena Pedrazzoli, die den Brief als Präsidentin des Filmverbands Garp unterzeichnet hat, sind noch viele bürokratische Fragen offen. Etwa die Einstufung von Schweizer Schauspielerinnen, die im Ausland leben. Oder was getan werden muss, wenn ein Schauspieler kurzfristig aus einem Dreh aussteigt, die Zeit drängt und die Fristen der RAV zu lange dauern.

Bisher gibt es keine Anzeichen, dass die Politik das fragile MEI-Konstrukt wegen der Filmerinnen und Intendanten antasten will. SP-Bundesrat Alain Berset – immerhin Kulturminister – erklärte im Schweizer Fernsehen barsch, die Künstler hätten sich vor der Abstimmung viel zu wenig engagiert. Nun müssten sie mit den Konsequenzen leben. Der Bürokratie-Aufwand dürfte nicht geringer werden in nächster Zeit. Im Gegenteil: 2020 will der Bundesrat den Schwellenwert für meldepflichtige Jobs auf die 5-Prozent-Grenze senken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2018, 17:48 Uhr

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